Tageskarte Kunst Müllsack, Klebeband und LED-Lichter

Muss man als Künstler eigentlich noch gut malen können? Sieben jüngere Künstler, die alle mal in Karlsruhe studiert haben, zeigen in der Berliner Ausstellung "Techne", wie wichtig Pinsel und Pastellkreide im Hightech-Zeitalter sind.


Eine Gruppenausstellung in einer Galerie mit 25 Arbeiten von sieben jungen Künstlern zu empfehlen, ist eigentlich Quatsch, denn so eine Schau erinnert meist an Messekojen und die Kunst an Ware für jeden Geschmack. Aber für die Schau "Techne" in der Berliner Galerie Michael Haas gilt das nicht.

Uwe-Henneken-Gemälde "Everyone's seeing no one looks" (2007) aus der Ausstellung "Techne": "Hang, vorgefundenes Material zu transformieren"
Matthias Kolb

Uwe-Henneken-Gemälde "Everyone's seeing no one looks" (2007) aus der Ausstellung "Techne": "Hang, vorgefundenes Material zu transformieren"

Ungewöhnlich ist schon der Ort, denn Haas ist eine hervorragende Adresse für Klassische Moderne mit Ausstellungen von Künstlern wie Pablo Picasso, Emil Nolde oder Paul Klee und für Arbeiten von Zeitgenossen wie Georg Baselitz, Per Kirkeby oder Francesco Clemente. Michael Haas, Kunsthändler und Galerist seit 1976, ist außerdem ein leidenschaftlicher Kunstliebhaber mit Endeckergeist, mit grandiosem Wissen über Malerei, bei dem eine Ausstellung nicht nur den Titel "Malwut und Leidenschaft" haben kann, sondern dann auch noch genauso aussieht.

Die derzeitige Gruppenschau bei ihm heißt allerdings "Techne", und obwohl es um die "Möglichkeit der vermehrten Bedeutung der Maltechnik in der Produktion von Gegenwartskunst" gehen soll, ist die Schau, Gott sei dank, keine Bild gewordene Beweisführung. Gustav Kluge, seit 1986 Professor für Malerei an der Staatlichen Akademie Karlsruhe und Künstler der Galerie Haas, hat die Ausstellung mit Nicole Bianchet, Sebastian Hammwöhner, Uwe Henneken, Anselm Reyle, Alex Tennigkeit, Gabriel Vormstein und Klaus Winichner zusammengestellt. Alle sieben sind zwischen dreißig und vierzig Jahre alt, haben in Karlsruhe studiert und sind ihm dort aufgefallen, nur Nicole Bianchet war in seiner Klasse. Und außer, dass alle jetzt in Berlin leben, sich kennen, schätzen oder auch befreundet sind, ist das Studium in Karlsruhe die einzige Gemeinsamkeit.

Denn ihre Arbeiten sind völlig unterschiedlich, auch die Haltung der Künstler zur Kunst allgemein und zur "Technik" sowieso. Aber gerade an "völlig gegensätzlichen Positionen" wie die von Gabriel Vormstein und Anselm Reyle hat Kluge gedacht, als er die Ausstellung geplant habe – das "Low Tech"-Zeitungspapier der Vormstein-Aquarelle und das "mittlerweile etwas sehr elaborierte Hightech-hafte" bei Reyle. Ihn hat das "Springen zwischen verschiedenen Techniken wie das Schneiden in Holz und Malen, Fotos und Gesang" bei Nicole Bianchet interessiert und Uwe Hennekens "Hang, vorgefundenes Material zu transformieren".

Oder Sebastian Hammwöhners Vorliebe für die "in den Amateuruntergrund abgesunkene" Pastellkreiden-Technik, der er damit neue Aufmerksamkeit beschert habe. Hammwöhner sieht in der Technik allerdings nur "ein Mittel zum Zweck, ein interessantes Transportmittel", und Qualität liegt für ihn "ganz eindeutig in so etwas wie Ausdruck oder Inhalt", sagt er.

Die Malerin Alex Tennigkeit reizt technisches Können, "da hechle ich immer den barocken Meistern hinterher, die hier in jeder Hinsicht brillant sind". Für ihren Kollegen Gabriel Vormstein uninteressant, der verliert "ziemlich schnell das Interesse, sobald bei Kunst einzig die Technik im Vordergrund steht" - zu überprüfen ist das an seinen drei wunderbaren großen Aquarellen auf Zeitungspapier mit Müllsack, Klebeband und Haaren oder an der Skulptur aus Holzstöcken mit farbigem Klebeband. Bei Anselm Reyle geht das Thema Technik "stark in Richtung Effekt". Das sei eigentlich negativ besetzt, sagt er, und "Effekt galt in der Akademie eher als etwas Schlechtes". Genau das benutze er als Stilmittel – zum Beispiel, wenn durch die Löcher einer schwarzen Metallplatte bunte LED-Lichter strahlen. Sehr erfolgreich ist das Konzept, denn seine Arbeiten hängen in großen Sammlungen und werden auf dem Kunstmarkt zu Spitzenpreisen gehandelt. Klaus Winichner ist von ähnlichen Annahmen wie Reyle bei seiner Arbeit ausgegangen und zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen, "nicht technisch, sondern das hat etwas mit dem Kopf zu tun", sagt er.

Und genau das macht die Ausstellung spannend und sehenswert: Wo sind die Ähnlichkeiten von seiner überlebensgroßen bemalten Figur aus Kunststoff, Holz und Gips zu Reyles Metallplatte, wo zwischen der riesengroßen abstrakt-figürlichen Malerei auf Transparentfolie von Winichner zu Reyles abstrakten Mischtechnik-Bildern? Warum kommt bei Nicole Bianchets Auffassung "im Tabuland der Technik zu grasen" so ganz etwas anderes heraus wie bei Reyle, für den "verpönte Techniken" auch ein wichtiges Thema sind? Eine lohnende kleine Feldforschung in der Galerie Haas.


"Techne". Kurator Gustav Kluge. Galerie Michael Haas. Tel. 030/889 29 10, www.galeriemichaelhaas.de



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