Tageskarte Theater Frontkampf in der Schweizer Hauptstadt

Berns Bühne bebt: Der neue Schauspielchef Erich Sidler ist dabei, das dortige Stadttheater wieder zu beleben. Zum Beispiel indem er das raffinierte Familiendrama "The Homefront" von Enda Walsh inszeniert.


Die Frage nach der Hauptstadt der Schweiz ist eine der beliebtesten Quizfragen, weil man da immer wieder drauf reinfällt. Nein, es ist nicht Zürich, es ist Bern, warum auch immer. Aber die heimliche Hauptstadt ist und bleibt natürlich Zürich, theatermäßig sowieso.

Autor Walsh: Hoch raffiniertes, komisches und tragisches Stück
Matthias Horn

Autor Walsh: Hoch raffiniertes, komisches und tragisches Stück

Dennoch: Auch die Hauptstadt der Schweiz hat ein Stadttheater, und wenn man den Kollegen diverser deutscher und Schweizer Zeitungen glauben darf, lohnt es sich endlich wieder, es auch zu besuchen. Denn seit Anfang dieser Spielzeit gibt es dort nicht nur eine neue Spielstätte, die Vidmarhallen, sondern außerdem einen neuen Schauspielchef, der sie offensichtlich auch füllen kann: Erich Sidler ist 40, gebürtiger Luzerner und war die vergangenen Jahre vor allem in Deutschland als Regisseur tätig.

Sidler ist nicht der Typ, der gern großes Getöse macht, weder als Regisseur noch als Theaterleiter; er arbeitet lieber mit Geduld, Präzision, Energie – und einem genauen Blick für interessante Stücke. Am kommenden Freitag inszeniert er selbst die deutschsprachige Erstaufführung von "The Homefront", einem hoch raffinierten, komischen und tragischen Stück des jungen Iren Enda Walsh.

In einer Londoner Sozialwohnung haust ein Vater mit seinen beiden erwachsenen Söhnen, die er zwingt, jeden Tag mit ihm die gleiche Farce aufzuführen: Szenen aus seinem früheren Leben in Irland, bei dem die Jungs ständig die Rollen wechseln müssen, der Vater spielt sich selbst. Nach und nach wird klar, dass der Vater damit zwanghaft die traurige Realität überspielt, und er hat seinen Söhnen so viel Angst vor dem bösen Londoner Großstadtdschungel eingeredet, dass sie sich kaum nach draußen trauen – eine Atmosphäre wie bei Beckett. "Ist irgendetwas an dieser Geschichte wahr?", fragt einer der Söhne seinen Vater. "Du sollst nicht zweifeln", antwortet der, "was würde aus uns hier in dieser Wohnung werden, wenn wir anfingen zu zweifeln?"

Doch dann dringt trotzdem jemand von außen durch die mehrmals gesicherte Tür ein, eine junge Frau. Sie bringt das geschlossene Wahnsystem der drei völlig durcheinander, und unter der gespielten Farce taucht mit großer Wucht die echte Tragödie auf.


The Homefront. Deutschsprachige Erstaufführung am 25.1. in den Vidmarhallen (Vidmar 1), Bern, http://www.stadttheaterbern.ch



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