"Theatrales Desaster" in Hannover Ihr dummen, doofen Zuschauer

Im Schauspielhaus Hannover herrscht dieser Tage ein Thomas-Bernhard-Gedächtniston: Der Autor Soeren Voima zieht im grotesken Dramolett "Die römische Octavia" alles und jeden durch den Theaterkantinen-Kakao. Ein vergnüglicher Abend, herrlich selbstironisch.

Dramolett "Die römische Octavia": 70 Minuten Klagegesang
Katrin Ribbe

Dramolett "Die römische Octavia": 70 Minuten Klagegesang

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"Bitte halten Sie sich exakt an Ihren Platz", sagt die Platzanweiserin zur Begrüßung, und sie sagt es zu jedem, exakt so. Nicht weil es ausverkauft wäre, im Gegenteil: Es sind viele Plätze frei im Schauspielhaus Hannover, die meisten sogar, und das soll so bleiben.

Die Zuschauer sollen nicht nach vorne aufrücken, dicht an dicht, wie bei einer Theateraufführung, sie sollen sich im Saal verteilen, verstreuen, verkrümeln, wie bei einem Einführungsgespräch. Denn das wird hier gegeben: ein Einführungsgespräch.

"Die römische Octavia" steht auf dem Spielplan, eigentlich ein monumentaler Barockroman, 7000 Seiten dick, geschrieben von Anton Ulrich Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, gezeigt aber wird "Die römische Octavia", ein groteskes Dramolett, 70 Minuten lang, geschrieben von Soeren Voima alias Christian Tschirner. Der Untertitel: "Einführung in ein theatrales Desaster".

Der Dramaturg kleidet sich nachlässig statt lässig

Der Eiserne Vorhang ist unten, das Saallicht brennt, als sich eine scheue Gestalt am Bühnenrand in den Blick schiebt, begnadet gespielt von Henning Hartmann, und zögernd anhebt zu sprechen, die Hand am Asthmaspray: "Tja. Herzlich willkommen. (Pause) Schön, dass sie so zahlreich erschienen sind. Ich bin der Dramaturg der Produktion." Er ist nicht lässig gekleidet, sondern nachlässig: in Old-School-Turnschuhen, Jeans, zu großem Jackett. So sollen wir ihn uns also vorstellen, den Dramaturgen, im Unterschied zu all den Theaterstylern aus Regie, Bühnenbild und Schauspielerei.

"Wieder einmal kann das Stück nicht einfach so gezeigt werden", druckst der Dramaturg herum, "wieder einmal kann eine Aufführung nicht einfach so beginnen", nörgelt er ganz sanft, wieder einmal müsse das Publikum erst "kunstfähig gemacht werden", nölt er schon lauter, und plötzlich ist das Hannoveraner Publikum mittendrin im Stadttheater-Wahnsinn, der das Thema dieses Stückes ist: in einer fiktiven Publikumseinführung, die mehr und mehr zur Publikumsbeschimpfung wird, zur Theaterpädagogen- und Regisseurs- und Schauspielerbeschimpfung, zum 70-minütigen Klagegesang, vorgetragen in einem Thomas-Bernhard-Gedächtniston.

"Die Zuschaukunst ist ja am Theater die bei weitem anspruchsvollste Kunst", doziert der Dramaturg, "die Zuschaukunst ist die eigentliche Theaterkunst". Binnen Minuten könne er die meisten im Saal zu brauchbaren Regisseuren machen. Aber zu brauchbaren Zuschauern? Aussichtslos. "Der Zuschauer ist ja heute gar kein Zuschauer mehr. Er will, dass man ihm sagt, was er gleich sieht, der Zuschauer." Und wenn man dem Zuschauer mal nichts sagt? Dann sieht er nichts. Es gebe inzwischen Leute, lamentiert der Dramaturg, die kämen nur noch zu den Einführungen, hinterher gingen sie essen und redeten über nichts anderes als über das Stück, dass sie gerade nicht sehen.

Der Schauspieler hasst die Schauspielerei

Nach und nach zieht Henning Hartmann als Dramaturg alle Bühnenberufe durch den Theaterkantinen-Kakao: den Theaterpädagogen, der blind ist, aber doch auf alles eine Antwort weiß. "Der Dramaturg schaut, der Theaterpädagoge antwortet." Den Schauspieler, der die Schauspielerei hasst. "Jede Verstellung ist ihm ein Verbrechen. Nichts täte er lieber, als buchstäblich nur zu sein." Den Theaterkritiker, der in seiner Hannoveraner Ausprägung über eine solch gewaltige geistige Spannkraft verfüge, dass er oft nicht nur Theaterkritiker sei, sondern auch Musikkritiker, Tanzkritiker, Restaurantkritiker. "Die Restaurantkritiken der hannoverschen Theaterkritik zählen zu den gefürchtetsten der Welt."

Überhaupt Hannover, "diese vom Protestantismus buchstäblich entseelte Stadt". Dort könne man keinen monumentalen Barockroman auf die Bühne wuchten, das habe er allen im Haus gesagt, davor habe er immer wieder gewarnt, denn "das einzig Barocke in Hannover sind die sogenannten Hells Angels". Andererseits, so sicher ist er sich da irgendwann nicht mehr: "Man braucht sich in Hannover nur an den sogenannten Kröpke zu stellen, und der barocke Vanitas-Gedanke drängt sich einem geradezu schlagartig auf. Sinnlos, alles absolut sinnlos. Besser gar nicht geboren sein, habe ich immer wieder gedacht, als in Hannover geboren sein."

Soeren Voimas Groteske "Die römische Octavia" entlarvt das Theater der Gegenwart zunächst als pädagogische Anstalt - und dann als Irrenhaus. Was in vielen Momenten tatsächlich irre komisch ist. Der Nachwuchs-Regisseur Nick Hartnagel inszeniert die Uraufführung zunächst ebenso brav wie gekonnt vom Blatt weg und toppt den vergnüglichen Abend dann mit einer blendenden Schlussidee: Der Dramaturg tritt ab, der Vorhang geht hoch, und "Die römische Octavia" beginnt, also die eigentliche Vorführung nach der Einführung. Es ist ein Bühnenzauber, nur fünf Minuten lang, bestehend aus nichts als moderner Bühnenmaschinerie: aus Nebel, Licht, Sound, und vor allem aus hydraulisch bewegten Bühnenelementen. Eine Überwältigungsästhetik, die keinen Text braucht und keinen Schauspieler. Auch das ein Blick hinter die Kulissen des Theaterbetriebes, so wie der gesamte Abend, auch das herrlich selbstironisch.

Ach ja, der Dramaturg der Produktion, sonst wird der ja nie genannt, ist Aljoscha Begrich.


Soeren Voima: "Die römische Octavia". Uraufführungs-Inszenierung von Nick Hartnagel im Schauspielhaus Hannover. Nächste Vorstellungen am 25. Februar sowie am 6. und 21. März, jeweils von 22 Uhr bis etwa 23.10 Uhr. Karten unter Telefon 0511/99991111.

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