Fotograf Kolja Warnecke "Ich hätte die Leute sexlüstern zeigen können"

Kolja Warnecke war unter Nackten in einer Hippie-Kommune und in einem Swingerclub. Der Fotograf will mit seinen Bildern in die Gedankenwelt seiner Protagonisten vordringen.

Kolja Warnecke

Sie studieren Fotografie und machen schon jetzt preisverdächtige Bilder. Nachwuchsfotografen beantworten hier in loser Folge, wie sie an ihre Arbeit herangehen, warum sie die Fotografie lieben, was sie für ihr Lieblingsbild schon einmal alles auf sich genommen haben und wo sie als Künstler nie enden wollen.

SPIEGEL ONLINE: Was lernen Sie eigentlich im Studium?

Warnecke: Wir lernen vor allem, wie wir unsere eigene Arbeit am besten einschätzen können. Zunächst erhalten wir ein übergeordnetes Thema, und dazu machen wir Fotos, die analysieren wir dann. Wir lernen etwa, wie wir eine eigene Haltung zu dem entwickeln, was wir fotografieren.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Warnecke: Für meine Bachelorarbeit "spuren" habe ich zum Beispiel ein halbes Jahr lang eine Frau begleitet, die viel durchgemacht hat. Als ich angefangen habe, sie zu porträtieren, musste ich mir bewusst werden, mit welcher Haltung ich sie fotografieren kann. Wie ich ihr gegenüberstehe, was mich an einem Thema überhaupt genau interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie lieben Fotografie, weil...?

Warnecke: ... ich das Gefühl habe, dass die Fotografie das Medium ist, mit dem ich mich am besten ausdrücken kann, mit dem ich auf Momente reagieren und deren Faszination auf ein Foto bannen kann. Ebenso hat die Fotografie etwas Magisches, etwas, das ich nur mit Fotos erklären kann.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist Ihr größtes Vorbild?

Warnecke: Es ist nicht leicht, direkte Vorbilder zu nennen, da glaube ich, dass alles, was man visuell aufnimmt, einen irgendwie beeinflusst. Bewundernswerte Werke ebenso wie schlechte Beispiele. Aber trotzdem gibt es Fotografen, die mir bei der Frage direkt in den Sinn gekommen sind. So zum Beispiel: Alec Sooth, Joel Sternfeld, Irving Penn und Richard Mosse.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie an ein Fotoshooting heran?

Warnecke: Zunächst ist da eine Idee, ein Thema, mit dem ich mich auseinandersetzen will, oder eine Frage, zu der ich eine Antwort suche. Zum Beispiel frage ich mich, warum Menschen etwa in einen Swingerclub gehen oder zusammen in einer Kommune leben. Ich versuche, die Antwort, die ich darauf gefunden habe, visuell umzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie sich bei der Frau gefragt, die Sie für Ihre Bachelorarbeit porträtiert haben?

Warnecke: Als ich sie kennengelernt habe, hat sie einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Irgendwie hat sie mich fasziniert, sie hatte etwas Mystisches an sich. Ich wollte mehr über sie erfahren und das auch auf den Fotos darstellen. Allerdings wollte ich die Frau nicht bloßstellen, nicht verraten, was ihr widerfahren ist. Ich wollte versuchen, das vieldeutig zu vermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie mit Ihren Fotos bewirken?

Warnecke: Ich will dem Betrachter eine Erfahrungswelt vermitteln, es geht darum, íhn mit einzubeziehen, ihm eine Aufgabe mitzugeben. Mit meiner Arbeit über die Frau möchte ich, dass sich der Betrachter selbst hinterfragt. Anfangs wird er wahrscheinlich danach fragen, was der Frau passiert ist. Doch darum geht es mir nicht. Ich möchte, dass sich der Betrachter der Eindrücke, die die Fotos bei ihm bewirken, bewusst wird.

SPIEGEL ONLINE: Was war der höchste Preis, den Sie für eines Ihrer Projekte bisher in Kauf nehmen mussten?

Warnecke: Mein letztes Projekt mit der Frau hat mich ganz schön ausgezehrt, weil sie viel Nähe abverlangt hat. Ich war für sie eine der wichtigsten Bezugspersonen in dieser Zeit, was nicht immer einfach für mich war. Ich musste mich oft auch selbst distanzieren.

SPIEGEL ONLINE: Niemals, nie. Das würden Sie auf keinen Fall fotografieren, weil...?

Warnecke: Ich würde Menschen niemals bloßstellend fotografieren. Zum Beispiel hätte ich die Swingerclubleute auch sexlüstern zeigen können. Aber das wollte ich nicht. Ich wollte sie nicht beim Akt und auch nicht nackt fotografieren. Die sollten sich gut fühlen, wenn ich sie fotografierte, und ich musste mich dabei gut fühlen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie es geschafft, die Besucher des Swingerclubs nicht bloßstellend darzustellen?

Warnecke: Die Swingerclub-Arbeit zeigt die Menschen nicht fröhlich poppend mit Sekt in der Hand, sondern eher nachdenklich. Diese Leute haben dort nicht nur sexuellen Kontakt gesucht, sondern waren auch auf der Suche nach Nähe und Zärtlichkeit, oft auch nach echter Liebe. Dass dies vielleicht nicht aufgeht, war vielen nicht klar. Es geht demnach bei der Arbeit gar nicht unbedingt um sexuelle Freiheit, sondern auch um die Sehnsucht nach echter Zärtlichkeit und Nähe. Sich Zeit für Menschen zu nehmen, bevor man ein Foto von ihnen in Reizwäsche macht, hilft ungemein.

SPIEGEL ONLINE: Wo wollen Sie als Fotograf nie enden?

Warnecke: Jeden Abend eine Hochzeit zu fotografieren, jeden Tag eine Schulklasse zu fotografieren, wäre für mich der Horror. Ein- bis zweimal hingegen wäre für mich aber fast witzig.

Das Interview führte Kristin Haug für das Fotoportal seenby.

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