Tageskarte Kunst Deutsch-polnischer Kartoffel-Krieg

Wie Juden fremde Planeten besetzen, zeigt ein provokantes Plakat. Entworfen wurde es von der dänischen Künstlergruppe Surrend, die ihre neuen Provokationen dieses Mal nicht subversiv an Mauern klebt, sondern im Kunstverein zeigt.


Während dieser Ausstellung im Kunstverein Tiergarten in Berlin muss die dänische Künstlergruppe Surrend wohl weder ihre Verhaftung noch teure Anwaltskosten für irgendwelche Beleidigungsklagen befürchten. Nicht dass die Plakate der beiden dänischen Künstler Jan Egesborg und Pia Bertelsen milder geworden wären. Ihr neues Projekt beschäftigt mit dem "ZOG", laut Wikipedia "ein bei US-amerikanischen Rechtsextremen sowie dezidiert neonazistischen Bewegungen wie Aryan Nations übliches antisemitisches Schlagwort für die US-amerikanische Regierung. Surrend attackiert damit die neonazistische Verschwörungstheorie, die gesamte Weltpolitik werde vom jüdischen Geld beherrscht. "Neonazi-Halluzination" heißt beispielsweise eine Arbeit mit einem Astronauten, der auf einem fremden Planeten vor einer aufgepflanzten Flagge Israels steht. Aber auch die israelische Politik und radikale jüdische Gruppierungen stehen im Schussfeld der Dänen auf den 20 politischen Plakaten.

Normalerweise klebt Surrend die Plakate illegal in der Stadt. Dann wirken sie subversiv. An den weißen Wänden eines Kunstvereins und in silberfarbenen Rahmen aber sehen die scharfen, satirischen Angriffe irgendwie milder aus, nach Kunst.

"Es ist immer Kunst", sagt Jan Egesborg, "egal, ob wir draußen, auf der Straße illegal unsere Arbeiten plakatieren oder legal in einem Museum oder in einer Galerie zeigen." Das habe außerdem den Vorteil, dass sie völlig unabhängig agieren können, denn Egesborg und Bertelsen leben vom Verkauf ihrer Arbeiten und finanzieren damit auch ihre Aktionen – und inzwischen ein Heer von Anwälten, das sich gerade mal wieder auf eine Klage vorbereitet. Dieses Mal geht es um das Putin-kritische Plakat, das in Österreich verboten wurde, und um eine russische Webseite, die äußerlich der offiziellen Webpage des russischen Staatspräsidenten glich, aber mit erfundenen Texten Putins geladen war, und die Surrend ins Netz gestellt hatte.

"Street art" nennen sie ihre Aktionen, auch wenn sie im Netz stattfinden, und erfunden haben die Dänen die politische Kunst auch nicht. Aber in der allgemeinen "Verinnerlichung" der Kunst, sagt Egesborg, seien die Situationisten, Fluxus und Happening-Künstler der siebziger Jahre fast vergessen.

Im derzeitigen Kunstkontext sind Surrend nicht die einzigen, aber wohl die öffentlich wirksamsten Künstler, die eine soziale Botschaft von Kunst propagieren. 2006 haben die beiden Dänen Surrend gegründet. Es war eine Reaktion auf die Beerdigung des ehemaligen serbischen Regierungschefs Slobodan Milosevic in Belgrad, bei der es eine Massenhysterie unter den 50.000 Trauernden gab. "Damals haben wir beschlossen, die Rolle des Künstlers aktiv zu gestalten und unsere Aktionen an politische Ereignisse wie diesem aufzuhängen", sagt Egesborg.

Seitdem sind Surrend global unterwegs, persönlich mit ihren Plakaten und virtuell im Web. Sie hängen selber ihre Kommentare in den Straßen auf, oft "mit nervösen Handflächen", sagt Pia Bertelsen. Dreimal waren sie in Belgrad, um ihre auf Serbisch gedruckten Texte über den gesuchten Kriegsverbrecher Ratko Mladic in der Stadt zu plakatieren. In Polen klebten sie Plakate mit zwei Kartoffeln auf rot-gelb-schwarzem Hintergrund "Polnische Kartoffeln sind gefährlicher als deutsche Kartoffeln", stand auf dem einen, "Deutsche Kartoffeln sind schöner als polnische Kartoffeln", auf dem anderen.

Ob sie keine Angst haben, sich mit den Despoten der Welt anzulegen? "Eigentlich nein", sagt Egesborg, aber ihm ist spätestens seit der Festnahme wegen eines Putin-Plakats klar, dass die Attackierten den beißenden Spott gar nicht so lustig finden. "Aber das ist ja genau das, was wir wollen", sagt er, "sich gezielt einmischen, witzig kommentieren und kritisieren und eine Debatte jenseits der Institutionen anregen."


"Surrend: ZOG". Berlin. Kunstverein Tiergarten. Bis 29.3., Tel. 030/200 93 34 53.

Am 27.2. um 20 Uhr: Diskussion mit den Künstlern: "Street Art und subversive Praxis im öffentlichen Raum".
www.surrend.org

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.