Tageskarte Kunst Der Ernstfall

Schluss mit Mega-Shows, Kunst-Hype und Vernissagen-Promis: 2008 werden in den deutschen Museen die Übersehenen, Vergessenen und Neuentdeckten gefeiert. Es wird wieder ernst mit der Kunst.

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Von Hypes, Mega-Ausstellungen, Künstler-Stars, Rekord-Preisen, Messe-Hektik und Vernissagen-Promis wollen wir in diesem neuen Jahr nicht mehr reden, darüber wurde 2007 genug gesprochen. Aber von Ausstellungen, deren Kuratoren sich nicht als Handlanger des Marktes verstehen, sondern mit Ernsthaftigkeit an die Sache gehen und die zeitgenössische Kunst als Experimentierfeld für die Zukunft inszenieren oder Künstler wiederentdecken, deren Werke wenig Beachtung fanden, davon soll jetzt endlich die Rede sein.

Wie die "Impressionistinnen". "Malerinnen stellen immer noch ein unbekanntes Kapitel in der Kunstgeschichte dar, da ist der Impressionismus nicht ausgenommen", sagt Ingrid Pfeiffer, Kuratorin der Schirn Kunsthalle. Monet, Manet, Degas und Renoir kennt jeder. Aber Berthe Morisot? Ihr Kollege Edouard Manet befand, ihr Werk sei "außergewöhnlich", aber "schade, dass sie kein Mann ist". Und Eva Gonzalès? Mary Cassatt? Oder Marie Bracquemond? Vier gut ausgebildete Malerinnen, die vorwiegend ihr häusliches Umfeld wie Garten, Interieurs oder ihre Familien malten (Frankfurt/Main. Schirn 22.2.–1.6.; in San Francisco: 21.6.–21.9.). Die Schau wird sicher genauso ein Publikumserfolg wie die große "Arcimboldo"-Ausstellung (Wien, Kunsthistorische Museen 12.2.–1.6.), die vergangenes Jahr in Paris mehr 250 000 Besucher gesehen haben.

In Frankfurt ist in diesem Jahr überhaupt einiges zu sehen: Vom 9.10.2008 –11.1.2009 (Schirn) endlich mal eine große Ausstellung des britischen Malers Peter Doig, die aus London (5.2.–27.4.) und Paris (29.5.–7.9.) kommt. Die Amerikanerin Martha Rosler zeigt ihre politische Kunst im Portikus (12.7.–14.9.). Udo Kittelmann, designierter Chef der Nationalgalerie in Berlin, verschafft Bernhard Buffet einen Auftritt (Museum für Moderne Kunst, 19.4.–3.8.). Der früher gefeierte französische Maler wurde seit langem nicht mehr ausgestellt, sondern naserümpfend als Fünfziger-Jahre-Sünde abgetan. Auch die kühne Architektur von Hans Poelzig ist in Vergessenheit geraten, zu Unrecht, wie die Retrospektive im Deutschen Architekturmuseum (1.3.–18.5.) beweisen wird. Ob es heute noch so visionäre Baumeister wie ihn gibt, wird die Architekturbiennale in Venedig zeigen (ab Mitte September, genaue Daten noch unklar).

Ein gutes Jahr für Fotofans: Die erste Retrospektive von Jewgeni Chaldej (Martin-Gropius-Bau, Berlin, 9.5.–28.7.), dessen Bilder vom Zweiten Weltkrieg weltberühmt sind, im selben Haus wird Richard Avedon mit Fotos von 1946 bis 2004 präsentiert (ab Oktober). Die große alte Dame der Street-Fotografie Helen Levitt (Jahrgang 1913) stellt in Hannover (Sprengel Museum, 10.2.–25.5.) mehr als hundert Aufnahmen aus, und Wolfsburg zeigt Edward Steichen "In High Fashion" mit 400 Fotos (Kunstmuseum, 11.10.2008–2.1.2009). Dort ist auch Heinrich Heidersberger zu entdecken (18.4.–21.9.), der Wolfsburgs Entwicklung zur Volkswagen-Stadt dokumentiert hat. Wolfgang Tillmans stellt in Berlin aus (Hamburger Bahnhof, 21.3.–24.8.).

Die Bilder des Abstrakten Expressionisten Mark Rothko dürften wegen ihrer Empfindlichkeit eigentlich nicht mehr reisen, also sollte man die Ausstellung mit 100 Arbeiten entweder in München (Hypo-Kulturstiftung, 8.2.–27.4.) oder in Hamburg (Kunsthalle, 16.5.–3.8.) nicht verpassen. Das jüngere Establishment ist auch zu sehen: Mauricio Cattelan (2.2.–24.3.) und Carsten Höller (5.4.–1.6.) im Kunsthaus Bregenz, Luc Tuymans im Haus der Kunst München (2.3.–12.5.), Thomas Hirschhorn in der Wiener Secession (4.7.–7.9.), Tobias Rehberger in Amsterdam (Stedelijk, 22.2.–25.5.), in Düsseldorf der Bildhauer Meuser (Kunsthalle, 10.5.–20.7.) und Eija-Lisa Ahtila (K21, 17.5.–17.8.).

"Wie aus einer anderen Welt" sollen seine Objekte aussehen, sagt Anish Kapoor; im Berliner Guggenheim wird er seine vom Museum in Auftrag gegebene Arbeit installieren (25.10.2008–11.1.2009). Echte Entdeckungen wird es hoffentlich bei der 5. Berlin Biennale geben, die von Adam Szymczyk und Elena Filipovic kuratiert wird. Unter den rund 50 Künstlern sollten sich schon Talente finden, die man auch im Jahr 2009 noch interessant finden wird (Kunst-Werke und anderswo, 5.4.–15.6.).

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
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c_sander 04.01.2008
1. Sehr ernst
Liebe Frau Wiensowski, woran machen Sie denn nun den neuen Ernst fest? In der Auflistung der anstehenden Ausstellungen habe ich keine Argumentation entdecken können. Schade. Besten Gruss
thowu 04.01.2008
2. Übersehen
Da wurde auch so manches übersehen wie die Klee-Ausstellung in Berlin oder die Ausstellung von Gustave Caillebotte in der Kunsthalle Bremen. Und bis zum 6. Januar ist in der Kunsthalle Baden-Baden das Werk von Andre Cadere zu sehen, eine künstlerische Position, die beispielhaft für den angesprochenen Ernstfall ist, den ich in den erwähnten Ausstellungen nicht entdecken kann. Dafür lohnt eine Reise nach Paris zum Musée d'art moderne de la Ville de Paris (14. Februar - 25.Mai) und einen Blick hierhin thwulffen.blogspot.com.
c_sander 04.01.2008
3. !
Ach so, Neuer Ernst = klassische Moderne. Na dann auf Wiedersehen, sozusagen.
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