Mittelalter-Drama am Deutschen Theater Familiäres Hauen und Stechen

"Der Löwe im Winter" ist ein düsteres Stück über die Machtgier des Menschen - und über seine Angst vor dem Tod. Jetzt hat es der Regisseur Sebastian Hartmann am Deutschen Theater in Berlin inszeniert: mit viel Pomp, Wucht und Klamauk.

Szenenfoto "Der Löwe im Winter": Die Burg ist ein schwarzes Loch
Arno Declair

Szenenfoto "Der Löwe im Winter": Die Burg ist ein schwarzes Loch


Dass das Private politisch ist, ist keine Erkenntnis der 68er. Es ist die Grundlage aller Dynastien von der Antike bis in die Neuzeit. Die französische Prinzessin Alaïs bringt es auf den Punkt, wenn sie zu ihrem Geliebten, dem englischen König Henry II., sagt, er sehe in jedem Menschen nur die Provinzen, die er besitze. Auch ihre Mitgift ist eine Provinz, aber weil die Prinzessin ein romantisches Bild von der Liebe hat, setzt sie dieses Pfand nicht strategisch ein und geht deshalb auch ziemlich unter im Macht- und Intrigenspiel am britischen Hof.

Das Bild, das der amerikanische Dramatiker James Goldman in seinem 1966 geschriebenen Stück "Der Löwe im Winter" von den Menschen des Mittelalters zeichnet, ist ein ziemlich düsteres - und auch recht eintöniges. Daran krankt schon die Verfilmung aus dem Jahr 1968: Alle Protagonisten, mit Ausnahme der Prinzessin Alaïs, bestehen von Anfang bis Ende nur aus Missgunst, Hass und Gier. Selbst wenn sie ihre Liebessehnsucht, die vielleicht sogar für Momente echt sein mag, durchscheinen lassen, geschieht das nicht ohne Hintergedanken.

Der Regisseur Sebastian Hartmann scheint vom Menschen - oder muss man einschränken: vom Menschen der herrschenden Klasse? - auch dieses Bild zu haben. Denn warum sollte er sonst das Stück auf die Bühne bringen? Hartmann hat "Der Löwe im Winter" am Deutschen Theater Berlin inszeniert, als düsteres Spektakel mit viel Pomp, Wucht und Klamauk. Das macht die Sache amüsanter, aber nicht unbedingt interessanter.

Ränkespiele um die Zukunft der Dynastie

Die trutzige mittelalterliche Burg ist bei Hartmann (die Bühne hat er selbst entworfen) ein schwarzes Loch, das er mit ziemlich vielen Aufbauten zugestellt hat und mittels Gegenlicht und Bühnennebel effektvoll in Szene setzt. Hinten ein großes halbrundes schwarzes Metallgestell, an dem ein paar Zinnen kleben - ein umgekippter Turm? Oder gar das Mühlrad der Geschichte? Vorn an der Rampe weitere Zinnen, die Burgmauer vielleicht. Sie kann auf- und abfahren, so dass bei Bedarf darunter noch ein offener Raum zum Vorschein kommt. So kann man von oben belauschen, was unten gerade wieder für Intrigen geschmiedet werden.

Allzu ernst scheint der Regisseur diese Ränkespiele aber zumindest bis zur Pause nicht zu nehmen. Das erlebt man schon gleich zu Beginn des ersten, nun ja, Aktes: Da vögelt der beleibte König (Michael Schweighöfer) im Dunkeln seine Geliebte Alaïs, man erkennt nur Schemen, und diskutiert mit ihr dabei schnaufend seine schwierige Situation: Seit ihm und seiner Gattin Eleanor der älteste Sohn vor Jahren weggestorben ist, streiten sie darüber, wer nun der nächste König werden soll. Er selbst ist für John, den Jüngsten, Eleanor für den Zweitgeborenen Richard Löwenherz. Den Mittleren, Geoffrey, hat niemand auf der Rechnung. Der König hat die Königin in einen Turm gesperrt, damit sie ihm nicht in die Quere kommt beim Regeln der Zukunft seiner Dynastie, jetzt, zu Weihnachten - offenbar schon im Mittelalter die beste Zeit für eine Familienfehde - aber für ein paar Tage rausgelassen.

Gnadenlose Verachtung

Die Königin ist bei Almut Zilcher ein sarkastisches, geiferndes Muttertier, die in Ekstase gerät, wenn sie sich die Krone aufsetzt. "Wir schreiben das Jahr 1183, und wir sind Barbaren" ist ihr Motto, und so benimmt sich ihre Brut auch: Es ist über weite Strecken ein einziges Hauen und Stechen und Brüllen und Fluchen. Schon bald verliert man die Übersicht, wer jetzt gerade wieder wen verrät und hintergeht, klar ist nur: Alle brauchen die Hilfe des französischen Königs. Und insgeheim auch Zuneigung, aber wie man die bekommt, haben sie nie gelernt, und so streiten sie einfach weiter um die Macht. Richard (Felix Goeser) springt als Kampfhahn mit riesigem roten Kopfgefieder auf die Zinnen (Kostüme: Adriana Braga Peretzki), John (Benjamin Lillie) fordert vom Vater, jetzt endlich das versprochene Königreich zu bekommen, als ginge es um die neue Playstation, und Geoffrey (Peter Moltzen) übt Herrschaftsgesten.

Die härtesten Kämpfer sind aber König Henry II. und seine Gemahlin Eleanor. Ihre gegenseitigen Verletzungen sind von gnadenloser Verachtung und der Routine einer langen Ehe geprägt - auch für einen erfahrenen Paartherapeuten wären die beiden eine Herausforderung. Nach der Pause gönnt ihnen der Regisseur einen Augenblick der Ruhe und der Ehrlichkeit, in dem sie ihren Schmerz bekennen, irgendwann loslassen zu müssen: Der Löwe und die Löwin sind im Winter ihres Lebens angekommen, sie haben Angst vor dem Tod, vor dem Nichts. Ein starker, aber kurzer Moment. Dann läuft wieder die Theatermaschinerie an, das nächste Geraufe geht los, und der Musiker mit Künstlernamen Nackt haut wieder in die Tasten.

Am Ende tötet der König erst alle anderen und dann sich selbst. Er tut das fast zärtlich, mit einem Streicheln über den Kopf. Es ist so was wie ein Gnadenakt. Denn im Original gehen alle auseinander und verabreden sich zum nächsten Familientreffen.


Der Löwe im Winter. Deutsches Theater Berlin. Wieder am 4., 6., 12. und 23.3., Tel. 030/28 44 12 25. www.deutschestheater.de

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