Tageskarte Kunst: Die Schönheit der Wirtschaftswunder-Stadt

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Selbst langweiligen Industriebauten entlockte er stille Schönheit: Der Fotograf Heinrich Heidersberger hat ein halbes Jahrhundert lang Wolfsburg fotografiert. Eine Ausstellung mit 170 seiner phantastischen Architekturaufnahmen zeichnet das Bild der Volkswagen-Stadt.

Heinrich Heidersberger war ein Glücksfall für die Stadt Wolfsburg. Als der Fotograf am 14. Juli 2006 im Alter von hundert Jahren in Wolfsburg starb, hinterließ er ein Archiv mit rund 75.000 Fotografien, darunter die komplette Dokumentation über den Aufbau seiner Wahlheimat von den 1950er Jahren an bis fast zu seinem Tod.

Noch 1998 hatte Heidersberger seine Kamera in die Hand genommen, als das New Yorker Museum of Modern Art ihn bat, das Alvar Aalto Kulturzentrum zu fotografieren. Kein Fotograf hat jemals ein so vollständiges Zeitzeugnis vom Entstehen einer Stadt in der Moderne abgelichtet, niemand hat wie Heidersberger mit einer solche Geschlossenheit sogar langweiligen Verwaltungs- und Industriebauten Schönheit entlockt, und keiner seiner Kollegen hat Treppenhäuser und Parkspindeln fotografisch in schwunghafte skulpturale Gebilde verwandelt wie er.

Der geborene Ingolstädter verpasste der Wirtschaftswunderstadt, ihren Siedlungen und sachlichen Industriebauten schon mal einen dunkel dräuenden, surrealistischen Himmel, auf den er tagelang in einem Wohnwagen vor den zu fotografierenden Sujets wartete. Nur Bernd und Hilla Becher haben mit ähnlicher Leidenschaft und Akribie Industriedenkmäler fotografiert. Doch während die Bechers in großen Museen ausstellten, zeigte er seine Aufnahmen in Wolfsburg, Braunschweig, Hannover oder auch im winzigen Kunstverein der Kleinstadt Gifhorn.

Viel zu lange hat es gedauert, bis Heidersberger für seine Arbeit gebührende Anerkennung fand: Die erste museale Retrospektive bekam er im Alter von 80 Jahren, die Ehrenmedaille der Stadt Wolfsburg zum 95. Geburtstag. Erst 2003 entschloss sich die Stadt, den 97-jährigen Heidersberger zum Ehrenbürger der Stadt zu ernennen. "Es war notwendig", so alt zu werden, hat Heidersberger einmal gesagt, allein schon deshalb, um noch die Ausstellungen zu erleben, die ihm seit etwa 2000 gewidmet waren und die auch die Nebenschauplätze seiner künstlerischen Arbeit würdigten.

Denn Heidersbergers Hauptwerk ist zweifellos die Industrie- und Architekturfotografie, aber fast 20 Jahre lang hat er zum Beispiel auch Reportagen für den "Stern" fotografiert. 1954 verdingte er sich zusammen mit einem Freund als Bordfotograf auf der "MS Atlantic", denn nur so konnten sich die beiden die Reise über New York ins nördliche Südamerika und nach Kuba leisten. Tagsüber wurde an Bord fotografiert, nachts entwickelt und abends führten die beiden ihre Farbdias den Passagieren vor, die die Originale kaufen konnten. Die unverkauften Dias und private Schwarz-Weiß-Aufnahmen von der Reise sind erst vor ein paar Jahren im Archiv wieder aufgetaucht und wurden 2002 in einem Buch veröffentlicht und ausgestellt.

Anfang der fünfziger Jahre entstand auch Heidersbergers Serie "Kleider aus Licht", für die er Akte mit Lichtpunkten und -schlieren überzog. Mit einem eigens dafür erfundenen Apparat fotografierte er außerdem seine "Rhythmogramme", Spuren einer bewegten Lichtquelle, die Heidersberger direkt auf das Fotomaterial zeichnete und die dreidimensional wirken. Bei einem Fernsehsender war man davon so begeistert, dass man ein Rhythmogramm zum Logo machte, und Jean Cocteau kaufte eines als Geschenk für Picasso.

Aber Heidersbergers Hauptwerk sind seine Architekturbilder, die Fotos von Wolfsburg. Sie zeigen, wie wunderbar sachlich und modern die Stadt einst geplant und auch gebaut war. Zum 70. Geburtstag der Stadt werden rund 170 Aufnahmen im Kunstmuseum ausgestellt, begleitet von einem Reprint des Fotobuches "Bilder einer jungen Stadt", das 1963 mit Heidersberger Aufnahmen zum 25. Stadtjubiläum herausgegeben wurde.

Vielleicht besinnt man sich in Wolfsburg nun endlich auf den Wert einer Stadtästhetik.


Institut Heidersberger, Wolfsburg

Ausstellung: Heinrich Heidersberger. Rückkehr zum Aufbruch. Fotografien 1949 bis 1973. Wolfsburg. Kunstmuseum. 26.4.-21.9., Tel. 05361/266 90, http://www.kunstmuseum-wolfsburg.de

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