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Tag der Architektur: Das Wohnen der anderen

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Tag der Architektur: Im Reich der Nachbarn Fotos
Andreas Bormann

Es ist das legale Eindringen in die Privatsphäre der Mitbürger: Zum Tag der Architektur zeigen Menschen, wie sie wohnen. Auch öffentliche Gebäude öffnen ihre Türen.

In Hannover bereitet sich Anna Waldhoff auf den Tag der Architektur vor. Auf den Webseiten der Architektenkammer Niedersachsen sucht sie Besichtigungsangebote von umgebauten Ein- und Zweifamilienhäusern, die den Status eines Passivhauses haben. Zur Inspiration. Denn Waldhoff hat vor einem Jahr ein Zweifamilienhaus aus den Sechzigerjahren von ihren Eltern geerbt und möchte es nun umbauen und umwelttechnisch modernisieren lassen.

Beim Tag der Architektur geht es nicht darum, die besichtigten Objekte unbedingt zu kaufen. Stattdessen laden ganz normale Menschen dazu ein, sich mal ins eigene Reich schauen zu lassen. Für Anna Waldhoff eine große Chance. Das "Bunte Haus zwischen grauen Giebeln" von Nicole und Jörg Himmerisch ist schon auf ihrem Besichtigungsplan, weil deren Zweifamilienhaus von 1949 nach einem Umbau genau das hat, was sie sich vorstellt: einen großzügigen, offenen Grundriss und eine energetischen Sanierung. Leider zeigt das Foto keine Ansicht vom Haus, aber der abgebildete Innenraum mit dem Kamin gefällt ihr.

Am Sonntag um 10.30 Uhr muss Waldhoff vor dem Haus der Himmerichs sein. Dann nämlich werden die Zeitkarten für die Führungen ausgegeben - alle 30 Minuten gibt es eine, für je zwölf Personen. "Hoffentlich sind da ein paar Minuten drin, um die Besitzer ein wenig auszufragen", sagt Waldhoff. Zum Beispiel danach, ob sich deren Erwartungen in Bezug auf das Energie- und Geldsparen erfüllt haben, ob das Bauen teurer und die Bauzeit länger als veranschlagt waren, ob es unerwartete Überraschungen gab und ob sie heute irgendetwas anders machen würden.

Ansehen will sich Waldhoff auch noch zwei andere Privathäuser in Hannover: einen Neubau-Kubus, der im Passivhaus-Baugebiet "zero-e Park" steht und vor allem den Umbau, der auf den Webseiten "Vom Gartenhof zum Atrium" heißt - denn der sieht auf dem Innenraumfoto recht gut aus und soll dabei auch noch energieeffizient sein.

Privathäuser sind besonders beliebt

So ähnlich wie Waldhoff planen viele Interessierte ihren Tag der Architektur, der jedes Jahr in allen Bundesländern am letzten Wochenende im Juni stattfindet - mit einigen Ausnahmen. In Niedersachsen und Bremen zum Beispiel finden die Besichtigungen nur am Sonntag statt, der Termin in Schleswig-Holstein ist schon vorbei, in Bayern heißt das Wochenende "Architektouren" und Hamburg bietet neben Architekturbesichtigungen auch Führungen zur "Ingenieurbaukunst" an. Für alle Bundesländer gibt es eine kostenlose App und oft auch gedruckte Kataloge. Die konkreten Informationen über jedes zu besichtigende Objekt sind auf den jeweiligen Webseiten der Architektenkammern zu finden - mit unterschiedlich guten Beschreibungen.

Zu vielen Besichtigungen kann man einfach hingehen, zu anderen muss man sich anmelden. Kein Wunder, denn allein in Nordrhein-Westfalen zogen im letzten Jahr rund 40.000 Menschen los, um sich anzusehen, wie andere wohnen oder wie es da aussieht - wo die Menschen arbeiten, wohin Kinder täglich geschickt werden und wo die ältere Generation vielleicht mal hinziehen wird.

Besonders beliebt bei den Besuchern sind die Privathäuser, egal ob Neu- oder Umbauten. Danach kommen die Miet- und Eigentumswohnungen, und dann öffentliche Gebäude wie Schulen, Kindergärten, Altersheime, Forschungs- und Gemeindezentren oder Verwaltungsbauten. Eher Ausflüge mit Führung als Besichtigungen sind zum Beispiel die in Hamburg angebotenen Stadtspaziergänge. Dort kann man sich fachkundig 20 alte Brücken erklären lassen, durch die Altstadt und die HafenCity spazieren, oder man kann sich bei "PPP - Passagen, Plätze, Perspektiven?" informieren, wie der öffentliche Stadtraum sich wandelt und vermarktet wird.

Aber man kann auch einfach nur Traumhäuser ansehen und natürlich die Leute, die darin wohnen. Man kann sich freuen, dass nicht alle Supermärkte in hässlichen Kisten untergebracht sind, wie es der Edeka-Markt in einem Altbau in Wennigsen bei Hannover zeigt. Und man kann viel lernen, zum Beispiel dass in Thüringen viele neue Gebäude nicht nur in Gotha, Weimar, Erfurt, und Jena gebaut wurden, sondern in Orten wie Nohra, Sömmerda, Ohrdruf oder Oberhof. Es lohnt sich, vorbeizuschauen. Und vielleicht geht dann der nächste Kurzurlaub einfach mal in den Thüringer Wald. Auch ohne Architekturtage.


Tag der Architektur 2014. 28.+29. Juni. Bundesweite Webseite.

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