Tageskarte Küche: In den Klauen des Nasenmannes

Von Hobbykoch Peter Wagner

Lafer, Laber, Lecker? Deutschlands zählebigster TV-Koch Johann Lafer hat pünktlich zum 50. Geburtstag seine Autobiografie schreiben lassen. Sie beweist, dass Jahrzehnte am Herd das Sprachzentrum untrainiert lassen: Der Mann der Würze ist kein Mann des Wortes.

Seit einiger Zeit werde ich von einem Mann in einer weißen Jacke verfolgt. Er ist um die 50, etwas rundlich, hat sich seinen Namen auf die Jacke sticken lassen, und in der Gesichtsmitte sorgt ein ungewöhnlich dicht bewachsener horizontaler Haarstreifen dafür, dass ihm aus der riesigen Nase nichts auf die ebenfalls überdurchschnittlich großen Zähne tropft.

Ich habe Angst vor ihm. Er läuft mir zwar nicht hinterher, doch es ist mit ihm wie mit dem Hasen und dem Igel: Wo immer ich auch hinkomme - der Nasenmann ist schon da. Und er grinst. Noch nie, so geht die Legende, hat ihn je ein Sterblicher mit einem anderen Gesichtsausdruck gesehen. Vor solchen Menschen sollte man sich in Acht nehmen.

Doch das ist leichter gesagt als getan. Gehen Sie doch mal los und kaufen sich einen Pürierstab. Oder einen WMF-Kochtopf, irgendwas von Villeroy & Boch, eine Praline von Lindt, einen Krups-Handrührer, eine Zeitschrift mit einer Werbeseite für die Steiermark, eine allmilmö-Küche - Sie werden keine hundert Quadratmeter öffentlichen Raum finden, die noch nicht erobert sind vom Nasenmann. Sogar in meiner Speisekammer hat er sich versteckt. Auf den (zugegebenermaßen sehr brauchbaren) Lafer-Fonds im Glas.

Als ich es nicht mehr aushielt in diesem Sommer, kam mir die rettende Idee: Der Baumarkt, dieses Land, in dem sich Siebzehnerschlüssel und Hohlbeitel Gute Nacht sagen, müsste doch eine Lafer-freie Enklave sein. Nichts wie hin also und ein paar neue Lavasteine für den Grill gekauft. Doch es kam, wie es kommen musste. Er war schon da. Und grinste mir als lebensgroßer Werbeaufsteller für Weber-Grills entgegen.

Dabei liebt der Exil-Österreicher Johann Lafer doch die Menschen. Sagt er zumindest mehrere Dutzend Mal in seiner soeben erschienenen Autobiografie "L: Lafer". Wenn man sich mit großer Mühe und noch viel größerem Leseschmerz durch die gut 300 Seiten gearbeitet hat, wird klar: Deutschlands dienstältester und bestbezahlter TV-Koch, Helikopter-Pilot, Stromburgherr, Sterne-Essenszubereiter, diese Dauerwerbesendung in eigener Sache also liebt tatsächlich die Menschen.

Doch er liebt auch - und das ist eine der raren großen messages, die wir Hobbyköche aus diesem Buch ziehen können - die Produkte, die er verarbeitet. Denn im Gegensatz zu den Mälzers und Wieners dieser Tage ist Lafer tatsächlich ein großer, manchmal genialer Koch, ein besessener Qualitätsfetischist, einer, der auch dem durchgekochtesten Rezept noch eine ureigene, unerwartete Drehung mitgeben kann.

Deshalb ärgert er sich in seiner Biografie auch zu Recht, "...dass so einige Kollegen mit weniger Aufwand und Fürsorge Erfolg haben". Und gibt seiner Ex-Kollegin von "Köche bei Kerner" Sarah Wiener noch einen mit: "Vermutlich wird sich so mancher Koch fragen, warum gerade sie bei Kerner auftritt. Aber an ihrem Beispiel sieht man, dass im Fernsehen nicht nur die fachliche Perfektion eine Rolle spielt, entscheidend ist letztlich, ob jemand telegen ist... auch wenn ich das Handwerk des Kochs vielleicht etwas anders interpretiere."

Doch wie der Lafer Hansi, der sich von der steirischen "Herbstmilch"-Einöde seines Elternhauses bis zum Lieblingskoch der Großen, Reichen und Mächtigen (Bush, Gorbatschow, Carreras, Gottschalk, Weizsäcker, Kohl, Becker etc.) hochkochte, sein "Handwerk interpretiert", erfährt man in seinem Buch leider nicht.

Schade, denn ich hätte zum Beispiel gern mehr darüber erfahren, wie die sklavisch-exakte Mengenbefolgung, die Lafer in Jahrzehnten als Patissier bei Viehauser, Müller, Witzigmann oder Lenôtre erlernte, auch in der klassischen Hochküche die Qualität befeuern kann. Wenn Sie also etwas Wesentliches über Lafer erfahren wollen, kaufen Sie sich lieber statt dieser Biografie eines seiner schönen Kochbücher (Tipp: "Meine Kochschule", Bassermann, 2006).

Nachfolgendes Lafer-Rezept für süße Sushi als zauberhafte Dessertidee stand in der Augustausgabe der Zeitschrift "Feinschmecker" als "mittelschwer; Zubereitungszeit 1,5 Stunden". Als ich die fruchtigen Maki, Kanibu und Nigiri dann nach sauschweren drei Stunden endlich in meiner leicht abgewandelten Form hatte und sie dann probierte, wusste ich: Der Nasenmann hatte mich wieder mal besiegt.


Johann Lafer: "L: Lafer". Collection Rolf Heyne, München; 320 Seiten; 24,90 Euro.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Tatsächlich?
Sophia1608 07.10.2007
Zitat von sysopSie beweist, dass Jahrzehnte am Herd das Sprachzentrum untrainiert lassen: Der Mann der Würze ist kein Mann des Wortes.
Ach tatsächlich? jetzt weiß ich auch, warum Frauen so viel reden, sie können nicht mehr kochen oder tun das zu wenig. ;-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Küche
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Tageskarte Küche: Süßes Sushi vom Nasenmann