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06. Januar 2008, 09:49 Uhr

Tageskarte Küche

Königsspeise mit Migrationshintergrund

Von Hobbykoch

Erst klingeln sie, dann singen sie, dann sammeln sie. Und wenn die Sternensinger am heutigen Tag der Heiligen Drei Könige immer noch begehrlich aus der Königswäsche blicken, speisen wir sie standesgemäß – mit einem Teller voll feinstem Fingerfood.

Wenn es am 6. Januar bei Ihnen klingelt und Sie drei Jugendliche mit morgenländischer Anmutung durch den Türspäher sehen, laden Sie bitte die Schrotflinte noch nicht durch. Das sind höchstwahrscheinlich keinen gewaltbereiten halbstarken Intensivstraftäter mit Migrationshintergrund, vor denen uns heißgelaufene Wahlkämpfer bange machen wollen.

Vor allem in Bayern, Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und weiten Teilen Österreichs werden am Dreikönigs-Feiertag eher drei Spenden sammelnde Sternensinger aus der nächsten katholischen Kirchengemeinde vor der Tür stehen, auf der sie, nach gesungenen Liedern und entgegengenommenen Gaben (in diesem Jahr für die Aktion "Sternsinger für die eine Welt" zugunsten Not leidender Kinder), die Buchstaben C, M und B hinterlassen. Das steht einerseits für die Initialen ihrer biblischen Vorbilder Caspar, Melchior und Balthasar, zugleich aber auch für ein wohlgemeintes "Christus Mansionem Benedicat" – "Christus segne dieses Haus".

In den calvinistischer geprägten Regionen unseres Landes muss kein Neid auf diese Bundesländer aufkommen, denn deren gesetzlicher Feiertag fällt in diesem Jahr auf einen Sonntag. Und die drei Sturm klingelnden Bengel vor der Tür kann man ja vorsichtshalber vorher mal fragen, was sie wollen.

Dass der Sonntagsbesuch selbst Geschenke darbietet, ist – im Norden wie im Süden der Republik – eher unwahrscheinlich. Schade eigentlich, denn die historischen Vorbilder hatten neben Weihrauch und Myrrhe, die in unseren modernen Haushalten weniger häufig Verwendung finden, einen schönen Batzen Gold dabei. Angesichts der aktuell galoppierenden Edelmetallkurse eine verlockende Vorstellung.

Anderseits werden bei uns heute ja auch nicht überall Kinder geboren, die später mal als König (Gold), Religionsstifter (Weihrauch) und Heiland (Heilpflanze Myrrhe) in Personalunion die Massen begeistern. So was passierte zuletzt vor mehr oder weniger exakt 2008 Jahren, vom damaligen himmlischen Chefreporter Matthäus (2, 11) packend festgehalten: "Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten. (...) Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Als sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe."

Wenn uns heute mal drei Weise aus dem Morgenland besuchen, heißen sie vielleicht Larvandad, Hormisdas und Gushnasaph (die Syrischen Namen der Hl. Könige), kommen mit großer Wahrscheinlichkeit aber nicht ohne Voranmeldung, was uns erlaubt, ihnen ein paar passende Spezereien anzubieten, als Stärkung für den langen Heimweg. Das könnte eine zünftige Hammelhaxe sein, ein mit Dörrobst angefruchtetes, saftiges Cassoulet oder krosse Kibbeh Mishwi mit Auberginenpüree. Einziger Nachteil: Das alles muss man am Tisch essen, und sooo lange sollen sie ja auch wieder nicht bleiben.

Deshalb folgt hier sicherheitshalber ein feines, kleines Rezept für orientalisches Fingerfood. Das erinnert unseren Besuch an die heimische Mezze, Mazza oder Meze (der wir in Bälde eine eigene Tageskarte widmen wollen), kann aber bequem beim Herumstehen im Flur verspeist werden, ohne gleichzeitig unberechtigte Hoffnungen auf Nachschlag oder gar nächtliches Obdach zu wecken.

Salem Aleikum!

Rezept für orientalisches Fingerfood (Kurzbesuch-Catering für 4 Personen)

Zubereitungszeit: 60 Minuten

Schwierigkeitsgrad: leicht

Zutaten: 8 große entsteinte Trockenpflaumen, 8 Scheiben Serranoschinken, 50 g Ziegenfrischkäse, 4 mittelgroße Karotten, 100 ml Rosenwasser, je 2 El schwarze und helle Sesamsaat, 4 Knoblauchzehen, 4 kleine runde halbfeste Ziegenkäse, 4 EL Akazienhonig, 1 kleine rote Chilischote, je 2 Zweige Rosmarin und Thymian, 1 Aubergine, 4 große Trockendatteln, 1/2 Tl Harissa-Paste, 1 gelbe Zucchini, 2 EL Pistazienkerne, 100 g türkischer Joghurt (10 Prozent Fett), 1 große Salatgurke, 1 rote Zwiebel, 1 Limone, je 1/4 TL Baharat und Raz El Hanout (Gewürzmischungen), 1/2 Tl gemörserter Koriandersamen, 1 Msp gemahlener Zimt, Olivenöl.

Zubereitung: Speckpflaume: Pflaume innen mit Ziegenfrischkäse füllen, mit Schinken umwickeln, evtl. mit Zahnstocher fixieren, im Backofen (keine Umluft) bei 120 Grad ca. 12 Minuten backen.

Rosenkarotte: Karotten schälen, in 4 gleich große Stücke tournieren (zurechtschneiden), 200 ml Salzwasser mit dem Rosenwasser und dem Zimt aufkochen, Karotten darin bissfest kochen, noch warm in Sesammischung fest panieren.

Honigkäse: Chilischote in feinste Röllchen schneiden, Nadeln und Blätter von je 1 Zweig Rosmarin und Thymian fein hacken, zusammen mit Chili und Honig kurz aufkochen (geht auch in der Mikrowelle), ca. 20 Minuten im Kühlschrank ziehen lassen, auf Käse verteilen und mit Flambierbrenner leicht karamellisieren (notfalls auch unter heißem Grill, der Käse darf aber nicht schmelzen).

Auberginenroulade: Aubergine waschen, längs halbieren, mit scharfen Messer oder Aufschnittmaschine 5 dünne große Scheiben schneiden (1 zur Reserve). Nadeln und Blätter von je 1/2 Zweig Rosmarin und Thymian fein hacken. 1/2 Limone auspressen und mit 3 El Olivenöl und den Kräutern aufschlagen. 4 Auberginenscheiben auf Backpapier legen und mit der Ölmischung einpinseln. Bei 100 Grad im Backofen (keine Umluft) ca. 15 Minuten backen. In dieser Zeit die Datteln entsteinen, fein hacken und mit der Harissa, etwas Salz und Öl zu einer Paste zerdrücken. Auberginen noch warm mit dieser Paste bestreichen und zu Rouladen aufrollen.

Gurkenröhrchen: Gurken schälen, von der Mitte nach außen 4 gleich lange Teile von je ca. 4–5 cm Länge abschneiden, hochkant stellen und mit Apfelkernausstecher Loch in die Mitte stechen. 50 g Joghurt mit ein paar Spritzern Limonensaft, frisch gemahlenem Pfeffer, grobem Meersalz, Koriandersamen, Baharat, der Zwiebel und 2 Knoblauchzehen (extrem klein gewürfelt) mischen. Gurkenröhrchen damit füllen, mit Limonenhalbmond dekorieren.

Zucchinistrudel: Zucchini mit Aufschnittmaschine längs in 8–10 Scheiben schneiden. Scheiben leicht mit Öl bepinseln und einzeln salzen. Pistazienkerne zusammen mit 2 Knoblauchzehen sehr fein hacken, mit restlichem Joghurt und Ziegenfrischkäse und dem Raz El Hanout zu einer Paste verarbeiten. Zucchinischeiben dünn damit bestreichen, zu Strudel übereinander schichten, quer in 4 gleich große Stücke teilen und bei 160 Grad im Backofen (keine Umluft) ca. 20 Minuten backen.

Anrichten: Auf je 1 großen Teller verteilen, wenn es als Vorspeise zu Tisch gedacht ist. Als Fingerfood jedes einzelne Teilchen nacheinander auf je 1 kleinen Teller mit kleiner Kuchengabel servieren (mit einer Speckpflaume beginnen, mit der Karotte beenden).

Küchen-Klang: Traditionelle syrische Volksmusik hält nicht jedes westliche Ohr aus. Eine arabisch/nordafrikanisch-authentische und zugleich elektronisch/poppige Alternative liefert der Oud-Virtuose Mehdi Haddab zusammen mit dem französischen Produzenten Jean-Pierre Smadja auf der CD "Wild Serenade" (von 2002, lange vergriffen, jetzt bei Label Bleu/Harmonia Mundi wieder erhältlich) unter dem Projektnamen Duoud ab – Arab-Disco für Feinschmecker!

Getränketipp: Wenn der Essbesuch tatsächlich moslemischen Glaubens ist, empfiehlt sich eine Tasse Pfefferminztee, gefolgt von einem Glas geeistem Granatapfelsaft – sicher auch eine gute Wahl für Frühjahrsdiät-Teilzeitabstinenzler. Notorische Trinker greifen zu einem Glas jungen, trockenen Portwein.

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