S.P.O.N. - Der Kritiker Ganz neue Dimensionen der Lüge

Wen kümmert noch, was in Syrien geschieht? Wenn die Medien in der Beschreibung der Wirklichkeit versagen, hilft vielleicht nur noch eine moralische Manipulation der Wirklichkeit, um die Wahrheit zu erzählen.


Was ist eine Nachricht? Was bewirkt eine Nachricht? Wie entsteht eine Nachricht? Wer steuert eine Nachricht? Was bezweckt eine Nachricht?

Diese Fragen stellen sich gerade mal wieder neu, und sie stellen sich mit neuer Dringlichkeit - vom Google-Urteil des Europäischen Gerichtshofs bis zur digitalen Krise bei der "New York Times", von den neuesten Meldungen über das Desaster des Berliner Flughafens, das man eigentlich nur noch als krasse Staatskrise bezeichnen kann, bis zur Flüchtlingskatastrophe in Syrien, auf die die Welt später einmal zurückschauen und sich fragen wird: Wie konnten wir nur?

Und es folgen daraus ja noch andere Fragen: Wer entscheidet zum Beispiel, was eine Nachricht ist? Sind das die Zeitungen und Magazine, sind das die Blogs, die Foren, die Fernsehsender, sind das Aktivisten, Hilfsorganisationen, die Politiker?

Und wenn die einen versagen, übernehmen dann die anderen? Die Zeitungen und Magazine zum Beispiel, die klassischen Medien also: Erfüllen die noch ihren Auftrag?

Sie morden immer noch

Kann man das ehrlich sagen: In der Wirtschafts- und Finanzkrise, die die Macht der Banken ungebrochen ließ? In der sogenannten Rettungspolitik für den Euro, die in Spanien etwa und Griechenland einer ganzen Generation zum Verhängnis wurde? In Ägypten? In der Ukraine-Krise? In Syrien, ein moralischer Makel, so groß wie ein ganzer Kontinent?

Aber es sind ja nicht die Medien allein - wer zum Beispiel würde auf die Idee kommen, den Chemiewaffeninspektoren der Vereinten Nationen ernsthaft den Friedensnobelpreis zu verleihen? Das wäre ja ungefähr so sinnvoll, wie wenn man den Literaturnobelpreis an Donald Rumsfeld vergibt, weil der ganz neue Dimensionen der Lüge in der Sprache offenbart hat. Oder wenn man den Chemienobelpreis an Colin Powell vergibt, weil der aus dem Nichts in Niger Uran hergestellt hat.

Sie morden jedenfalls immer noch mit Chemiewaffen, die Schergen von Assad - der Tatbestand des Friedens scheint damit nicht erfüllt zu sein: Aber auch der Frieden, den der Drohnen-Präsident und Nobelpreisträger Barack Obama hergestellt hat, ist nicht wirklich sichtbar, und die Friedensmacht der Europäischen Union hat sich in der Ukraine ebenfalls nicht bewiesen.

Wie geht man also damit um, wenn sich die Wirklichkeit in einen grausamen Witz verwandelt? Was bedeutet Objektivität in einer Welt, in der Newtons Gesetze längst nicht mehr gelten? Und wenn der Regen von unten nach oben fällt, was heißt das dann für die Nachrichten?

Man kann natürlich mit ernster Miene verkünden, dass die Menschen den Regenschirm nun nicht mehr über sich halten müssen, wenn sie nicht nass werden wollen. Oder man kann mal fragen, ob noch alle ganz bei Trost sind.

In dieser Linie ist auch die Aktion des Zentrums für politische Schönheit zu sehen, über die ich am Montag geschrieben habe - spektakulär und erfolgreich, ein echter Bei-Trost-Check, diese Kunstaktion, im Namen des Bundesfamilienministeriums haben sie eine täuschend echte Webseite gestartet und angekündigt, bis zu 55.000 syrische Flüchtlingskinder nach Deutschland zu holen.

Moralische Erpressung, Notwehr, manipulierte Wirklichkeit?

"Moralische Erpessung" nennt das die Politik - und das stimmt natürlich, es ist moralisch und es ist Erpressung: Es ist Notwehr, so könnte man das auch nennen, wenn die Zeitungen auf Seite 7 darüber berichten, und die Politik froh ist, wenn die Menschen über die Rente mit 63 streiten und nicht nach dem tieferen Sinn von Politik überhaupt fragen.

Das Zentrum für politische Schönheit ist damit ein Medium der neuen Art: Sie schaffen sich die Nachrichten, die sie gern hätten, gleich selbst - wer dabei an Orwell denkt, liegt richtig und liegt falsch. Denn es geht nicht um die Manipulation von Wirklichkeit, sondern um eine manipulierte Wirklichkeit.

Es ist nicht der Orwell von Google und "1984", sondern der Orwell, der im Versagen des Westens im Spanischen Bürgerkrieg der Dreißigerjahre die Sünde sah, aus der alles weitere folgte, Faschismus und Kommunismus und ein zerstörter Kontinent.

Anders gesagt: Nachrichten sind längst nicht mehr das, was die Medien dazu erklären.

Und: Die Krise der Politik ist die Krise des Westens ist die Krise der Werte ist die Krise der Moral ist die Krise der Medien ist die Krise des Internets ist die Krise der Technologie ist die Krise einer Wirtschaft, die sich selbst absolut gesetzt hat - am Beispiel Syriens kommt das alles zusammen.

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insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
Palmstroem 16.05.2014
1. Es ist Krieg und keiner schaut hin!
"Nie wieder Srebrinica" - nur eine Lüge! Kongo, Sudan, Ruanda- Millionen von Toten und allen waren sie egal. Nur wenn US-Soldaten kämpfen, dann ist Krieg!
Duzend 16.05.2014
2. Ihre Einladung, Herr Diez, nehme ich gerne an. Danke!
Zitat von sysopWen kümmert noch, was in Syrien geschieht? Wenn die Medien in der Beschreibung der Wirklichkeit versagen, hilft vielleicht nur noch eine moralische Manipulation der Wirklichkeit, um die Wahrheit zu erzählen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/syrienkrise-in-den-nachrichten-kolumne-von-georg-diez-a-969867.html
Erst werden die Zeitungen nur dünner, dann wieder etwas dicker, bunter, aber mit mehr Anzeigen und Werbung. Dann werden sie vor allem oben rum dünner und unten auch ein bisschen. Dann heisst es, die Chefredakteurin könne nicht mit Mitarbeitern umgehen, dann wieder, man sei drauf und dran, den Zug der digitalen News vor der eigenen Nase abfahren zu lassen, und, und, und.. Was man sich indessen niemals eingestehen kann, ist, dass das Vetrauen der Leser in den Wahrheitsgehalt der eigenen Meldungen und Berichte, darin, dass die Journalistentätigkeit Abbild und Frucht einer vierten Macht im Staate ist, die der Regierung kritisch auf die Finger schaut, massiv gelitten hat. http://www.infowars.com/leaked-new-york-times-memo-admits-msm-being-made-redundant-by-new-media/ Und solange der Leser noch Appetit hat auf Informationen, von denen er annehmen kann, dass sie ihn in seiner Eigenschaft als mündigen Bürger stärken, so lange werden sich zahlunsgwillige Leser von Vertuschungsmedien abwenden. Und genauso lange gelten eigentlich auch die Hausaufgaben des Journalismus als noch nicht gemacht. D.h. wenn nicht ein anderer Journalismus, sozusagen ein Paralleljournalismus sich der Sache annimmt und Wahreres schreibt, weil er weniger stark angebunden ist. Die Logik Assad ist schlimm-in Syrien kommen einige im Sarindampf um-die Alternativen Medien warten mit Indizein auf, wonach z.B. auch Erdogan die Giftgaseinsätze mit angeleiert hat und sie von den "Aufständischen" lanciert wurden-das würde ja heissen, dass der Westen eine Neubewertung davon vornehmen müsste, wer da unten die Guten und wer die Schlechten sind-ergo müssen die Alternativmedien einem Bären aufgesessen sein, sie zieht nicht mehr. Neu muss es heissen: OK, die einen schreiben dies, die anderen permanent immer nur jenes. Müssten da nicht beide nochmals über ihre Bücher? Wer die bis hierher kolportierte "Wahrheit" einfach nur durch nachfolgendes Schweigen zementieren will, ist raus, der hat mit allem Möglichen zu tun, aber nicht mit seriösem Journalismus. Es ist meiner Meinung nach so, wie KenFM es sagt: Wer keinen Anstoss daran nimmt, dass eine Sprecherin des BBC am 11. September 2001 einen Gebäudezusammensturz um ca. 20 Minuten vorausdatiert, also vorhergesagt hat, der dürfte an gar nichts mehr Anstoss nehmen, dem werden noch ganz andere Lügen aufgetischt werden.
lordgrosskotz 16.05.2014
3. manipulierte Wirklichkeit...
Damit kennt man sich hier doch aus. Z.B. wenn der Autor für seine Argumentation vermeintliche Fakten (z.b. "Assad setzt Giftgas gegen sein eigenes Volk ein") heranzieht und diese für "wahr" verkauft indem er sie verlinkt. Der Link führt zu einem Artikel von einem Kollegen aus der selben Redaktion, der darin dieselbe unbewiesene Behauptung aufstellt und sie dadurch "beweist", dass er sie verlinkt. Der Link führt einen zum Artikel eines Kollegen aus der selben Redaktion, der darin dieselbe unbewiesene Behauptung aufstellt und sie dadurch "beweist", dass er sie verlinkt usw. Die Behauptungen werden durch dieses Wikipedia-Prinzip gewissermaßen objektiviert und so kann man sich dann durch das Spon-Universum bewegen, ohne sich der Wirklichkeit auch nur anzunähern. Ist aber in jedem Fall ne Runde Sache, wie man so sagt.
andreashirsch 16.05.2014
4.
Ein verschwurbelter Un-Text, der so ganz nebenbei die Vermutung, Assad setze Chemiewaffen ein, als Tatsache verkauft. Um dem wenigstens hier im Kommentarbereich etwas entgegenzusetzen, sei angemerkt, dass es KEINEN nachgewiesenen Chemiewaffeneinsatz der syrischen Armee gibt, dafür aber nachweisbar die sogenannten Rebellen in den von ihnen beherrschten Gebieten nachweisbar auspeitschen, köpfen, Hände abhacken. Seit die Rebellen Homs verlassen, sind Ströme syrischer Zivilisten auf dem Weg zurück in die Stadt, aus der sie geflohen sind, als die Rebellen-Horden einfielen. Das alles ist Wahrheit, überprüfbar und berichtenswert. Stattdessen dieser Diez-Text. Unfassbar.
andreashirsch 16.05.2014
5.
Ein verschwurbelter Un-Text, der so ganz nebenbei die Vermutung, Assad setze Chemiewaffen ein, als Tatsache verkauft. Um dem wenigstens hier im Kommentarbereich etwas entgegenzusetzen, sei angemerkt, dass es KEINEN nachgewiesenen Chemiewaffeneinsatz der syrischen Armee gibt, dafür aber nachweisbar die sogenannten Rebellen in den von ihnen beherrschten Gebieten nachweisbar auspeitschen, köpfen, Hände abhacken. Seit die Rebellen Homs verlassen, sind Ströme syrischer Zivilisten auf dem Weg zurück in die Stadt, aus der sie geflohen sind, als die Rebellen-Horden einfielen. Das alles ist Wahrheit, überprüfbar und berichtenswert. Stattdessen dieser Diez-Text. Unfassbar.
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