Syrischer Schauspieler in Wien "Sie haben mich gefragt: Kommst du auch wirklich jeden Tag?"

Ein 18-Jähriger soll in Syrien in den Krieg ziehen und flüchtet nach Europa. Heute steht Tamim Fattal auf einer der größten Bühnen von Wien. Er spielt einen Flüchtling - und gleichzeitig sich selbst?

Herbert Neubauer

Von , Wien


Krieg oder Flucht, das ist im November 2015 für Tamim Fattal die Frage: Er ist 18 Jahre alt und hat gerade das Abitur gemacht - alt genug, um zu kämpfen, um für die Armee von Syriens Machthaber Baschar al-Assad in den Krieg zu ziehen, einen Krieg, in dem seit 2011 mehrere Hunderttausend Menschen gestorben sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass er seinen Wehrdienst unbeschadet übersteht, ist gering.

Heute steht Fattal, inzwischen 20 Jahre alt, auf der Bühne des Theaters in der Josefstadt in Wien und spielt im Stück "Fremdenzimmer" von Peter Turrini den syrischen Flüchtling Samir, der auf der Flucht vor den österreichischen Behörden, die ihn abschieben wollen, zufällig bei einem alten Paar landet. Gustl ist fremdenfeindlich, Herta will Gustl zeigen, dass sie das Sagen hat und setzt durch, dass der Flüchtling bei ihnen Unterschlupf findet.

Im gesamten Stück sagt Samir nur ein paar Worte. An einer Stelle hält er einen Monolog auf Englisch, in dem er seine Flucht beschreibt. Ein syrischer Flüchtling spielt einen syrischen Flüchtling. Spielt er sich selbst?

Die Freude, Vorurteile zu widerlegen

Fattal lacht. "Mein Monolog beinhaltet auch teilweise Erzählungen aus meinem eigenen Leben", sagt er. "Die Rolle hat natürlich einen Bezug zu mir, aber das bin nicht ich." Als er erfahren habe, dass ein Darsteller für diese Rolle gesucht werde, habe er gedacht: "Das muss ich spielen!" Er schafft es, vorsprechen zu dürfen, wird gecastet - und bekommt den Zuschlag. Am Anfang seien die Theaterleute misstrauisch gewesen. "Sie haben mich gefragt: Kommst du auch wirklich jeden Tag?" Er lacht wieder.

Man merkt Fattal an, dass es ihm Freude macht, Vorurteile zu widerlegen - dass Flüchtlinge faul seien, Frauen schlecht behandelten, keine Regeln einhielten. Und man merkt, dass ihm Sprache besonders wichtig ist. Seine Englischkenntnisse aus der Schule und aus Hollywoodfilmen hätten ihm bei der Flucht geholfen. Dafür, dass er erst seit zwei Jahren in Österreich lebt, spricht er hervorragend Deutsch. "Ich möchte noch fließender werden und noch weniger nachdenken müssen beim Sprechen." Schließlich wolle er nicht in alle Ewigkeit den Syrer spielen.

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Flüchtling spielt Flüchtling: Ein "Fremdenzimmer" in Wien

Bis hierhin war es ein langer Weg. "Ich wollte nie Teil des Krieges in Syrien sein", sagt Fattal. "Für mich war klar: Entweder muss ich töten und nehme Schaden an meiner Seele, oder ich muss Syrien verlassen." Also bereitete die Familie die Flucht des Jungen vor. Die Eltern, ein pensionierter Geschäftsmann und eine Grundschullehrerin, kratzen Ersparnisse zusammen, liehen sich Geld. Flüchten ist teuer. Mit ein paar Habseligkeiten machte Fattal sich auf den Weg.

Er fand einen Schlepper, der ihn über die Grenze in die Türkei brachte. Das nördliche Nachbarland hatte zu diesem Zeitpunkt die Grenze schon weitgehend geschlossen. Der Schlepper führte eine Gruppe durch ein Gebirge. Fattal half einem herzkranken Mitflüchtling, trug dessen zweijährige Tochter. In der Türkei brach er vor Erschöpfung zusammen.

In Izmir fand er einen weiteren Schlepper, der ihn für 1800 Dollar in einem Schlauchboot nach Griechenland brachte. "Ich werde nie vergessen, wie wir in diesem Boot saßen, Dutzende Leute. Ich blicke in ihre Gesichter, dann auf das weite Meer und frage mich: Was tue ich hier?" Erst in Griechenland hatte er das Gefühl, dem Krieg entkommen zu sein.

Dann machte er sich auf den Weg weiter Richtung Norden, ohne Ziel. Die Balkanroute, bis nach Österreich. "Hier gefiel es mir", sagt er. "Ich fand die Menschen nett." Fattal ist am Ende seiner Kräfte, sechs Kilogramm hat er während der gut einen Monat dauernden Flucht abgenommen. Ohne jemanden zu kennen, beschließt er, in Wien zu bleiben. "Ich war lange genug unterwegs, jetzt reicht's, dachte ich."

"Ich wollte ja nie weg aus Syrien"

Er kommt in einem Flüchtlingscamp am Stadtrand von Wien unter. Weil er auf den offiziellen Sprachkurs warten muss, bis er als Flüchtling anerkannt wird, organisiert er sich privaten Unterricht. Und er erzählt einer neuen österreichischen Bekannten, dass er schon in Aleppo und in Beirut als Laienschauspieler aufgetreten ist.

Die Frau hilft ihm, Kontakte zu finden. Fattal spielt in Werbefilmen mit, lernt mit einem Stipendium tanzen und singen und bekommt erste Engagements. Seine Rolle als Samir ist der bisherige Höhepunkt: Das Theater in der Josefstadt ist eine der bekanntesten Bühnen Wiens. Rund 30 Mal tritt Fattal bis in den Sommer auf. Sein nächstes Ziel: "Ich möchte eine Schauspielschule besuchen."

Fattal ist heute anerkannter Flüchtling, hat einen Job und lebt mit Freunden in einer Wohngemeinschaft. Hat er in Österreich all jene rassistischen Vorurteile am eigenen Leib erlebt, die in dem Theaterstück zur Sprache kommen? Er überlegt. "Nein, und wenn, dann hat der Rassismus keine Narben hinterlassen." Sobald er mit den Menschen gesprochen habe, "in ihrer eigenen Sprache", hätten Vorurteile sich in Luft aufgelöst. "Sie merken: Ich bin ein ganz normaler Typ, kein Terrorist." Er fühle sich wohl in Wien.

Ob er bleiben möchte? Wieder denkt er nach. "Ich wollte ja nie weg aus Syrien." Also doch wieder zurück? "Vielleicht irgendwann, wenn der Krieg vorbei ist." Er vermisse seine Familie und seine Freunde. "Ich kann das nicht einfach loslassen. Aber ich hoffe, dass ich Wien irgendwann mein Zuhause nennen kann." Seine Eltern seien stolz auf ihn. "Ich schicke ihnen Übersetzungen der Artikel über das Theaterstück." Er könne sich aber auch vorstellen, in Zukunft ganz woanders hinzugehen. "Mal sehen, wohin das Leben mich führt."


"Fremdenzimmer" wird am Theater in der Josefstadt in Wien gezeigt. Weitere Aufführungen gibt es unter anderem am 7.2., 14.2., 15.2. und 28.2.

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