Tageskarte Küche Weißes Gold, gesalzene Preise

Zart pinkfarben aus dem Himalaya, pechschwarz von Hawaiis Vulkanen, hellgrau aus Portugals Meeresgärten – Anbieter von Nobelsalzen verdienen sich derzeit eine goldene Nase. Sind die gesalzenen Preise gerechtfertigt?

Von Hobbykoch


"Ihr seid das Salz der Erde", schmeichelte Jesus seinen Jüngern. Heutigen Anhängern edler Salzsorten erscheint das Angebot an Spezialkristallen nicht minder himmlisch – wenn sie nicht so höllisch tief dafür in ihre Tasche langen müssten: 5,90 Euro nimmt Deutschlands beliebtester TV-Koch Johann Lafer für 350 Gramm seines afrikanischen "280 Millionen Jahre alten Kalahari-Salzes".

300 Gramm Salzbrocken vom Fuße des Himalayas kosten 3,50 Euro, bestes französisches Fleur de Sel aus Noirmoutier mindestens acht Euro, ebensoviel die Salzblüte Flor de Sal aus Portugal.

Locker das Doppelte legt man für das pfirsichfarbene Solesalz des australischen Murray-River auf die Ladentheke, während die an feinste Amphetamine erinnernden Maldon Sea Flakes aus dem britischen Essex, der Bentley unter den europäischen Salzen, mit sechs Euro für 300 Gramm (allesamt Preise beim Spezialversender bosfood http://www.bosfood.de) zu Buche schlagen.

Wenige Themen regen seit einiger Zeit in Genusskreisen so auf wie die Inflation der Edelsalzsorten. Glaubt man den Nahrungsforschern, ist das alles Humbug. Salz, egal woher und auf welche Art auch hergestellt, besteht zwischen 97 und 98 Prozent aus reinem Natriumchlorid, der Rest sei ernährungsphysiologisch schon wegen der Mini-Mengen nur Gedöns.

Neulich hat der "Tagesspiegel" mittels eines Laborversuches vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke feststellen lassen, dass die Speisesalze alle gleich schmecken (die armen Probanden mussten allerdings – völlig alltagsfremd – wässerige Salzlösungen schlürfen). Warum zum Teufel sollte man also mehr als 69 Eurocent für ein Pfund Bad Reichenhaller MarkenJodSalz ausgeben?

Aus dem gleichen Grund, warum eine Leberwurst keine Foie Gras ist. Halbwegs essbar ist alles, Genuss kostet extra. Beim Salz – und das macht das Thema so spannend – hält sich der Genießeraufpreis in erträglichen Dimensionen. Denn die Highender aus Berg, Wüste und Meer kommen uns natürlich nicht ins Kochwasser, da langt einfachstes Siedesalz aus dem Supermarkt für ein paar Pfennig.

Ein Päckchen Maldon Flakes für besondere Anlässe reicht dagegen locker für zwei Jahre. Das ist noch nicht einmal ein Eurocent pro Tag für den Stoff, der früher mal so wertvoll war, dass man ihn "Weißes Gold nannte". So viel sollte einem diese kleine Dekadenz schon wert sein.

Ich gestehe, dass ich bei diesem Thema nicht neutral sein kann, denn ich bin ein Salz-Messie. Bei jeder auch noch so abartigen neuen Sorte brennen sofort meine sonst recht soliden Shoppingsicherungen durch.

Ich habe meine Salzsammlung nie durchgezählt, aber so an die 40 bis 50 Sorten werden es schon sein. Neben den erwähnten auch so wundervolle Kristallkitzler wie ein Hibiscus-Flor-de-Sal ( http://www.gustomundial.com ) aus dem mallorquinischen Es Trenc, alle Bio-Kräuter-Sorten der wunderbaren historischen Salzmine im schweizerischen Bex www.selbex.com, das wundersame sizilianische Sale marino integrale http://www.academiabarilla.com mit feinen Blutorangenzesten oder das etwas spitzere Wildpflanzen-Tischsalz http://www.leonto.com.

Die schier unendlichen Daseinsformen des Natriumchlorids werden uns also mit ihren diversen Küchenanwendungschancen noch öfter beschäftigen in der sonntäglichen "Tageskarte Küche". Heute gleich ganz gewagt mit einem süßen amerikanischen Dessertdickmacher, dem die Maldon-Salzflöckchen ungeahnte Gourmetflügel verleihen.



insgesamt 8 Beiträge
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Peter Sonntag 09.03.2008
1. Salzpreise
Zitat von sysopZart pinkfarben aus dem Himalaya, pechschwarz von Hawaiis Vulkanen, hellgrau aus Portugals Meeresgärten – Anbieter von Nobelsalzen verdienen sich derzeit eine goldene Nase. Sind die gesalzenen Preise gerechtfertigt? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,540118,00.html
Wir wollen froh sein, dass Kochsalz nicht mehr so teuer ist wie im Mittelalter. Aber dass sich die Salz-Preisschere so weit öffnet, ist eine gute Gelegenheit, gewissen Einfaltspinseln das Geld aus der Tasche zu ziehen. Das Gleiche gilt für Wein, Schokolade, Uhren, Autos....
gfh9889d3de 09.03.2008
2. 6 EUR in zwei Jahren
Lieber Autor, Auch wenn Sie einen nur marginalen Betrag aufbrachten, sagen Sie selbst, daß Sie 40-50 Salzpackungen herumstehen haben. Das sind dann schon ca. 240-300 EUR in zwei Jahren. Oder ca. 10 EUR im Monat für NaCl plus ein bisschen Dreck, der anscheinend zumindest nicht schadet. Was wohl auch auf jedes Horoskop zutrifft. Und noch etwas ähnelt: Die Macher verdienen mit diesem Zeug doch eine ganze Menge. GFH
Criollo, 09.03.2008
3. Also wenn man bedenkt, dass ...
... Leitungswasser den Durst so gut (oder besser) löscht als Coca-Cola, und auch für den 100stel des Preises, dann finde ich den Luxus von gutem Salz ähnlich irrational, aber immerhin elegante. Zudem finde ich auch Freiland-Salinen attraktiver als PET-Flaschen-Abfüllwerke. Ich gönne den Erzeugern - vor allem den Salzschöpfern am Meer - also ihren Extragewinn. Eigentlich noch mehr als dem Coca-Cola-Top-Management.
arkor 09.03.2008
4. Es lebe der "Idiotenaufschlag"
Zitat von sysopZart pinkfarben aus dem Himalaya, pechschwarz von Hawaiis Vulkanen, hellgrau aus Portugals Meeresgärten – Anbieter von Nobelsalzen verdienen sich derzeit eine goldene Nase. Sind die gesalzenen Preise gerechtfertigt? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,540118,00.html
Man nennt das in der Wirtschaft umgangssprachlich den sogenannten "Idiotenaufschlag", wenn Menschen für ein gleichwertiges Produkt mehr bezahlen, nur weil eine bestimmte Marke drauf steht. Der Name kommt daher, weil es durch Marketing gelungen ist den Verstand des Konsumenten aususchalten. Der Marketingfachmann sagt dazu, "du kannst verlangen für das Produkt was du willst, du musst nur einen Idioten finden, der es kauft." Witzigerweise finanziert man durch diesen "Idiotenaufschlag" dann noch die ewig nervenden Werbeunterbrechungen im Fernsehen und völlig idiotisch hohe Gehälter für Werbestars, Sportler etc, die ebenfalls über diesen "Idiotenaufschlag" finanziert werden. Man finanziert also letztendlich durch den "Idiotenaufschlag" das wertvollste was man hat, den Diebstahl seiner eigenen Lebenszeit.
sabai27 09.03.2008
5. Hahaha...
Die Farbe und Beschaffenheit der Salze sieht doch eh nur der Koch, relevant ist doch nur das Ergebnis für die Konsumenten seiner Kochkunst und für die ist doch sicherlich Salz gleich Salz. Ausnahme wäre vielleicht das Nachwürzen mit einer Salzmühle... Der Author hat offensichtlich etwas zu viel von seinen "feinsten Amphetaminen" gesnifft - und wieso kennt er sich da überhaupt so genau aus...??
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