Sündenpfuhl Bolschoi: Hier tanzen die Puppen, aber richtig!

Von , Moskau

Pornovideos, eine vermeintlich verfettete Primaballerina, gigantische Umbaukosten: Das legendäre Moskauer Bolschoi-Ballett unterhält das Publikum nicht nur mit Spitzen-Tanz, sondern auch gern mit Skandalen. Jetzt schreitet sogar der Kreml ein.

Skandale am Bolschoi: Pornos und Korruption Fotos
Getty Images

Juri Luschkow, Moskaus inzwischen geschasster Bürgermeister, stieg im vergangenen Jahr in die Unterwelt des Bolschoi-Theaters hinab. 20 Meter tief reichen die Fundamente des "Großen Theaters" im Zentrum von Moskau, Grundwasser nagt an den Gemäuern, unterirdisch plätschert ein Flüsschen namens Neglinka. "Dort leben und gedeihen große Kakerlaken, wie wir sie uns in unserem ganzen Leben nicht vorstellen konnten", berichtete Luschkow nach seiner Expedition mit leichtem Schauern. Zehn Zentimeter groß seien die Schaben, und von weißlicher Farbe, weil sie niemals Sonnenlicht sehen. Sie scheuten den Menschen. Als er sie habe berühren wollen, sagt Luschkow, "sprangen sie ins Wasser. Sie sind gute Schwimmer."

Es sind nicht die einzigen Abgründe, die sich am berühmten Bolschoi dieser Tage auftun, diesem "Träger der russischen Tradition", das sein "Erbe im Lichte geistiger Herausforderungen" neu denkt.

Gennadi Janin tanzt seit 1995 am Bolschoi, er hat sich mit seiner Interpretation von Ludwig XVI. im Ballett "Die Flamme von Paris" einen Namen gemacht. Seit 2003 war Janin zudem "Leiter der Balletttruppe". Er galt als hoffnungsvoller Kandidat für den Posten des künstlerischen Leiters, den er seit September schon interimsmäßig bekleidete.

Dann aber tauchten im Internet Fotos von ihm auf. Sie zeigen ihn nackt und bei sexuellen Handlungen. Jemand hatte sie per Mail an 3847 Empfänger verschickt, darunter Zeitungen und TV-Sender im In- und Ausland.

Janin musste von seinen Ämtern zurücktreten. Er ist jetzt nur noch einfacher Tänzer. "Aber nicht mehr lange", sagt der neue Künstlerische Leiter Sergej Filin. "Maximal ein Jahr."

Das Ensemble habe den Rückzug Janins nicht mit Bedauern aufgenommen, berichtet die Moskauer Tageszeitung "Moskowskij Komsomolez", sondern mit Freude.

Mit 50 Kilogramm "zu fett"

Das Bolschoi steht im Ruf, eine der besten Balletttruppen der Welt zu haben. Es wird gerühmt für seine künstlerische Strenge, für seine Treue zum klassischen Ballett. Nirgends wird so sehr auf die Synchronität der Tanzbewegungen geachtet, nirgendwo werden die Ballerinen so sehr "auf Spitze" getriezt, den klassischen Zehenstand, der dem Publikum Eleganz und Schwerelosigkeit vermitteln soll, den Tänzerinnen aber alles abverlangt. Anders als in Tanzmetropolen wie London und New York stehen in Moskau nur selten moderne Inszenierungen auf dem Programm, dafür viel "Schwanensee", viel "Romeo und Julia".

Zu den Dramen auf der Bühne gesellen sich jene, die dahinter spielen. So musste 2001 ein künstlerischer Leiter wegen einer Intrige seinen Hut nehmen. Drei Jahre später feuerte das Haus seine Primaballerina Anastasia Wolotschkowa. Sie sei mit 50 Kilogramm "zu fett" gewesen und eine Gefährdung für die Gesundheit ihrer Tanzpartner. Ein Gericht verurteilte das Bolschoi zur Fortzahlung des Gehaltes an die Tänzerin, inzwischen tingelt die Blondine als Society-Girl durch die Nachtclubs der russischen Hauptstadt, oder posiert splitternackt an thailändischen Stränden.

Und nicht nur im Bau, sondern auch am Bau geschieht Merkwürdiges. 2009 leitete die Moskauer Staatsanwaltschaft Ermittlungen ein. Russlands Rechnungshof war auf Ungereimtheiten bei den Renovierungsarbeiten des ehrwürdigen Bauwerks gestoßen. Die Kosten der Bauarbeiten waren auf das 16-fache der veranschlagten Summe gestiegen. Für ein und dieselben "vorbereitenden Planungsarbeiten" wurden dreimal Honorare gezahlt, insgesamt 960 Millionen Rubel, umgerechnet 24 Millionen Euro.

Das Hauptgebäude ist bereits seit 2005 für Renovierung und Restauration geschlossen, die für 2007 geplante feierliche Wiedereröffnung aber musste wegen Pannen und Korruptionsskandalen mehrfach verschoben werden.

"Hälfte der Kosten eines Flugzeugträgers"

2006 wurden 15 große Risse in tragenden Wänden des Korpus entdeckt. Im Mai 2009 brach das Flüsschen Neglinka aus seinem unterirdischen Bett und strömte drei Tage lang durch das Gebäude und über den davor gelegenen Theaterplatz.

Zwischenzeitlich zeichnete der Architekt des Moskauer Spaßbades Aquaparks für das Bolschoi verantwortlich. Im Februar 2004 war das Dach des Schwimmbads unter der Schneelast zusammengebrochen, nachdem beim Bau gepfuscht worden war. Asari Lapidus, dessen Firma mit der Rekonstruktion betraut war, trieb die Arbeiten am Bolschoi jahrelang kaum voran. Stattdessen widmete er sich seiner Sammlung russischen Silberschmucks und schrieb Bücher. "Roadshow oder die Liebe der Oligarchen" heißt eines, "Maserati Bordeaux" ein anderes. Kaum bekleidete Damen zieren die Cover der schwülstigen Werke, in denen Lapidus sich zwischen schöne Frauen träumt und der Frage nachgeht, ob man "drei gleichzeitig lieben" könne.

Der Termin für die festliche Wiedereröffnung der Bühne musste unterdessen ein ums andere Mal verschoben, bereits vertraglich vereinbarte Gastspiele der Mailänder Scala in Moskau abgesagt werden.

Millionen sind inzwischen in einem Geflecht aus undurchsichtigen Firmen wie "Kurort Projekt" und "SUIProjekt" versickert. Statt der ursprünglich veranschlagten 185 Millionen wird die Generalüberholung des Bolschoi wohl fast eine Milliarde Euro kosten, doppelt so viel wie die Baukosten der Hamburger Elbphilharmonie und immerhin die "Hälfte der Kosten eines Flugzeugträgers", wie Moskauer Medien süffisant anmerken.

Selbst dem Kreml wurde das Hickhack um das Bolschoi schließlich zu viel: Präsident Dmitrij Medwedew ließ die Zahl der Arbeiter an der Baustelle zwischenzeitlich auf 2000 verfünffachen. Im November 2011, so hat es der Staatschef verfügt, soll das Bolschoi endgültig wieder seine Pforten öffnen. Für großes Theater.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. Hat sooooo 'n Bart,die "fette" Ballerina........
gemamundi 26.03.2011
Zitat von sysopPornovideos, eine*vermeintlich verfettete*Primaballerina,*gigantische Umbaukosten: Das legendäre Moskauer Bolschoi Ballett unterhält das Publikum*nicht nur mit Spitzen-Tanz, sondern auch gern*mit Skandalen. Jetzt*schreitet sogar*der Kreml ein. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,753093,00.html
Und sonst nix Neues ? Die Story mit und von der 50 kg schweren "verfetteten Ballerina" geistert NUN seit etwa 7 Jahren durch die Medien - das sind "gefühlte 77 Jahre"..... ' DAS ' BOLSCHOI ist STATISCH,war stets NUR Visitenkarte - anno dünnemals und heute,in den "fetteren" Zeiten Moskaus, eben auch. Da fehlt es an künstlerischen Innovationen - kenne zwar nun nur St.Petersburg etwas besser,doch das echte Neue in allen echten Künsten gedeiht in Russland NUN NUR im "RUSSIAN UNDERGROUND" oder im Semi-Offiziös-Offiziellem... - leider.
2. Nachtrag - wg. "Selbstkürzung" - / Russische Visitenkarte..
gemamundi 26.03.2011
Zitat von gemamundiUnd sonst nix Neues ? Die Story mit und von der 50 kg schweren "verfetteten Ballerina" geistert NUN seit etwa 7 Jahren durch die Medien - das sind "gefühlte 77 Jahre"..... ' DAS ' BOLSCHOI ist STATISCH,war stets NUR Visitenkarte - anno dünnemals und heute,in den "fetteren" Zeiten Moskaus, eben auch. Da fehlt es an künstlerischen Innovationen - kenne zwar nun nur St.Petersburg etwas besser,doch das echte Neue in allen echten Künsten gedeiht in Russland NUN NUR im "RUSSIAN UNDERGROUND" oder im Semi-Offiziös-Offiziellem... - leider.
Nachtrag/Zusatz: Als "Russische Visitenkarte" liegt das BOLSCHOI doch insgesamt richtig = Verfall und Vorfälle zeigen nahezu analog die russische Gegenwartsgesellschaft - nun nur noch .......
3. Was für ein Blödsinn!
alex300 26.03.2011
Zitat von sysopPornovideos, eine*vermeintlich verfettete*Primaballerina,*gigantische Umbaukosten: Das legendäre Moskauer Bolschoi Ballett unterhält das Publikum*nicht nur mit Spitzen-Tanz, sondern auch gern*mit Skandalen. Jetzt*schreitet sogar*der Kreml ein. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,753093,00.html
1. Die Balerina heißt nicht "Wolotschka", sondern Wolotschkowa (http://www.livejournal.ru/static/files/themes/quote/25001_vol.jpg). 2. Das Foto ist nicht vom November 2011, sondern aus dem Jahre 2010. Ein Zeitmaschine hat SPON auch nicht. 3. Das schlimmste an dem neuen Bolschoi sind die grünen Pferde.
4. Hallo SPON-Redaktion...
Geonom 26.03.2011
Zitat von sysopDrei Jahre später feuerte das Haus seine Primaballerina Anastasia Wolotschkowa. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,753093,00.html
...sollte die Primaballerina dann hier http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-66102.html und hier http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-66102-2.html und hier http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-66102-7.html nicht auch noch Wolotschkowa heissen?
5. Verfall
naabaya 26.03.2011
Zitat von gemamundiNachtrag/Zusatz: Als "Russische Visitenkarte" liegt das BOLSCHOI doch insgesamt richtig = Verfall und Vorfälle zeigen nahezu analog die russische Gegenwartsgesellschaft - nun nur noch .......
Komme gerade aus einem ehemaligen Ostblockstaat zurück. Eine Bekannte erzählte mir, dass seit dem Zusammenbruch des Kommunismus auch ein Verfall des kulturellen Lebens in ihrer Hauptstadt stattgefunden hat. Viele Neureiche-kein Geschmack.
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