Tageskarte Küche Grünes Kohlkraftwerk

Nicht jeder hat genug Platz am Esstisch, um das traditionelle Abendmahl am Gründonnerstag mit seinen 12 Lieblingsjüngern zu feiern. Macht nichts, denn auch als flotter Sechser kann man den letzten Grünkohl des Jahres als zünftiges Passahmahl zelebrieren.

Von Hobbykoch


Wenn sich am Abend des Donnerstags vor Ostern Ihre Gäste über die mit Wonne angefressenen Grünkohlbäuche streichen, in denen der dritte Korn für wohlige Verdauungswärme sorgt und dann der eine oder andere seine Schuhe unter dem Tisch auszieht - bleiben Sie ruhig und kommen nicht gleich mit Warmwasserschüssel, Deoseife und Handtuch angelaufen. In unserem säkularen Zeitalter wird wahrscheinlich keiner auf die liturgische Fußwaschung (Markusevangelium 14, 22 - 25) warten, die Jesus als Zeichen der Demut seinen Jüngern angedeihen ließ. Wahrscheinlich haben Ihre Freunde nur dicke Füße bekommen von all dem Sitzen und Schlemmen.


Auf jeden Fall ist der Gründonnerstag heute kein Grund zum Weinen mehr. Ursprünglich kann der Name dieses Feiertages eher von "Gronan" denn von der Farbbezeichnung abgeleitet werden - was so viel wie "Weinen" oder "Greinen" heißt. Gemeint waren damit die Tränen der reuigen Sünder, die nach getaner Buße in der vorangegangenen Fastenzeit wieder in den Schoß der Kirche zurückkehren durften.

Aus der Sicht des zeitgenössischen Gerne-Essers besteht aber meist keine Notwendigkeit, das Ende der Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Gründonnerstag zu beweinen. Er wird sich statt dessen auf die alternative Herleitung des Namens berufen - den auf heidnische Zeiten zurückreichenden Brauch, an diesem Tag mit der Verspeisung von allerlei Grünzeug sich das aufziehende Frühjahr mit der ganzen Kraft des jungen Lebens einzuverleiben.

Auch wenn nur in kleinen Teilen Ostfrieslands heutzutage noch aus Glaubensgründen der Winter mit einem Grünkohlmahl am vorösterlichen Donnerstag verabschiedet wird, bietet sich dieses Gericht als sinnesfrohe Alternative zu all den öden Tellern mit Spinat und Ei an, die an diesem Tag gern auf den Tisch kommen - auch südlich des Grünkohläquators, der, von Norden aus betrachtet, in etwa parallel zum Weißwurstäquator Deutschland in zwei Essenshälften teilt.

Muss er aber nicht. Denn erstens gibt es auch jenseits des Mains bis in die ersten Märzwochen hinein in gut sortierten Gemüseläden und Supermärkten die überdimensional großen Plastiktüten mit den voluminösen Kohlblättern (50 Prozent Abfall, also mindestens 500 Gramm pro Esser kaufen!). Der Grünkohl (oder Braunkohl wie er wegen seiner dort etwas bräunlich-violetteren Blätter in Bremen und zwischen Hannover und Magdeburg genannt wird), ist zu diesem Zeitpunkt zwar schon nicht mehr ganz die Vitaminbombe der jungen Erntemonaten Oktober oder November. Dennoch kommt er auch im Februar noch mit knapp einem Gramm Vitamin C pro Kilo recht gesund daher.

Und zweitens stopft eine kleine ostwestfälische Konservenfabrik liebevoll handgerupfte Grünkohlblätter in schmucklos orangefarbene Dosen, die unter dem Namen "Heinrich Lüders" ganzjährig für Kohlfreuden sorgen. Die Lüders-Kohlblätter werden nach dem ersten Frost geerntet - wichtig, weil die späte Ernte nach längerer Kälteperiode den Anteil von Traubenzucker im Vergleich zu schwer verdaulicher Stärke im Kohl erhöht. Bei früher geerntetem und dann tiefgefrorenem Grünkohl funktioniert das nicht, deshalb in solchen Fällen beim Kochen die doppelte Menge Zucker verwenden, was in Verbindung mit langen Kochzeiten auch die übel riechenden Schwefelverbindungen dieses Gerichtes vertreibt.

Aber im Grunde muss einen das alles gar nicht so brennend interessieren, genauso wenig, wie die nur 28 Kalorien, die Grünkohl hat, wenn man ihn in Wasser kochen würde. Aber wer will das schon, wenn er doch mitsamt der Schweinebacke, des Zuckers, des kühlen Pils dazu und des Korns hinterher, der fetten Kartöffelchen und der unter der Gabel vor Freude spritzenden Kohlwurst die Fastenzeit mit gut und gern 2800 Kalorien würdig ausklingen lassen kann.



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schleckischleck 16.03.2008
1. Das muß nicht so fett sein
Was soll man von einem Essen halten, das man nur verträgt, wenn man hinterher etliche Schnäpse trinken muß? Ich würde statt der Schweinebacke lieber gleich das Kassler mitkochen, denn das hat weniger Fett und bringt auch einen guten Geschmack. Die Kartoffeln schmecken auch gut, wenn man nur ein kleines bißchen Fett dazu gibt. Trotzdem vielen Dank für den Tip mit den Karammellzwiebeln, das werde ich gleich mal ausprobieren!
albgardis 16.03.2008
2.
Als ausgewanderte Nordwestdeutsche befallen mich jaehe Heimwehattacken beim Lesen dieses (wieder guten!) Artikels. Man stelle sich bitte vor: die Amis (also meine Schwiegerverwandten und alle ihre Freunde und Nachbarn) sind davon ueberzeugt, dass "Kale" ein SALAT ist! Jawohl, genau wie Spinat, den isst man ja schliesslich auch roh!!! (Ja, wirklich, die essen das alles roh, als Salat, ich schwoere es!) Ich ernte unglaeubiges Staunen (mit dem Hintergedanken "die hat sie ja nicht alle, diese Deutsche"), wenn ich denen erzaehle, wie man Gruenkohl wirklich zubereitet und isst. Und naja, der Gedanke, dass manche Nordwestdeutschen den Kohl sogar draussen im Felde geniessen, wird schon gar nicht geglaubt. (Stimmt aber, ist eine alte niedersaechsische Tradition: die Frauen ziehen abends mit Bollerwagen los, um ihre Maenner, die dann wg. Alk gar nicht mehr laufen koennen, in diesem dann heimzuholen.) Natuerlich habe ich es vor Jahren, im ersten Exilwinter sozusagen, probiert: einfach Kale gekauft (den "Salat", genau) und wie Gruenkohl zubereitet. Sah ja aus wie Gruenkohl! Brachte nix, denn der war ja nicht auf dem Felde gefroren. Auf die Idee mit dem Zucker bin ich leider nicht selbst gekommen, danke Ihnen, Herr Wagner, fuer den Tip!! Ich werde es jetzt einfach doch noch'mal probieren mit Kale und Zucker... Und auch vielen Dank fuer den Tip mit Heinrich Lueders. Normalerweise bin ich ja extrem allergisch gegen jegliches Productplacement, aber eben nur normalerweise. Normal ist ja, was ich in uebergrossen Supermaerkten um die Ohren bekomme. Bin jedoch extrem dankbar fuer jeden Hinweis, der gute Marken betrifft, die ich eben nicht im Laden bekommen kann. Jetzt bloss noch die Frage: welcher Importeur fuehrt Lueders' Kohl? Habe schon bei lubella.de angefragt, dem Hersteller. Hoffentlich haben die hier ueberhaupt einen Vertragshaendler... Ich als Vegetarierin muss ja die Stellen ueberlesen, in denen von der Zubereitung von Koerperteilen berichtet wird. Aber wenigstens in diesem Punkt ist es hier besser: die Amis haben alle moeglichen Fleischalternativen im Supermarkt fuer moderate Preise. Was ich in Deutschland frueher als teure Versandbestellung aufgeben musste (und immer mit Mindestbestellwert und Portokosten etc), wird hier einfach beim gewoehnlichen Einkauf besorgt. Immerhin! Nun haben wir also genug Fleisch- und Wurstersatz, aber den Gruenkohl nicht... ich koennte echt heulen, wenn ich mir das ueberlege. Keiner, der in seinem Heimatland wohnt, kann sich ausmalen, was es bedeutet, als Immigrant in eine fremde Kultur zu gehen und ab sofort keine gewohnten Lebensmittel mehr zu kriegen, oder nur noch per Postpaket aus der Heimat fuer dreistellige Portobetraege... Doch, im Ernst, die USA sind eine FREMDE Kultur, was das Essen angeht, aber auch in anderen Bereichen, die ich jetzt nicht anschneiden kann.
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