"Superstar"-Casting Dieters Dauerbeleidigungs-Show

Die erste Casting-Show der neuen Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" zeigte, wie schwer es Dieter Bohlen und Kollegen mit den von RTL mobilisierten Kandidaten-Massen haben: Juroren und Möchtegern-Sänger lieferten sich Schlammschlachten in schonungsloser Härte.

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"Superstar"-Juroren Stein, Fraser, Bohlen und Bug: Der Weg zum Ruhm ist verdammt hart, auch für die Jury
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"Superstar"-Juroren Stein, Fraser, Bohlen und Bug: Der Weg zum Ruhm ist verdammt hart, auch für die Jury

Die lange "Deutschland sucht den Superstar"-Sommerpause hat Dieter Bohlen unbeschadet überstanden - braungebrannt und hyperaktiv wie immer trat er an zur nächsten Runde. Mit der gewohnten selbstgefälligen Gemeinheit redete er in der ersten "Casting"-Show am Mittwochabend bei RTL die Bewerber für die kommende "Superstar"-Staffel nieder: "Du kannst auf einen Windbeutel hauen, und das, was da rauskommt, ist besser, als das, was du machst."

Die eingespielte "DSDS"-Jury aus Bohlen, BMG-Chef Thomas Stein und den beiden Journalisten Shona Frazer und Thomas Bug hatte viel zu ertragen bei der Auswahl der Kandidaten, qualitativ wie quantitativ: "160.000 haben die Bewerbungsunterlagen angefordert, 19.000 wurden zum Casting eingeladen", erklärte der Sprecher zu Beginn der Sendung, und zwar in sechs deutschen Städten. Wie viele der Kandidaten vor die Promi-Juroren treten durften, blieb jedoch offen: Hätte jeder Bewerber zwei Minuten Zeit zum Vorsingen gehabt, wäre die Jury bei einem Zehnstundentag neun Wochen lang beschäftigt gewesen.

Das erste "Casting" fasste die Stationen Berlin und Frankfurt zusammen. Es war eine Dauerbeleidungssendung - für die Kandidaten, für die Ohren der Jury und für die der Zuschauer. Die Juroren versuchten, die akustische Tortur mit Hilfe ihrer gewohnten Arroganz und Blödelei zu bewältigen, ab und zu mussten sie sich auch mit einem Hand-Ventilator vor der drohenden Ohnmacht retten. Sie mussten nun die Folgen dessen ertragen, was sie mit dem Erfolg der ersten "DSDS"-Staffel selbst geschaffen hatten: die Massen-Illusion, jeder könne ein Star werden.

"I support you, you support me"

"Ich bin Serge", 28 Jahre alt, machte den jammervollen Anfang und provozierte Bohlen zu dem Satz: "Jede Nummer mit dir würde garantiert ein Flop." Ja, da hatte er Recht, allerdings hätte es für diese Erkenntnis keinen "knallharten Experten", so der RTL-Kommentar in der Sendung, gebraucht. Julia, 17 Jahre alt, erklärte, sie habe "ganz lange geübt", das aber war ihrer Version von R. Kellys "I believe I can fly" absolut nicht anzumerken. "Wie Lilienthal kurz vor der Landung", urteilte Juror Stein, der keine Angst vor bösen Kommentaren zeigte ("Hörst du, was das ist? Das ist Elvis, der sich im Grab umdreht").

Es war schon erschütternd, dass den Nicht-Talenten jegliche Selbsterkenntnis fehlte: Fenja, 28 Jahre, hatte sich als HipHopperin verkleidet, verkündete, "Ich kann singen und schauspielern" und konnte keines von beiden: Mit monotoner Stimme, in seltsamsten Tönen und ohne eine irgendwie erkennbare Melodie jaulte sie "Sonne meines Lebens, lass' mich nicht erfrieren", während den Zuschauern das Blut in den Ohren gefror. Dabei tappte sie zaghaft mal mit einem Bein nach rechts, mal nach links. Katharina, 21 Jahre, sagte, "meine Stimme ist anders", und Bohlen bestätigte das: "wie Toni Braxton gepaart mit einem Schäferhund".

Andere beschimpften - nachdem sie den Raum verlassen hatten - die Jury als unfähig, rannten einfach noch mal rein, schrien "I am fucked" oder brachen wütend weinend zusammen. Nummer 9142 versuchte Bohlen in die Pflicht zu nehmen, sie habe schließlich seine Bücher und seine CDs gekauft: "I support you, you support me." Aber da hätte Bohlen wohl eher seine Werke zurückgekauft als das Null-Talent eine Runde weiter zu schieben, und deshalb drohte die Gescheiterte dem Publikum: "Ich gehe zu Popstars." Nur Natalia zeigte einen Ansatz kritischer Selbstreflexion: "Wahrscheinlich stimmt das, was sie sagen, aber man will es nicht glauben."

150 ausgewählte Bewerber werden nach dem Casting in den sechs Städten zum "Recall" nach Berlin eingeladen, vier davon wurden in der Sendung etwas ausführlicher vorgestellt: Die bildhübsche Stewardess Michelle, die, so Frazer, "unheimlich viel Wärme" in der Stimme hat; eine junge, gebürtige Schwedin, deren ältere Schwester sie zu dem Vorsingen geschleift hatte; Judith, die mit ihren langen, dunklen welligen Haaren aussieht wie eine sehr junge Version der Pianistin Aziza Mustafa Zadeh, kam schon deshalb weiter, weil sie die einzige war, die Yvonne Catterfelds Hit "Für Dich" zu Ende singen durfte.

Und auch der überdrehte Lorenzo wird nach Berlin reisen, weil er, so Bohlen, "ein Verrückter" sei, und Verrückte brauche man im Showgeschäft - wie Daniel Küblböck in der ersten "DSDS"-Staffel bewiesen hat. Eines jedenfalls ist nach dieser Casting-Sendung klar: Der Weg zum Ruhm ist verdammt hart, auch für die Jury.

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