Studie zu Nacktheit im Theater Die Blut-und-Hoden-Ideologie

Blusen auf! Hosen runter! Viele Theaterregisseure setzen auf Nacktheit auf der Bühne. Muss das denn sein? Ja, es muss, schreibt die Theaterwissenschaftlerin Ulrike Traub in einem neuen Buch. Weil es um mehr geht als um den Skandal.

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Nackedeis auf Gemälden - kein Aufreger mehr seit Jahrhunderten, man gehe nur mal ins Museum, zu Botticelli, Tizian, Rubens. Nackedeis im Film - schon gar kein Problem, man schaue sich nur mal den neuen Tom-Tykwer-Film "Drei" an. Nackedeis in der Werbung - oh ja, ohne lässt sich kaum noch ein Auto verkaufen, kein Parfüm, kein Duschgel. Aber kaum knüpft mal eine Schauspielerin auf einer Bühne die Bluse auf, stöhnt in einer der ersten Sitzreihen garantiert ein Theaterabonnent auf - nicht aus Lust, aus Ärger. Lässt dann noch ein Schauspieler die Hosen runter, leert sich der Saal, deuten er und seine barbusige Mitspielerin gar ein Techtelmechtel an, knallen die Türen. Was für ein Theater!

Ulrike Traub hat sich nun der Frage gewidmet, wieso das so ist, wieso Nacktheit auf der Bühne häufig Anstoß erregt, Nacktheit in der Bildenden Kunst, im Film, in der Werbung aber eher selten. Und natürlich der Frage, was Bühnenregisseure mit all den nackten Tatsachen eigentlich bezwecken - gegen den Willen eines Teils der Theatergänger. Ihr Buch mit dem knackigen Titel "Theater der Nacktheit" ist als Doktorarbeit entstanden, also nichts für Voyeure: ohne Bilder, dafür mit jeder Menge Fußnoten und 28 Seiten Literaturverzeichnis.

Oft wird Nacktheit für ein Phänomen des Regietheaters gehalten, einen Irrweg, keine 20 Jahre alt, ganz nach dem Rezept: Wenn der Regisseur nicht weiter weiß, helfen Blut und Nackedeis. Ziel des Blut- und Hodentheaters, so die Unterstellung, sei der Skandal um des Skandals willen, sonst nichts.

Girl-Truppen und sexuelle Revolution

Traub hingegen weist nach, dass der unbekleidete Körper bereits seit der Wende zum 20. Jahrhundert zunehmend als Bühnenzeichen eingesetzt wird. Sie unterscheidet drei Hochphasen, in denen Schauspieler besonders häufig die Hüllen fallen ließen: die Freikörperkultur in Kaiserreich und Weimarer Republik mit Isadora Duncan, Anita Berber und den Girl-Truppen der Ausstattungsrevuen; die sexuelle Revolution der sechziger und siebziger Jahre mit dem Musical "Hair", dem Living Theatre und dem Wiener Aktionismus, die Gegenwart.

In den ersten beiden Phasen waren unbekleidete Darsteller laut Traub auch ein Instrument des Protests gegen eine rigide Sexualmoral, eine "Gegenreaktion auf den übermäßig zivilisierten Körper". Nacktheit war ideologisch. Aber warum, um Himmels willen, müssen Körper heute noch nackt auf der Bühne sein? Sie sind es doch schon überall, sie müssen doch nicht mehr befreit werden.

Natürlich müssen sie, schreibt Traub. Freizügigkeit wird heute zwar fast immer und überall geduldet, wenn nicht gar goutiert, aber sie unterliegt Bedingungen: "Die nackte Haut muss makellos erscheinen." Über eine füllige Frau mit kurzem Rock heißt es nicht mehr: "So etwas trägt man nicht!", sondern: "So etwas kann die nicht tragen!" Nacktheit wird nicht mehr nach moralischen Maßstäben bewertet, sondern nach ästhetischen. "An die Stelle religiös motivierter Gängelung des Körpers", schreibt Traub, "ist ein säkularer Schönheitskult getreten, welcher nur scheinbar ein liberaler ist." Daraus resultiere eine neue Art der Scham, "welche nicht mehr den verbotenen, sondern den kritischen Blick fürchtet".

Der Körper als Uniform

Das Gegenwartstheater, schreibt Traub, setze den perfekten Medienkörpern unperfekte Körper entgegen: zum Beispiel die "durchschnittlichen Leiber mittleren Alters" in Jürgen Goschs Düsseldorfer Skandalinszenierung des Macbeth 2005 oder auch die unmodifizierten, natürlichen, "neutralen" Körper in den selbstironischen Shows der New Burlesque. Nacktheit auf der Bühne ist laut Traub also nach wie vor ideologisch, eine Gegenreaktion, ein Instrument des Protests.

Anstößig ist der nackte Körper im Theater demnach nicht, weil er nackt ist, sondern weil er nicht perfekt ist - im Unterschied zu den trainierten und operierten, perfekt geschminkten und perfekt ausgeleuchteten Körpern der Filmschauspieler und Werbemodells, deren Fotos obendrein digital nachbearbeitet werden. All dies führt dazu, dass ihre Körper nicht mehr so individuell sind - und nicht mehr so nackt, wenn sie nichts anhaben. Merke: eine unbekleidete Frau mit Silikonbrüsten wirkt weniger nackt als eine unbekleidete Frau mit natürlichen Brüsten. Ihr Körper ist ihre Uniform.

Traub verficht eine wichtige These, um den nackten Körper auf der Bühne zu rehabilitieren. Sie beobachtet gut, zieht kluge Schlüsse. Nur leider ist sie sehr auf ihre sehr spezielle These fokussiert, mehr als der doch recht allgemein gehaltene Buchtitel es erwarten lässt. Denn Nacktheit auf der Bühne hat, gerade im Gegenwartstheater, etliche andere Aspekte. Was Traub zum Beispiel ignoriert: dass sich oft junge Schauspieler ausziehen müssen, dass diese jungen Schauspieler oft durchtrainiert und zurechtgehungert und intimrasiert sind, weil sie wissen, dass sie sich früher oder später ausziehen müssen - und begaffen lassen. Befreite Körper sehen anders aus.

Unlauter ist aber auch das nicht unbedingt. Nackte Körper auf der Bühne sind etwas anderes als nackte Körper im Film, auch wenn sie schön sind. Der Zuschauer ist live in einem Raum mit dem Nackten, so dass nicht nur er den Nackten beobachtet, sondern der Nackte auch ihn, zudem können die anderen Zuschauer im Saal ihn beim Beobachten beobachten. Es ist eine Konstellation, die viele Inszenierungen des Gegenwartstheaters bewusst forcieren. Der Zuschauer wird zum Voyeur, ob er will oder nicht, und dieses Voyeursdasein wird ihm unangenehm.

Nicht mehr der Nackte schämt sich, sondern der, der hinschaut. Kein Wunder also, wenn er wegläuft.



insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
hatem1 25.12.2010
1. Wer braucht Theaterwissenschaftler?
Das Theater jedenfalls nicht. Frohes Fest!
Indigo76 25.12.2010
2.
Ein wichtiger Punkt wurde im Artikel nicht angesprochen. Und das ist die "Angst des Intellektuellen". Das Theater wird von einer bestimmten Art Mensch besucht. Dieser ist oder fühlt sich (vermutlich in weitaus mehr Fällen) intellektuell überlegen. Wenn dieser Mensch sich jetzt beim beobachten beobachtet fühlt, was im Artikel ja beschrieben wurde, sieht er seinen Status in Gefahr. Er fühlt sich herabgesetzt zum gemeinen Kinogänger oder befürchtet zumindest, dass er von anderen so gesehen wird. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Wenn das Stück wirklich gut ist, wird der mit dem echten Kunstverstand wohl sitzen bleiben.
schlob 25.12.2010
3. hamlet nackt ist einfach nur dämlich.-
Zitat von sysopBlusen auf! Hosen runter! Viele Theaterregisseure setzen auf Nacktheit auf der Bühne. Muss das denn sein? Ja, es muss, schreibt die Theaterwissenschaftlerin Ulrike Traub in einem neuen Buch. Weil es um mehr geht als um den Skandal. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,736214,00.html
das ist barer unfug- es soll befreiung der körper gefördert werden- wenn das stück das als ziel hat-bitte sehr- nur war es nicht das anliegen von hamlet,zur befreiung der körper beizutragen. hamlet nackt ist einfach nur dämlich.-
seppiverseckelt 25.12.2010
4. Wie immer...
...sollte doch wohl auch bei "Nackten-Passagen" auf der Bühne der Sinnzusammenhang gegeben sein mit dem was eigentlich aufgeführt wird- Nacktheit um der Nacktheit beziehungsweise um der Zuschauerverärgerung willen ist Sinnlos- und der Skandal ist da weil ich vom Rgisseur erwarte dass die sinnhaftigkeit seiner Inszenierung an oberster Stelle steht ! zur erläuterung eine Mac-Beth Inszenierung Irgendwann in den 90ern am Theater Basel- Der Stoff an sich ordentlich wenn auch etwas uninspiriert dargestellt - da kommt eine Szene in welcher man sich denken muss dass Mc-Beth mit Soldaten "unterwegs" ist -UND- WAS macht der Regisseur ? Er lässt Zwölf Männliche Schauspieler Splitterfasernackt jedoch mit Stahlhelm auf dem Kopf ein Paar Runden Polonaise auf der Bühne drehen- eine Zurschaustellung Sinnloser als Sinnlos- n i c h t die Nackten Leiber waren anstössig sondern dieses Sinnbefreite Intermezzo als solches- der Regisseur verhinderte geradezu, dass das Publikum das weitere Geschehen Imaginieren kann- und von dieser Sorte skandalöser Sinnlosigkeit sind eben sehr viele der "Nackten Tatsachen" auf den Bühnen von heute !
Hubert Rudnick, 25.12.2010
5. Hamlet ist nackt einfach nur dämlich
Zitat von schlobdas ist barer unfug- es soll befreiung der körper gefördert werden- wenn das stück das als ziel hat-bitte sehr- nur war es nicht das anliegen von hamlet,zur befreiung der körper beizutragen. hamlet nackt ist einfach nur dämlich.-
Es wird ja auch keiner Hamlet nackt zeigen wollen, aber es gibt schon genügend Stücke, wo man sich nicht scheuen sollte auch nackte Haut zu zeigen. Wer wird denn wieder seine Prüderie hier offen zeigen? HR
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