Süchtige bei Maischberger Nüchtern bis schüchtern

Doping sollte das Thema sein, tatsächlich aber ging es um das Leid von Süchtigen. Und das war gut so: Die gestrige Maischberger-Runde mit Christiane F. kam ohne Rückfälle in Populismus aus. Stattdessen wurde das Profil einer schweren Krankheit deutlich.

Von Jörg Böckem


Die gute Nachricht: Christiane F. lebt noch. Die schlechte – es gibt immer noch eine ganze Menge Süchtige in unserem Land. Und allzu gut scheint es Christiane, die seit beinahe 30 Jahren mit dem zweifelhaften Namenszusatz "Ex-Junkie", gerne ergänzt um "Deutschlands berühmtester", leben muss, auch nicht zu gehen.

Talk-Gast Christiane F., Moderatorin Maischberger: Nüchternes Gespräch
WDR

Talk-Gast Christiane F., Moderatorin Maischberger: Nüchternes Gespräch

Jedem seine Droge – leben wir in einer gedopten Gesellschaft?" hieß das Thema gestern Nacht in Sandra Maischbergers Talkrunde. Wenn die Bundesregierung im Frühjahr ihren jährlichen Bericht veröffentlicht, widmen sich die Talkshows immer gerne dem Thema Sucht und Drogen.

Die gute Nachricht: Die Redaktion hat sich bemüht, das Thema seriös zu behandeln, und die Gäste haben in den meisten Fällen fundiert, kenntnisreich und nachvollziehbar argumentiert. Die Tablettenabhängige Gitte Daun, die gerade einen Entzug beendet hat, berichtete anschaulich von ihrem Weg in die Sucht, der mit einem ärztlich verordneten Medikament gegen ihre Migräne und dem Gefühl, in ihrem Alltag um jeden Preis funktionieren zu müssen, angefangen hatte.

Ihr behandelnder Arzt, der Suchtmediziner Dr. Rüdiger Holzbach, lieferte Hintergrundinformationen über diese in der gesellschaftlichen Wahrnehmung völlig unterschätze Sucht, über die Naivität von Ärzten, die Signalwirkung von Medikamentenwerbung, die Schwierigkeiten von Angehörigen und Betroffenen, die Symptome richtig zu deuten und die Gefahren von nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten.

Hanf-Aktivist Steffen Geyer argumentierte differenziert und klug für eine kontrollierte Legalisierung von Cannabis bei gleichzeitiger Aufklärung über Wirkung und Risiken. Siegfried Schönherr, ehemaliger Werber, den seine Kokain- und Crackabhängigkeit den Job und mehr gekostet hatte, schilderte seine Erfahrungen mit der Droge und der Sucht, der eigenen und der Medikamentenabhängigkeit der Mutter.

Brigitta Reiz, Mutter eines ehemals drogensüchtigen Sohnes und seit drei Jahrzehnten in der Elternselbsthilfe tätig, beschwor die Gefahr von Abhängigkeitsentwicklung gerade bei Jugendlichen, die schnelle, einfache Lösungen für die Probleme des Erwachsenwerdens suchen.

Entzug von der Kontroverse

Vieles, was gesagt wurde, war es wert, gehört zu werden. Da spielte keine Rolle, dass der Titel der Sendung eine ziemliche Mogelpackung war. Das Thema gedopte Gesellschaft wurde eher nebenbei abgehandelt, stattdessen wurde die Frage nach der Cannabislegalisierung von der Moderatorin immer wieder aufgegriffen - einzig bei dem Thema lag Streit in der Luft.

Denn das ist die schlechte Nachricht: Leider wurde auch wieder deutlich, dass bei allem Bemühen um Seriosität eine Fernsehtalkshow ehernen Gesetzen gehorchen muss. Unübersehbar der Versuch, eine Kontroverse herzustellen.

Glücklicherweise, für die Show vielleicht unglücklicherweise, haben sich die Gäste nicht beirren lassen. Talkshow ohne Aufwallen der Emotionen, ohne ein plakatives Element, soll wohl nicht sein. Und ohne Vereinfachung auch nicht - die in der Diskussion um Abhängigkeit unerlässliche Differenzierung von Sucht, Rausch und Droge fand nur im Ansatz statt. Was nicht an den Gästen lag. Eine Talkshow, scheint es, ist wohl nicht das beste Medium für eine fundierte, differenzierte Diskussion.

Der eindringlichste Moment der Sendung, als die medikamentenabhängige Gitte Daun die zur Dekoration auf dem Tisch drapierten Tablettenpackungen entnervt aus ihrem Gesichtsfeld entfernte, ging leider ziemlich unter. Diese wenigen Sekunden haben viel erzählt über die Krankheit Sucht, den mühsamen Weg hinaus und den oft gedankenlosen Umgang der Umwelt damit.

Am Ende, vielleicht auch, um nach dem Talk auch den Gesetzen der Show genüge zu tun, das Gespräch mit Christiane F. Genau, das Mädchen vom Bahnhof Zoo, Deutschlands bekanntester Ex-Junkie, seit drei Jahrzehnten. Sie saß nicht mit im Studio, dass Interview war separat aufgezeichnet worden.

Eine kluge Entscheidung, die mittlerweile 44-Jährige wirkte nervös, unsicher und häufig von den Fragen überfordert. Sie ist noch mit dem Ersatzstoff Methadon substituiert, ohne fürchtet sie dem Leben und ihrer Mutterrolle nicht gewachsen zu sein. Sie hat keinen Job, fühlt sich ausgegrenzt von der Gesellschaft und um ihre Jugend betrogen; sie besucht noch immer regelmäßig ihre alten Freunde auf der Szene und fürchtet den Rückfall. Man möchte sie abwechselnd schütteln und in die Arme nehmen.

Zum Thema Sucht und gedopte Gesellschaft weiß sie nicht viel zu sagen. Und verkörpert doch so viel davon. Aber danach fragt Sandra Maischberger nicht, und vielleicht ist das auch gut so. Man hat Christiane F. keinen Gefallen damit getan, sie vor eine Kamera zu holen. Und dem Zuschauer, zumindest dem nicht voyeuristisch motivierten, auch nicht.

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Forum - Wege aus der Sucht?
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Seite 1
Kapnix, 04.05.2007
1.
Zitat von sysopSPIEGEL-Autor Jörg Böckem beschreibt in seinem Therapie-Tagebuch eindringlich Drogensucht und ihre langen Folgen. Was ist Ihre Meinung zu seinen Aufzeichnungen? Wie kann man Drogenabhängigen besser beim Kampf gegen die Sucht unterstützen?
Der Erste, und auch wesentlichste, Schritt würde darin bestehen, das alle die sich mit diesem Thema beschäftigen, verstehen und akzeptieren, das so gut wie kein Süchtiger seine Droge freiwillig nimmt. Ein banaler, aber in meinen Augen sehr wichtiger, Schritt.
susenn 04.05.2007
2.
Zitat von sysopSPIEGEL-Autor Jörg Böckem beschreibt in seinem Therapie-Tagebuch eindringlich Drogensucht und ihre langen Folgen. Was ist Ihre Meinung zu seinen Aufzeichnungen? Wie kann man Drogenabhängigen besser beim Kampf gegen die Sucht unterstützen?
Die beste Unterstützung erfolgt VOR dem Kampf gegen die Abhängigkeit. Lehrkräfte, Eltern, Ausbilder sollten Vorbild sein und über die Folgen von Drogenmissbrauch aufklären. Damit meine ich alle, auch die s.g. "weichen Drogen". Die Gefahr einer Abhängigkeit besteht eben auch bei Tabak, Alkohol, Zigaretten und Tabletten. In jedem Fall entscheidet der verantwortungsvolle Umgang über Nutzen oder Zerstörung.
rabenkrähe 04.05.2007
3.
Zitat von sysopSPIEGEL-Autor Jörg Böckem beschreibt in seinem Therapie-Tagebuch eindringlich Drogensucht und ihre langen Folgen. Was ist Ihre Meinung zu seinen Aufzeichnungen? Wie kann man Drogenabhängigen besser beim Kampf gegen die Sucht unterstützen?
..... Der oder die Süchtige muß die Bereitschaft/Notwendigkeit entwickeln, zu dem zu schauen, was mit der jeweiligen Sucht um jeden Preis versteckt werden soll. rabenkrähe
albatrox, 05.05.2007
4.
Zitat von susennDie beste Unterstützung erfolgt VOR dem Kampf gegen die Abhängigkeit. Lehrkräfte, Eltern, Ausbilder sollten Vorbild sein und über die Folgen von Drogenmissbrauch aufklären. Damit meine ich alle, auch die s.g. "weichen Drogen". Die Gefahr einer Abhängigkeit besteht eben auch bei Tabak, Alkohol, Zigaretten und Tabletten. In jedem Fall entscheidet der verantwortungsvolle Umgang über Nutzen oder Zerstörung.
Die Kinder von heute sind die Eltern und Erzieher von morgen. Was man selber nicht hat, kann man nicht vermitteln. Die beste Prophylaxe ist die Alternative. Sinnvolle Betätigung ist keine Garantie, aber unverzichtbar, um die Zahl der Betroffenen zu mindern. a
Kapnix, 05.05.2007
5.
Zitat von rabenkrähe..... Der oder die Süchtige muß die Bereitschaft/Notwendigkeit entwickeln, zu dem zu schauen, was mit der jeweiligen Sucht um jeden Preis versteckt werden soll. rabenkrähe
Wenn sie das könnten, wären sie nicht süchtig. Und wenn sie es während der Sucht erkennen befreit es sie nicht daraus.
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