"Stromberg"-Produzent "Ich habe ein Faible für peinliche Situationen"

Ralf Husmann genießt großes Vertrauen bei ProSieben: Nach der Kult-Serie "Stromberg" startet er Ende März die Krimi-Comedy "Dr. Psycho". Mit SPIEGEL ONLINE sprach Husmann über schlechte Quoten, die Faszination des Fremdschämens und Christian Ulmens Humor.


SPIEGEL ONLINE: "Stromberg" hat zwar eine treue Fangemeinde, ist aber nicht unbedingt ein Zuschauermagnet. Mit "Dr. Psycho", der neuen Comedy-Serie mit Christian Ulmen, hat Ihnen ProSieben gleich das nächste potenziell unbequeme Projekt an die Hand gegeben. Ist so viel Vertrauen nicht überraschend?

Husmann: Ja, und ich hab noch nicht mal kompromittierende Fotos von irgendwem in der Schublade! Es ist tatsächlich so, dass ProSieben sich in dieser Hinsicht am meisten traut, sicher auch aufgrund guter Erfahrungen: Die haben ihre größten Erfolge mit eher Comedy-lastigen Sachen gehabt. Die haben an Stefan Raab geglaubt, als das sonst keiner getan hat, sie haben die "Bully-Parade" über mehrere Staffeln durchgezogen, bevor es zum Erfolg wurde. Also haben sie Vertrauen, dass Formate, die sie selber gut finden, irgendwann einmal den Weg zum großen Publikum finden. Die Hoffnung haben wir auch bei der dritten Staffel von "Stromberg" noch nicht aufgegeben.

SPIEGEL ONLINE: Ausgerechnet beim letzten Christian-Ulmen-Format, "Mein neuer Freund", hatte man bei ProSieben allerdings weniger Durchhaltevermögen: Das wurde 2005 wegen schlechter Quoten nach der ersten Folge abgesetzt und erst nach Zuschauerprotesten im Internet auf einem späteren Sendeplatz wieder ins Programm gehoben. Eine Ausnahme?

Husmann: Dass die bereit waren, "Mein neuer Freund" aufgrund einer Internet-Petition wieder ins Programm zu nehmen, das gab es meines Wissens vorher noch nicht. Das zeugt doch auch davon, dass sie Fangemeinden ernst nehmen. Es bedarf eines gewissen Mutes, jemanden, der mit dem ersten Versuch so aufgelaufen ist, trotzdem noch mal ins Programm zu holen und zu sagen: Wir glauben daran, dass Christian Ulmen zum Sender passt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht denn die Zukunft von "Stromberg" aus? Guckt man jetzt, ob er doch dauerhaft ein größeres Publikum anzieht, oder ist der Stoff nach Staffel drei ohnehin auserzählt?

Husmann: Nein. ProSieben hat schon signalisiert, dass auf jeden Fall Interesse besteht, weiterzumachen. Selbstverständlich hofft man, dass es quotenmäßig mal ein bisschen anzieht. Aber die Werbeauslastung in den ersten zwei Staffeln ist gut gewesen, insofern macht der Sender kein Riesenverlustgeschäft. Wir müssen halt mal überlegen, wie man Strombergs Geschichte weitererzählen kann.

SPIEGEL ONLINE: Lässt das Format denn überhaupt große Entwicklungen zu?

Husmann: Ich glaube nicht, dass man Stromberg endlos so wie jetzt weiterführen kann. Die Systematik funktioniert ja immer nur über Hierarchie: Stromberg muss Chef sein, muss aber auch noch einen Chef über sich haben. Das trägt nicht ewig, denn irgendwann stellt man sich schon die Frage: Warum fliegt er nicht raus, wieso nehmen die Leute ihn immer noch ernst? Zumindest die Figur Stromberg kann man aber noch ein bisschen weiterdrehen. Ich muss darüber aber auch mit Christoph Maria Herbst reden, ob er noch Lust hat. Weil das natürlich die Rolle ist, die ihn am meisten prägt. Er muss entscheiden: Will er noch mal ein, zwei Staffeln lang die Halbglatze und den Bart tragen?

SPIEGEL ONLINE: "Dr. Psycho" mit Christian Ulmen als chaotischem Polizeipsychologen hat ein anderes Setting als "Stromberg", dennoch geht es auch da um den Horror von Büro-Verhältnissen – Ihr Lieblingsthema?

Husmann: Jede Serie, die am Arbeitsplatz spielt, kommt um bestimmte Komponenten nicht herum. Natürlich hat man am Arbeitsplatz immer einen Chef, Kollegen und Probleme, die sich aus dieser Konstellation ergeben. Aber insgesamt geht "Dr. Psycho" in eine ganz andere Richtung, weil es ein Stundenformat ist und ein Krimi – keine Comedyserie oder Sitcom. Bei "Stromberg" geht es um den klassischen Büroalltag, hier um Leben und Tod, um Schusswaffengebrauch und Geiselnehmer. Und die Figur, die Christian Ulmen spielt, Max Munzl, ist auch ganz anders angelegt: viel intellektueller, weicher. Er ist nicht der Chef, sondern eher ein Fremdkörper, der da reingespült wird und sich mit der harten Polizeiwelt auseinandersetzen muss.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gesagt, Sie hätten Ulmen die Titelrolle "auf den untrainierten Leib geschrieben" – heißt das, Sie haben die Bücher erst fertig gestellt, als er zugesagt hatte?

Husmann: Ja. Ich wollte schon lange mal eine lustige Krimiserie machen, aber das Ganze hat erst Form angenommen, als Christian gesagt hat, er könne sich das auch vorstellen. Für mich ist immer wichtig zu wissen: Wer spielt das? Deswegen ist der Casting-Prozess am Anfang ganz entscheidend, weil ich dann erst eine Vorstellung kriege, wie die Figuren funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum ausgerechnet Ulmen?

Husmann: Christian ist ja kein gelernter Schauspieler, aber immer sehr nah bei sich in seinen Rollen. Da muss man wohl das vielgepriesene Wort 'authentisch' bemühen. Den Ulmen erkennt man am Telefon nach zwei Silben; er hat halt so 'ne Art zu reden, die sofort ins Ohr geht, die man mag oder auch nicht, aber die sich unglaublich einprägt. Das haben die meisten großen Komiker, wenn man an Leute wie Rühmann oder Theo Lingen denkt. Er hat auch eine lustige Körpersprache, ein bisschen ungelenk und sehr eigen, und mit den Elementen, die ihn ausmachen, spielt er ganz bewusst. Deshalb hat er auch kein Problem damit, sich in der ersten Folge auszuziehen und dann halt so dazustehen: untrainiert, nicht braun gebrannt, mit albernen Boxershorts und zwei nicht zusammenpassenden Socken.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht eine weitere Parallele zwischen "Stromberg" und "Dr. Psycho": In beiden Formaten stehen Figuren im Vordergrund, die sich unheimlich peinlich benehmen, dafür aber in ihrer Eigenwahrnehmung völlig schmerzbefreit scheinen?

Husmann: Ich habe ein großes Faible für peinliche Situationen. Christian sieht das ähnlich: "Mein neuer Freund" ging ja auch in diese Richtung. Er hat auf jeden Fall auch eine Vorliebe dafür, sich selber in peinliche Situationen zu bringen und das dann auszuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Und der Zuschauer bleibt dran, weil ihn ein wohliger Schauer überläuft - weil er sich sozusagen gerne fremdschämt?

Husmann: Das ist ja der kathartische Faktor beim Humor allgemein: Man sieht den Leuten bei Sachen zu, von denen man hofft, dass sie einem selber nicht passieren. Das gibt's ja schon bei den alten Griechen: Der Philosoph guckt ins Buch, läuft los, fällt in eine Grube und die Magd lacht. Das ist die berühmte Fallhöhe. Und die Schadenfreude, das Wort gibt's wiederum nur im Deutschen, ist sicher auch ein Element dabei.

Das Interview führte Peter Luley



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.