Stuttgarter "Liederabend" Schmidt trifft Elvis, Baader trifft Hitler

Der Kosmos des Harald Schmidt, sein Blick auf den "Deutschen Herbst" 1977 und die wirre Welt von heute: Gestern Abend feierte der Entertainer mit dem Programm "Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen." Premiere im Stuttgarter Schauspielhaus. Das Publikum jubelte.

Von Jochen Blind, Stuttgart


Deutschland im Herbst 1977: Die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer durch die RAF, die Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut", schließlich die Ermordung Schleyers und die Selbstmorde von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe halten die Bundesrepublik in ihrem Bann. In der öffentlichen Diskussion gibt es nur noch dieses eine Thema. Auch die Kulturszene greift es auf. Das Stuttgarter Schauspielhaus jedoch kümmert sich um anderes: Genau eine Woche nach der Ermordung Schleyers findet hier eine Gedenkfeier der ganz anderen Art statt: Elvis Presley, am 16. August des Jahres tot in seinem Badezimmer aufgefunden, wird wieder zum Leben erweckt. Ein bunter Liederabend huldigt dem King of Pop - als bewusstes Kontrastprogramm zum Deutschen Herbst.

Auch Harald Schmidt schaut sich diesen Elvis-Liederabend an. 13 Mal insgesamt. "Das spricht für deinen schlechten Geschmack", bekommt der 20-Jährige an der Staatlichen Schauspielschule zu hören. Dort ist er frisch aufgenommen worden. 25 Jahre soll es dauern, bis er dann als "Bester Nachwuchsschauspieler" ausgezeichnet wird. Die Eindrücke der Elvis-Gedenkshow bleiben ihm präsent.

Stuttgart im Herbst 2007: Das Schauspielhaus beschäftigt sich mit dem Projekt "Endstation Stammheim", in dem noch bis November die Ereignisse des Herbstes 1977 künstlerisch aufgearbeitet werden sollen. Ein "Liederabend" ist versprochen. Harald Schmidt betritt die Bühne des Schauspielhauses. Im Fernsehen wirkte er zuletzt müde, lustlos, bemüht. Nach der Sommerpause wird er in seiner Show von Fliegengewicht-Comedian Oliver Pocher unterstützt. Hier auf der Bühne ist Schmidt der alleinige Star. Er trägt einen dunklen Anzug im Siebziger-Look, weißes Hemd, Fliege. Die Band zur Linken, die Sänger zur Rechten. Hinter ihm glitzert der Lamettavorhang. "Ohne Agenda 2010 hätten wir gar nicht genügend Leute, die vor der Vorstellung das ganze Lametta bügeln", lästert Schmidt. Er erzählt: Wie er vor 30 Jahren hier im Theater saß, wie der Elvis-Liederabend ablief. Zusammen mit Schauspielern des Stuttgarter Ensembles gibt Schmidt einzelne Passagen der damaligen Show zum Besten. Sie singen Elvis-Klassiker. Schmidt schildert Elvis' Leben - mit allen Höhen und Tiefen. So spottet er über die unglückliche Ehe: "Priscilla became a desperate housewife, and Elvis a walking drugstore."

Parallel macht sich Schmidt seine Gedanken zum Deutschen Herbst. "Warum wird dieses Thema zurzeit völlig ignoriert?", spottet er. Seine Antwort: Das sei das Ergebnis der "gleichgeschalteten Medien". Eva Herman - auch in Stuttgart ist sie mit dabei. Das Publikum johlt. "Das ist ein ernsthafter politischer Abend", mahnt Schmidt grinsend. Er beklagt, dass die Menschen so schnell vergessen: "1977, 2007 - Ulrike Meinhof, Andrea Nahles. Wer war wann? Und wer hat Münte mehr geschadet?" Mit seinen Anekdoten sieht sich Schmidt in bester Guido-Knopp-Tradition: "Augenzeugen schildern präzise, woran sie sich nur noch verschwommen erinnern können."

Gleich darauf ist Schmidt im Berliner Bendlerblock, bei den Dreharbeiten mit Tom Cruise. Um Kinder für das Thema zu sensibilisieren, schlägt er eine neue Serie vor: "Bibi Bendlerblocksberg", kalauert er. Vom Hitler-Widerstand zurück zur RAF. Schmidt philosophiert über neue Filmprojekte zu diesem Thema. Und er sieht schon vor sich, wie die Bundesagentur für Arbeit melden kann: "Nur drei Prozent der deutschen Schauspieler haben noch nie ein RAF-Mitglied gespielt." Schmidt denkt weiter: "Die RAF muss zum Broadway." Allerdings müsse der beste deutsche Exportschlager unbedingt mit dabei sein: Adolf Hitler. Ein Krankenbett wird auf die Bühne gefahren. Darin der alte Hitler, der stolz verkündet, er habe den Untergang überlebt. Andreas Baader gesellt sich zu ihm. Gemeinsam singen sie. Bis der Engel Elvis eingeflogen kommt und über den beiden schwebt. Schmidt schickt die Figuren jedoch von der Bühne: "Schluss jetzt mit Hitler und Baader. Jetzt wird's wieder politisch."

Im Publikum sitzen viele Jüngere, die an die RAF-Zeit und Elvis Presley keine eigenen Erinnerungen haben. Sie kamen wegen Harald Schmidt. Eine Zuschauerin ruft besonders gerne und laut "Harald" dazwischen. "Meine Ex", sagt Schmidt trocken, "dabei überweise ich ihr doch was." Ein Zuschauer kontert: "Aber nicht genug." Der nächste mischt sich ein: "Fresse halten!" Schmidt strahlt - und malt sich schon die Zeitungsüberschriften des folgenden Tages aus: "Schlägerei in Zuschauerraum". Das Publikum johlt.

"Es gibt Parallelwelten zwischen Stammheim, RAF, Theater und Elvis", erklärt Schmidt. Wie genau diese aussehen, scheint sich aber nur ihm zu erschließen. Es ist sein eigener Kosmos, der da auf der Bühne inszeniert wird. Seine Erinnerungen an das Jahr 1977 - dazu Anekdoten aus der Stuttgarter Theaterszene. Und Schubert-Musik, die Marseillaise, ein Büchner-Dialog sowie Goethes "Iphigenie". Brechts "Herr Keuner" singt, dazwischen stolpert Hamlet über die Bühne. Und Wolf Biermann taucht auf. Ein Kessel Buntes eben - gewürzt mit allerlei Sticheleien in Richtung Gegenwart. "Der Abend ist ja nicht beliebig zusammengekloppt", flachst Schmidt, "eines baut auf das andere auf."

Es schwindelt einem, so schnell treibt er das Programm voran. Nach 90 Minuten ist die XXL-Harald-Schmidt-Show zu Ende. Auch wenn es streckenweise diffus war: Schmidt ist zur alten Höchstform aufgelaufen - zynisch, frech, treffsicher. Das Publikum feiert ihn begeistert. Er genießt es sichtlich. Schmidt in dieser Form im Fernsehen: Das wäre ein goldener Herbst im Deutschland von 2007.

Schmidts "Liederabend" ist am 21. Oktober 2007 um 21 Uhr auf 3sat zu sehen



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