Berliner Institution Kunsthaus Tacheles geräumt

22 Jahre Besetzung sind zu Ende: Am Dienstagmorgen kam der Gerichtsvollzieher ins Kunsthaus Tacheles in Berlin-Mitte, die Künstler übergaben die Schlüssel. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen verteidigten zum Schluss nur noch wenige die ehemalige Touristenattraktion.

dapd

Schlüsselübergabe an einer Ruine. Das Tacheles ist am Dienstag nach jahrelangen Auseinandersetzungen friedlich geräumt worden. Die verbliebenen Künstler übergaben dem Gerichtsvollzieher freiwillig die Schlüssel, die Räume wurden versiegelt. "Wir weichen der Gewalt", sagte Sprecherin Linda Cerna.

Ein Gerichtsvollzieher betrat zur angekündigten Zeit um 8 Uhr mit den Anwälten der Besetzer und des Eigentümers HSH Nordbank das Gebäude und inspizierte die Räume. Vor dem ehemaligen Kaufhaus hatten sich etwa 50 Sympathisanten versammelt, die mit Spruchbändern und Kunstaktionen ihre Solidarität mit den Künstlern bekundeten. Die Polizei war mit einem kleinen Aufgebot anwesend.

Ein Sprecher der Besetzer bezeichnete die Räumung als "Kunstraub unter Polizeischutz". Gleichwohl hätten alle Künstler inzwischen neue Atelierräume gefunden. Eine Sprecherin der Künstler aus dem Haus sagte, Berlin habe "heute einen großen Verlust erlitten". Sie wiederholte die Forderung der Tacheles-Nutzer, dass Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und der für Kunst zuständige Staatssekretär André Schmitz (SPD) zurücktreten sollten. "Sie allein sind verantwortlich für diese Räumung", sagte die Sprecherin.

Die fünfstöckige Ruine wird von der HSH Nordbank verwaltet. Es ist das letzte verbliebene Gebäude eines Kaufhauskomplexes, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts entstanden war. Im Zweiten Weltkrieg wurde er schwer zerstört, in den achtziger Jahren ließ die Ostberliner Stadtverwaltung große Teile abreißen. Nur der Kopfbau an der Oranienburger Straße blieb erhalten.

Nach dem Fall der Mauer schufen die Besetzer eine künstlerische Freifläche ganz im Sinne der auf- und umbrechenden Stadt. Das Haus wurde zu einem Anziehungspunkt für Touristen. 1998 hatte die Fundus-Gruppe das Gelände, auf dem das Tacheles steht, vom Land Berlin für rund 2,7 Millionen Euro erworben und wollte dort Wohn- und Geschäftshäuser bauen. Aus den Bauplänen wurde nichts. Die HSH-Nordbank, Gläubigerin der Fundus-Tochtergesellschaft, die das gelände besaß, setzte daraufhin die Zwangsverwaltung durch und beantragte die Zwangsversteigerung.

feb/dpa/dapd/AFP



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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
Jan Northoff 04.09.2012
1. Neuer Anfang: Tacheles in 3D entsteht im Internet
Eine neue online Galerie ist entstanden, baseierend auf einer Facebook 3D Platform, um den Künstlern des Tacheles weiterhin einen Ausstellungsort zu bieten: http://kunsthaus-tacheles.berlinin3d.com/2012/08/tacheles-lebt-weiter-in-3d.html
malarasataponoto 04.09.2012
2. sehr schade für Berlin
Ich bin mir sicher, sehr viele Menschen, die Berin kennen und lieben gelernt haben, werden diesem tollen Fleckchen Erde viel nachtrauern.
onkelbenz,derechte 04.09.2012
3. ...
Zitat von sysopdapd22 Jahre Besetzung sind zu Ende: Am Dienstagmorgen kam der Gerichtsvollzieher ins Kunsthaus Tacheles in Berlin-Mitte, die Künstler übergaben die Schlüssel. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen verteidigten zum Schluss nur noch wenige die ehemalige Touristenattraktion. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,853743,00.html
Nachdem die beste Straße Mittes für den Abend im Laufe der letzten 15 Jahre monatlich weiter verhunzt, genormt, vertourisiert und verwestlicht wurde, ist sie hiermit tot. Schade.
oneworldnow 04.09.2012
4. Die Sterilisierung Berlins schreitet voran
und ein für viele vielleicht nicht schöner,aber für andere ein origineller,kreativer Großstadthotpoint muß langweiligen,kalten Wohn-und Geschäftshäusern weichen.Armes Berlin. Für viele Ost-und Westdeutsche war das Gebäude nach dem Mauerfall erste Anlaufstelle,um gemeinsam zu feiern,sich kennen zu lernen und auszutauschen. Wieder ein Grund weniger,diese Stadt zu besuchen
m.breitkopf 04.09.2012
5. Reich, aber unsexy!
Und wieder verschwindet ein Stückchen Charme. So wird Berlin langsam aber sicher auch noch unsexy.
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