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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Das Nichts nach dem Ruhm

Eine Kolumne von

In einer besseren Welt wäre jeder Mensch ein Star. Unsere hungrige, schnelle Zeit aber verheizt ein One-Hit-Wonder nach dem anderen. Zurück bleiben gekränkte Menschen, die zu Hatern werden.

Am 6. Februar 2013 wurde Fabio Frittelli tot in seinem Haus aufgefunden. Die Polizei vermutet Suizid. Ich erfuhr davon, weil mir irgendwann ein alter Song eingefallen war und es das süße Internet gibt. "Eins, zwei, Polizei". Mo-Do war ein Eurodance-Projekt in den neunziger Jahren, Frittelli, Model und Musiker, wurde als Sänger gecastet, nach einem großen Hit war die Sache vergessen.

Fritelli versuchte noch einige Comebacks und war zuletzt Mitinhaber einer Disco. Mehr findet sich im Netz nicht über ihn und alles, was ich mir zu seinem Leben ausdenke, ist vermutlich falsch. Richtig ist nur die Frage: Wie geht es Menschen, die irgendwann einmal kurz berühmt waren und dann für die Öffentlichkeit im Nichts verschwunden sind? Ist es leichter zu ertragen, einmal ein Star gewesen zu sein oder es nie zu schaffen? Was auch immer wir unter Berühmtsein verstehen? Oder ist beides gleich beschissen?

Egal in welchem Bereich, vor allem aber in der Kunst, die immer auch etwas mit Geliebtseinwollen und in stärkerem oder schwächerem Maße mit Eitelkeit zu tun hat, ist doch kaum etwas charakterverformender als ausbleibende Anerkennung. Sich unterschätzt und verkannt zu fühlen lässt die unangenehmste menschliche Eigenschaft, den Neid, in die Unerträglichkeit wachsen. Früher traf man sie nur zufällig, unzufriedene, nörgelnde, gehässige Menschen. Voller Schadenfreude, bar jeder Freundlichkeit, an kleinen Theatern oder in Nachtschichten schreibend, komponierend oder töpfernd, die davon überzeugt waren, dass an ihrem mangelnden Ruhm das System schuld ist. Die Intendanten, die Förderungspolitik, die Plattenlabel oder irgendjemand, der nichts mit ihnen zu tun hatte.

So plötzlich, wie das Licht da war, ist es auch wieder verschwunden

Heute ist das Netz voll mit Hatern, denen ich mangelnden Erfolg mit was auch immer unterstellen möchte. Sonst hätten sie kaum Zeit, andere so intensiv zu verachten. Sich über den Körperbau von Popsängerinnen zu äußern, oder Schauspieler mit glühendem Hass zu verfolgen, benötigt ein gerüttelt Maß an persönlicher Frustration und Tagesfreizeit.

Nicht vorstellbar, wie es den anderen geht, den Dschungel-Stars, den Ex-Kandidaten, den Ex-Pop-Castingband-Sängern, den Schnellschüssen, die unsere hungrige schnelle Zeit produziert. Da denken sie für ein paar Monate, das wäre nun ihr Leben. In Limousinen, auf Bühnen, mit Managern und Autogrammkarten, und so plötzlich, wie das Licht da war, ist es auch schon wieder verschwunden. Zurück bleibt immer ein Mensch, der sich abgelehnt fühlt. Ungeliebt, gescheitert. Der sehr klug sein muss, um zu begreifen, dass jedes Leben unglamourös endet - nur eine Frage der Zeit.

In einer Utopie wünschte man sich, dass jeder Mensch ein Star ist, glänzend, gemocht, mit Aufmerksamkeit bedacht. Doch es ist zu voll, es ist unmöglich, so viel Liebe gibt es ja gar nicht und Ruhm, dass er sich auf alle verteilen möchte.

Vermutlich hat der tote Fabio nichts mit meinen Gedanken zu tun, vielleicht war er krank oder traurig, es geht mich nichts an. Vielleicht sind alle, die gern erfolgreich wären oder es mal waren, traurig und krank, verzweifelt, weil sie kurz beschienen waren. Egal, wie wichtig man diesen komischen Ruhm auch nimmt, egal, ob man weiß, dass er nichts bedeuten soll, er tut es doch. Er zeichnet Menschen aus, wenn auch mitunter aus völlig lapidaren Gründen. Die kurzen Momente, in denen sich einer unsterblich fühlt, sie sollten ihm nicht vergehen.

Und Mitleid könnten wir haben, mit all den Bitteren, den Hassenden und Pöbelnden, es sind nur welche, die sich Aufmerksamkeit wünschen, und die steht doch jedem zu. Allein schon, damit er die Klappe hält.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle
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insgesamt 47 Beiträge
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1.
agua 25.01.2014
Konkurrenz ist der Zeitgeist.Die Werbung hat einen großen Beitrag:jünger, schöner,am schlankesten.... Eine große Auswahl an Casting Shows, wo sich so mancher zum Affen macht, um berühmt zu werden. Was zählt sind Äußerlichkeiten. Wer sich Gedanken um Umwelt und seine Mitmenschen macht, der wird als Gutmensch betitelt. Die meisten Menschen sind unzufrieden, was ihre Mitmenschen zu spüren bekommen.Auf den Schwächeren wird herumgehackt, wer das ist, ist beliebig austauschbar.
2. Die Menschen
Hank Hill 25.01.2014
die sich fuer Casting Shows bewerben wollen alle ihre 15 minutes of fame oder mehr. In der Regel sind sie talentfrei und fade, koennen vielleicht den Ton halten, aber haben keine Aura, kein Star Potential. Berufe im kuenstlerischen Bereich sind hart, erfordern neben Durchhaltevermoegen und einer hohen Frustrationstoleranz ein hohes Mass an Talent fuer den eigentlichen Job. Egal ob Malerei, Musik, Schauspiel, etc. Wenn man glaubt eine TV Firma, eine Casting Show kann einen zum "Star" machen, dann muss man schon sehr naiv sein. RTL und Co. haben in den letzten 20 Jahren Pseudo Promis ohne Ende produziert. Die TV Anstalten versuchen mangels Masse an wirklichen Weltstars verzweifelt durch Verleih Shows wie den Bambi, Goldene Kamera oder den Jupiter etwas von dem Glanz Hollywood's zu kopieren. Diese Kopien der Oscar Verleihung sind nur peinlich, eben weil sich ein talentfreier Typ wie z.B. Heiner Lauterbach ueber den Preis fuer sein "Lebenswerk" freut, da wir keine DeNiros oder Clooneys haben. Irgendwann wird der Zeitgeist den Casting Wahn beenden. Und die Agentur fuer Arbeit hat bestimmt genug Zeitarbeitstellen fuer ehemalige Superstars.
3. erwachsen
pefete 25.01.2014
was menschen mit sich machen lassen, von denen man meint, sie sind erwachsen, ist mir egal. es gibt immer zwei. einer der macht und einer der machen lässt. dann müssen sie eben beim schützenfesten auftreten, möbelhäuser eröffnen. jeder macht das was er kann ... was mich aber ärgert: kennt noch jemand joy gruttmann? nein? sie hat mit 6 jahren "schnappi, das krokodil" interpretiert. heute, mit ca. 18 jahren, kennt sie niemand mehr. welchen psychischen schaden hat sie erlitten?! sie wurde hochgejubelt, damit einige wenige an/mit ihr geld verdienen. wie soll ein kind verstehen, dass sie nur mittel zum zweck war. warum haben die eltern das zugelassen :-(
4. Vielleicht ...
heisenberg18, 25.01.2014
... sind sogar die dauerhaft Erfolgreichen immer in Gefahr zu verzweifeln, innerlich auszubrennen, menschlich zu scheitern? Weil der Vorgang des Bewundertwerdens doch nur den Trostpreis darstellt. Wer für sein Anliegen (im Bereich Töpfern, Schauspiel, Tanz etc.) brennt, erlangt unterwegs durchaus auch mal "Bewunderung". Aber das ist ein äußerlicher Vorgang, der sich in Interaktionen von Projektionen, von Übertragung und Gegenübertragung soweit verselbständigen kann, dass "berühmte" Menschen allen Ernstes glauben, sie seien der/die, den die "Fans" in ihm/ihr sehen. Ab dem Zeitpunkt wird's gefährlich. Ich glaube sogar, auch das Fan-Dasein ist ein zutiefst trauriges Surrogat-Leben. Aber wer bin ich, darüber zu urteilen? Weder Star-, noch Fan-Sein halte ich für erstrebenswert, aber innerlich wenigstens ein Teelicht an Begeisterung und Sinnhaftigkeit für was auch immer am Brennen zu halten, das "wär ein schönes Ziel, Leute ohne Rückgrat haben wir schon zu viel."
5.
lordax 25.01.2014
Die "Hater" gabs "schon immer". Seit ich mich erinnern kann, wird über Schauspieler, Musiker, Sportler, kurzum über jeden, der wenigstens ein bisschen in der Öffentlichkeit steht, gelästert. Nur haben die Lästerer jetzt eine Bühne, die es ihnen ermöglicht, ein bisschen Applaus für ihre Lästereien zu bekommen. Das hat m.E. nichts mit eigener Frustration zu tun. Es ist schlichtweg menschlich normal. Und die Casting-Shows? Ich habe mal eine Aufnahemprüfung für Sänger an einer Musikhochschule gesehen. Die Kandidaten waren ein buntes Gemisch aus Brillant und unterirdisch schlecht. Nur überstehen dort die letzten schon die erste Runde nicht.
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Sibylle Berg

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