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Susanne Osthoff und die Medien: Die Undankbare

Von Henryk M. Broder

Die Befreiung Susanne Osthoffs aus der Geiselhaft im Irak wäre eine wonnige Weihnachtsgeschichte gewesen. Doch leider verhält sich die Muslima aus dem bayerischen Glonn nicht, wie es der öffentliche Opferrollen-Konsens vorschreibt. Mediale Enttäuschung macht sich breit.

Jede Performance hat ihre Regeln. Die junge Frau, die zur Miss World erklärt wird, muss überrascht die Hände vors Gesicht schlagen, anfangen zu weinen, und so tun, als habe sie an dem Wettbewerb nur teilgenommen, weil sie als Kind eine Zahnspange tragen musste. Kaum hat man ihr die Krone aufgesetzt, verspricht sie, sich für mehr Gerechtigkeit in der Welt einzusetzen.

Archäologin Osthoff (2003): Allen das Weihnachtsfest verdorben
DPA

Archäologin Osthoff (2003): Allen das Weihnachtsfest verdorben

Der Bambi-Gewinner muss seinen Eltern danken, die ihn zu dem gemacht haben, was er ist, dann alle seine Freunde namentlich aufzählen und schließlich das kleine Reh in seiner Hand mit großen Augen minutenlang dankbar anschauen, bis alle Fotografen zum Schuss gekommen sind. Der Nobelpreisträger muss in seiner Dankesrede erzählen, dass er ein schlechter Schüler war, vor allem in dem Fach, für das er soeben den Preis bekommen hat, und behaupten, der Kollege XY an der Soundso-Universität habe die Auszeichnung viel mehr verdient, aber leider nicht bekommen.

Auch für Geiselnahmen und Geiselbefreiungen gibt es ein festes Ritual, an das sich alle Beteiligten halten. Die Regierung verspricht, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um das Leben der Geisel zu retten, bittet aber zugleich um Verständnis dafür, dass sie keine konkreten Angaben zu ihrer Aktivität machen möchte, um das Leben der Geisel nicht zu gefährden. Dafür haben alle Verständnis, und deswegen verlegt sich die Berichterstattung auf die zweite und dritte Ebene.

Die Eltern der Geiseln werden besucht. Geben die nicht genug her, kommen die Nachbarn dran oder Bekannte der Nachbarn oder ehemalige Schulkameraden oder der Zeitungshändler, bei dem die Geisel immer ihre Zeitung gekauft hat.

So war es auch im Fall von Susanne Osthoff. Ihre Mutter, ihr Bruder und ihre Schwester im bayerischen Glonn, wohin sich sonst nicht einmal ein Reporter von "Brisant" verirrt, wurden durch die Hall of Fame des Schicksals gejagt, wobei man beobachten konnte, dass sie von Tag zu Tag routinierter auftraten. Am Anfang noch scheu und unbeholfen, agierten sie am Ende recht souverän und entspannt, als wäre keine Kamera im Raum, die sie ständig beobachtete.

So weit war alles business as usual. Aber dann kippte die Geschichte, denn die Hauptperson, jene zuerst entführte und dann freigelassene Archäologin Susanne Osthoff, weigerte sich, ihre Rolle zu spielen. Nichts war mehr as usual. Von einer Geisel, die eben mit viel Aufwand und wohl auch Geld befreit wurde, wird erwartet, dass sie mit ihren Befreiern kooperiert, so wie sie vorher mit ihren Entführern kooperiert hat.

  • Sie muss sich umgehend ausfliegen lassen, weil sie es gefälligst gar nicht abwarten kann, ihre Familie wieder zu sehen.
  • Bei der Ankunft auf dem Flughafen darf sie die Gangway nicht zu langsam runtergehen, weil ja die Angehörigen schon darauf brennen, sie in die Arme zu schließen, aber auch nicht zu schnell, denn sie ist ja von den Strapazen erschöpft.
  • Dann muss sie sagen, dass sie in der Gefangenschaft die ganze Zeit an ihre Familie gedacht und nie die Hoffnung verloren hat, dass die ganze Sache gut ausgehen würde.
  • Nachdem sie sich bei allen, die an ihrer Befreiung beteiligt waren, artig bedankt hat, erklärt sie mit Nachdruck, dass sie von ihren Entführern eigentlich immer gut behandelt wurde.
  • Nach einer Zeit der Erholung im Kreise der Angehörigen geht's dann ab in die Talkshows. So lange, bis ein Verlag mit einem guten Angebot für ein Buch rüberkommt. Titel: "Ich war eine Geisel!"

Doch Susanne Osthoff brach mit all diesen Regeln, bedankte sich nur kurz und schmerzlos und bat darum, in Ruhe gelassen zu werden.

Das war nicht nett. Und man merkte es dem Sprecher des Auswärtigen Amtes an, dass er enttäuscht war - ebenso wie ihre Familie in Glonn und ein großer Teil der deutschen Öffentlichkeit.

Susanne Osthoff hatte allen das Weihnachtsfest verdorben. Sie wäre das Geschenk gewesen, das man nicht mit Geld kaufen kann, die Gute-Nacht-Geschichte mit Happy End in einer Welt der Katastrophen und Grausamkeiten.

Und weil daraus nichts wurde, wird "unsere Geisel" jetzt runtergeschrieben: Sie sei "eine anstrengende Frau mit konfliktreichem Leben", schrieb gestern so manches Blatt. Besonders trägt man ihr nach, "dass sie um der eigenen Selbstverwirklichung willen ihre Tochter in einem deutschen Internat abgab" und ihrer Familie untersagte, "Kontakt mit dem Kind zu halten".

Das sind schwere Sünden gegen den familiären Geist. Sie runden das Bild einer Frau ab, die statt Kassiererin bei Aldi zu werden, in die Welt zog, den Umgang mit ihrer Familie einstellte, zum Islam konvertierte und einen Muslim heiratete. So etwas macht man nicht, wenn man aus Glonn in Bayern kommt, so weit darf die Begeisterung für das Multikulturelle nicht gehen.

Und wenn man es doch gemacht hat und dann ausgerechnet von jenen entführt wird, denen man sich zugesellt hat, dann muss man Reue und Einsicht zeigen und um Wiederaufnahme in den Schoß der Familie bitten.

So verwandelt sich die Heldin über Nacht in eine undankbare Nervensäge. Sogar ihr eigener Bruder hämt, sie habe "wahrscheinlich auf ihre Entführer so lange eingeredet, bis sie sie rausgeschmissen haben". Und wenn es tatsächlich so gewesen wäre? Dann müsste man Susanne Osthoff zu ihrem Geschick gratulieren. Das hat bis jetzt noch kein Entführter geschafft!

Stattdessen wird nachgerechnet, was die Befreiung gekostet hat, wobei zugleich versichert wird, es sei kein Lösegeld bezahlt worden. Und es melden sich allerlei Trittbrettfahrer und Wichtigtuer zu Wort, die mehr wissen, als sie wissen können: Dass Frau Osthoff angeblich zuerst von einer "kriminellen Gruppe" entführt und dann an eine "islamisch orientierte Gruppe" weiter gereicht beziehungsweise verkauft wurde.

Derart wird praktisch zwischen "bösen" und "guten" Entführern differenziert, denn auch bei Entführungen kommt es natürlich entscheidend auf das Motiv an. Susanne Osthoff wird Weihnachten nicht mit ihrer Familie verbringen. Sie wird überhaupt nicht Weihnachten feiern. So etwas machen Muslime nicht. Auch nicht, wenn sie Verwandte in Bayern haben.

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