S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Hat uns irgendjemand das Paradies auf Erden versprochen?

Warum jammern? Die bloße Existenz gibt einem noch lange nicht das Recht auf eine Mietwohnung, Menschenrechte oder seine Ruhe. Wer das versteht, erträgt das Leben ein wenig leichter.

Eine Kolumne von


Die Möglichkeiten sich aufzuregen sind überbordend. In Berlin werden bewohnbare Häuser mit bezahlbaren Mieten abgerissen. In der Ukraine toben undurchschaubare Stellvertreterkonflikte. Das Flugzeug ist weg.

Alle arbeiten immer mehr für irgendwie weniger. Es ist zu voll, zu laut, zu mühsam. Die Ungerechtigkeit wächst jeden Tag. Und so fucking weiter. Jedes Thema, das man untersucht, birgt Infarktpotential, aber bevor auch ich wieder regulierend ins Weltgeschehen eingreife, gönne ich uns einen Moment der Ruhe. Des inneren Friedens Willen, der auf die leise Frage "Wer hat uns denn irgendetwas versprochen?" folgt.

Da, vielleicht meiner eigenen mangelnden Qualität geschuldet, festzuhalten ist, dass viele Online-Leser über eine sehr begrenzte Aufmerksamkeitsspanne verfügen, noch mal einfach: Wer hat uns denn ein Paradies auf Erden versprochen? Unsere zufällige Geburt in einem zufälligerweise gemäßigten Landstrich, in dem unsere Lebensdauer nicht mit 40 beendet ist, hat uns wohl ein wenig verwegen werden lassen.

Ich schließe mich mit ein, wenn ich feststelle: Wir haben nichts zu erwarten. Von keinem. Weder eine bezahlbare Wohnung. (Was bezahlbar ist, definiert der Verdienst. Was Verdienst ist, definiert der Stellenwert eines Menschen in der freien Marktwirtschaft.) Menschenrechte, das Recht auf Meinungsfreiheit, die Gleichheit aller sind nur kleine Pfeiler, Richtwerte, Garniervorschläge, an denen man sich hangelt, um nicht völlig im Sumpf des Lebens unterzugehen. Schön, dass wir sie haben.

Die da oben sind nicht für die Durchsetzung persönlicher Vorlieben verantwortlich

Mehr gibt es nicht. Die Steuern, meine Güte, die Steuern. Mit denen wir meinen, uns irgendwelche Mitbestimmungsrechte zu erkaufen. Die langen doch gerade, um ein paar Straßen zu flicken. Oder, nehmen wir meine Steuerabgabe, für die Tür eines Busses. Das war es auch schon mit dem persönlichen, harten Beitrag an das Land, in dem man zufälligerweise wohnt. Die da oben sind nicht für die Durchsetzung persönlicher Vorlieben verantwortlich, sondern allein für die halbwegs problemlose Regelung des Zooverkehrs, den man Staat nennt. Für nicht mehr. Und schon gar nicht für Sie. Oder mich.

Alle Sätze, die mit "Das ist mein gutes Recht..." beginnen, kann man meist mit einem beherzten "nein, ist es nicht" beenden. Es gibt weder das Recht, unversehrt sein Leben zu beenden, noch von Gemeinheiten verschont zu bleiben. Es gibt kein Recht darauf, nicht verletzt, beleidigt, bespuckt zu werden.

Und dass die Welt sich nach dem eigenen Willen formt, gelingt vielleicht einem Menschen, der ohne Kontakt zur Außenwelt in einer Höhle sitzt seit 56 Jahren.

Vielleicht ist es das, was einen so sauer macht an. Die Erkenntnis, dass alles nur Zufall ist, und dass man sich nirgends halten kann, in diesem Meer, in dem man ersäuft an manchen Tagen. In dem Bewusstsein, dass einem nichts zusteht für die Mühsal, die man per Geburt vor sich hat.

Ich wundere mich oft, dass nicht viel mehr Menschen Amok laufen, durchdrehen oder einfach zu schreien beginnen. Und nicht mehr damit aufhören, weil sie nicht verstehen können, dass die Wichtigkeit, die man für sich selbst hat, von der Welt komplett ignoriert wird.

Nichts weiter. Keine Pointe. Keine Erkenntnis. Außer: Jeder hat Recht. Nur leider ist das allen vollkommen egal. Und das zu Recht.

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insgesamt 237 Beiträge
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Seite 1
agua 19.04.2014
1.
Da auch immer jemand die Schuld daran haben muss, egal, an was auch immer: Das mit dem Nichparadies auf Erden, können wir Adam und Eva in die Schuhe schieben, hätten die sich damals benommen....
HerbertVonbun 19.04.2014
2. Prima!
Herrlicher Artikel!
powerkraut 19.04.2014
3.
Danke! Musste wohl mal gesagt werden. Fehlt noch der Hinweis, dass man mit der grössten Rûcksichtslosigkeit von anderen Rücksicht fordert.
marthaimschnee 19.04.2014
4.
Zitat von sysopWarum jammern? Die bloße Existenz gibt einem noch lange nicht das Recht auf eine Mietwohnung, Menschenrechte oder seine Ruhe. Wer das versteht, erträgt das Leben ein wenig leichter. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sybille-berg-ueber-miete-steuern-und-menschenrechte-a-964775.html
Ketzerische Frage: Warum eigentlich nicht? Aber das ist auch völlig unerheblich, ziemlich viele Menschen haben kein Problem damit Dinge zu tun, zu denen sie nicht das Recht haben. Die schlimmsten von ihnen stellt die Gesellschaft an ihre Spitze. Das Recht auf Widerstand dagegen hat man natürlich auch nicht, aber auch das ist egal, der Sieger schreibt die Geschichte.
tüttel 19.04.2014
5. Wie bitte?
Es gibt kein Recht auf Menschenrechte? Doch, gibt es, niedergeschrieben in der Verfassung, im Grundgesetz. Die im Grundgesetz verankerten Grundrechte, z.B. auch das Recht auf Ruhe als Recht auf Unverletzlichkeit der Wohnung sind keine kleinen Pfeiler, sondern Grundpfeiler der Gesellschaft und des zivilisierten persönlichen und öffentlichen Umgangs. Wie bitte? Es gibt kein Recht darauf, nicht verletzt, beleidigt, bespuckt zu werden? Gibt es sehr wohl. Genau diese Grundrechte und Rechte sind auch Rahmen der in der Überschrift offenbar ebenfalls angezweifelten Chancen-Gerechtigkeit. Es hat im Rahmen dieser Grundrechte jeder die gleichen Chancen, sich selbst zu entwickeln und zu verwirklichen.
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