Tabubruch bei "Vanity Fair" Der Nazi, der Jude und das Prinzip Eitelkeit

Eine makabre Situation: Mit Michel Friedman und Horst Mahler interviewte in "Vanity Fair" ein prominenter Jude einen bekennenden Neo-Nazi. Ein Skandal mit pathologischer Komponente, findet SPIEGEL ONLINE-Autor Henryk M. Broder.


Es kommt wieder Leben in die Sülze. Die deutsch-jüdische Symbiose, lange als "jüdisches Selbstgespräch" verlacht, nimmt erneut Gestalt an. Seit kurzem gibt es einen "Arbeitskreis jüdischer Sozialdemokraten" in der SPD, auf ihrem Hamburger Parteitag hat sich die SPD nicht nur zur Pendlerpauschale, sondern auch zu ihren jüdischen Wurzeln bekannt, schon vor einem Jahr wurde der "Bund jüdischer Soldaten" neu ins Leben gerufen, der die Tradition des "Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten" fortsetzen möchte, der 1919 gegründet und 1938 von den Nazis aufgelöst wurde. Und in der jüngsten Ausgabe des Magazins "Vanity Fair" spricht Michel Friedman mit Horst Mahler. Das Gespräch wird auf dem Cover als "Skandal-Interview" angekündigt: "Heil Hitler, Herr Friedman".

Screenshot der "Vanity Fair"-Webseite: Nazi-Business as usual

Screenshot der "Vanity Fair"-Webseite: Nazi-Business as usual

Was aber ist es, das die Unterhaltung zwischen dem "'Vanity Fair'-Autor Michel Friedman" und "Deutschlands Chef-Nazi" zu einem Skandal macht? Erst einmal die Tatsache, dass ein Lifestyle-Magazin einem bekennenden Neo-Nazi zehn Seiten einräumt, damit er seine wirren Gedanken unters Volk bringen kann. Noch mehr aber der Umstand, dass es ein prominenter Jude ist, der den Nazi interviewt. So wird deutsche Geschichte aus der Vergangenheit in die Zukunft verlängert. Ein potentieller Täter und ein potentielles Opfer treffen sich, eine makabere Situation, deren Reiz in einer perversen Phantasie liegt: Was wäre, wenn der Nazi könnte, wie er möchte?

Martin Luther King wäre nie auf die Idee gekommen, sich mit einem Ku-Klux-Klan-Häuptling zu einem Gespräch zu treffen, weder privat noch öffentlich. Denn er war klug und er hatte einen Begriff von Würde. Michel Friedman ist nur eitel und merkt nicht einmal, wie er benutzt wird. Hätte die Redaktion von "Vanity Fair" vorgehabt, den "Chef-Nazi" von einem prominenten "Arier" interviewen zu lassen, gäbe es weder ein Interview noch einen Skandal.

Harald Schmidt hätte sich wohl für einen solchen Job nicht hergegeben. Dieter Bohlen sicherlich auch nicht. Aber Michel Friedman tut es. Und kommt dabei zwar nicht in die Hölle, aber unter die Räder eines Demagogen, der ihm überlegen ist, weil er ein noch größerer Autist als sein Interviewer ist.

Es gibt im Verhältnis zwischen Juden und ihren Feinden eine pathologische Komponente, die schwer zu begreifen ist. Sie geht weit über das hinaus, was seit 1973 als "Stockholm-Syndrom" bezeichnet wird: die emotionale Affinität von Geiseln zu ihren Entführern. Es gibt Juden, die sich schon präventiv anbiedern und unterwerfen, ohne entführt worden zu sein, sozusagen als Geste des guten Willens. Wie eine Frau, die aus Angst vergewaltigt zu werden, absichtlich die Nähe des Vergewaltigers sucht.

Juden stellen Nazis Persilschein aus

Das schönste Beispiel für diese Haltung ist der jüdische Dichter Erich Fried, dessen Vater vor seinen Augen von den Nazis erschlagen wurde. Fried hat nicht nur Unmengen schlechter Texte im Grenzbereich zwischen Kalenderprosa und Agitprop geschrieben, er fühlte sich auch von jenen angezogen, die ihn verachteten. Ende 1984 besuchte Fried auf eigenen Wunsch den damaligen Führer der "Aktionsfront Nationaler Sozialisten", Michael Kühnen, im Gefängnis und berichtete dann über sein mehr als fünfstündiges "Beisammensein" mit dem wegen diverser Delikte verurteilten Jung-Nazi in der "Frankfurter Rundschau": Er (Fried) habe den "bestimmten Eindruck gewonnen, dass er (Kühnen) zwar Ansichten hat, die ich absolut nicht teilen kann, dass er aber nicht nur ein vorbildlich ehrlicher Diskussionspartner war, sondern auch weit entfernt von jeder Verstocktheit und Unbelehrbarkeit."

Und gegenüber der "taz" sagte Fried: "Ich fand, dass Kühnen symptomatisch ist für eine Verwirrung, die entsteht, wenn man nach Kameradschaft sucht und sie an der falschen Stelle findet."

Der Jude Fried tat etwas, was kein anständiger "Arier" getan hätte: Er stellte einem überzeugten Nazi und verbockten Antisemiten einen Persilschein aus. "Kühnen (ist) ein armer Hund, der jetzt wieder eingesperrt wird und der überhaupt keine Chance hat, an die Macht zu kommen."

Dass ein Jude sich einem Nazi und/oder Antisemiten als Ausputzer und Bewährungshelfer zur Verfügung stellt, kommt nicht sehr oft vor, aber immer öfter. Fried war ein prominenter Einzelfall, kein Ausrutscher. Die "Deutsche National-Zeitung" beschäftigt als Kolumnisten den Enkel des Geigers Menachem Menuhin, Gerard Menuhin, der genau das sagt, was die "National-Zeitung" von einem Juden über Juden hören will. Ein selbst ernannter ultraorthodoxer Wiener "Oberrabbiner", Moishe Arye Friedman, hat an der Teheraner Holocaust-Leugner-Konferenz teilgenommen, mit Präsident Ahmadineschad Herzlichkeiten ausgetauscht und in Interviews mit iranischen Medien erklärt, er bete täglich für die Auslöschung Israels.

Langes Bad in Sagrotan-Lösung?

Ein paar Stufen drunter gibt es nicht wenige "fortschrittliche" Juden, die darauf brennen, sich mit Vertretern der Hamas und Hisbollah an einen Tisch zu setzen, um mit ihnen über die Errichtung "eines säkularen, demokratischen Staates in Palästina" zu verhandeln.

Wem das doch ein wenig zu riskant ist, der kann sich immer noch für die Freigabe von Hitlers "Mein Kampf" einsetzen, wie das der Berliner Schriftsteller Rafael Seligmann regelmäßig tut und mit diesem "running gag" jedes Mal für Aufregung sorgt. Er will Hitler enttabuisieren, durch die Lektüre von "Mein Kampf" sollen den Menschen die Augen geöffnet werden, wie schlimm der Führer war.

So ähnlich argumentiert auch die Redaktion von "Vanity Fair". Das Interview mit Mahler sei "das Dokument einer Demontage", "die Demaskierung eines Staatsfeinds", es habe "unseren Autor Michel Friedman viel Kraft gekostet".

Die Redaktion gibt keine Auskunft darüber, ob der erschöpfte Friedman nach seiner Begegnung mit Mahler ein langes Bad in einer Sagrotan-Lösung genommen hat. Dagegen erfährt man, dass Friedman, der von Mahler mit den Worten "Heil Hitler, Herr Friedman" begrüßt wurde, nach dem Interview "als Privatperson" Anzeige gegen Mahler gestellt hat. Das ist noch frivoler als der Rausschmiss von Eva Herman durch Kerner nach einer 50-minütigen "Demontage" der Moderatorin.

So falsch, dass nicht einmal das Gegenteil wahr ist

Davon abgesehen, steht in dem Interview nichts, was man nicht schon wüsste. Es ist nicht das Dokument einer Demontage des NPD-Anwalts, sondern das Dokument der Hilflosigkeit eines Interviewers, der einen Kannibalen von den Vorzügen vegetarischer Lebensweise zu überzeugen versucht. Mahler ist ein paranoider Antisemit, der überall Juden und ihre Agenten am Werke sieht ("Der Jude trachtet danach, die Weltherrschaft zu erringen"), von Kemal Atatürk, dem Begründer der modernen Türkei, bis zu Angela Merkel. Hitler, sagt Mahler, "war der Erlöser des deutschen Volkes", die systematische Vernichtung der Juden in Auschwitz "ist eine Lüge".

Alles Nazi-Business as usual. Diesem pathologischen Unsinn hat Friedman nichts entgegenzusetzen als ein gestammeltes "Ich möchte mich mit Ihnen unterhalten..." Denn alles, was Mahler sagt, gehört in die Kategorie der Behauptungen, die so falsch sind, dass nicht einmal das Gegenteil wahr ist. Friedman aber, in einer Mischung aus Koketterie und Masochismus, versucht es unverdrossen, wie ein Kind, das die Gesetze der Schwerkraft nicht versteht und immer wieder seine Schnabeltasse fallen lässt.

Am Ende gibt er entnervt auf. Der Sieger nach Punkten heißt Horst Mahler. Zwar hat der inzwischen seine Zulassung als Anwalt verloren, aber auf dem Marktplatz der Eitelkeiten bekommt er noch eine Chance. Mit freundlicher Unterstützung von "Vanity Fair" und Michel Friedman.



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