Hamlet vor Gericht Ab auf die Schauspielschule, liebe Juristen

Sitzen oder nicht sitzen, das ist hier die Frage: Im Staatstheater Braunschweig war Hamlet am Wochenende angeklagt, Polonius erstochen zu haben. Echte Juristen verhandelten den Fall - und verurteilten Shakespeares Helden hart.

Pierre Abensur

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Hamlet muss vor Gericht. Wohlgemerkt: Nicht ein Darsteller des Hamlet, auch wenn man sich das als Theaterzuschauer schon häufiger gewünscht haben mag. Sondern Hamlet himself, die Figur aus Shakespeares gleichnamiger Tragödie. Im Kleinen Haus des Staatstheaters Braunschweig ist er angeklagt, Polonius durch einen Vorhang hindurch erstochen zu haben. Als Zeuginnen geladen sind Hamlets Mutter Gertrude und Hamlets Freundin Ophelia, die auch als Nebenklägerin auftritt.

Nikolai Bosshardt spielt den Hamlet, Monica Budde die Gertrude, Nina Langensand die Ophelia, aber anders als sonst, sind dies nur Nebenrollen. Die Hauptrollen haben Juristen. Echte Juristen, keine Schauspieler: Den Richter gibt Andreas Kreutzer, sonst Vorsitzender Richter am Landgericht Braunschweig. Die Anklage vertritt Kirsten Böök, sonst Oberstaatsanwältin der Staatsanwaltschaft Braunschweig. Hamlets Verteidiger ist der Rechtsanwalt Erkan Altun; die Vertreterin der Nebenklägerin Ophelia ist die Rechtsanwältin Christina Maria Breuer; der psychiatrische Gutachter ist Professor Jürgen Mauthe, einst Direktor der Fachklinik für Psychiatrie in Königslutter.

Hamlet heute

Verdichtet auf einen dreistündigen Theaterabend, walten die Experten ihrer Ämter, als handele es sich um eine reale Verhandlung. Die Fragen, die sie dem Angeklagten und den Zeugen stellen, sind ihnen nicht vorgegeben; die Plädoyers, die sie zum Abschluss des Prozesses halten, natürlich auch nicht. Keine Zeile ihres Textes ist geschrieben.

Der Schweizer Performancekünstler Yan Duyvendak und der katalanische Regisseur Roger Bernat, die sich die Produktion "Please, Continue (Hamlet)" ausgedacht haben, haben den Juristen vorab lediglich eine 58-seitige Ermittlungsakte zur Verfügung gestellt, die teilweise auf einem realen Fall aus Marseille basiert, teilweise auf dem klassischen Shakespeare-Stoff. Es ist ein Konglomerat aus Realität und Fiktion, aktuellem Familiendrama und klassischer Tragödie. Hamlet heute. In der Akte finden sich unter anderem Zeugenaussagen, die die Polizei aufgenommen hat, dazu Fotos von Tatwaffe und Tatort, der Obduktionsbericht von Polonius und ein psychiatrisches Gutachten über Hamlet, das mit jeder "Reclam"-Interpretationshilfe mithalten kann.

An diese Brillanz der Ermittlungsakte reicht der Prozess dann leider nicht heran, auch wenn er zwei hübsche Erkenntnisse über Theater liefert. Erstens: Dass Zuschauer mucksmäuschenstill sein können, drei Stunden lang, wenn sie nur ein Uniformierter dazu auffordert, so wie der Braunschweiger Justizhauptwachtmeister Marc Lewandowski. Zweitens: Dass Zuschauer hellwach bleiben können, bis zum Schluss, wenn man ihnen am Eingang einen Block in die Hand drückt mit dem Hinweis, sie sollten mitschreiben, denn sie könnten am Ende für ein Urteil auf die Bühne gebeten werden. Wer weiß, vielleicht sollte man die Kniffe in die Ausbildung von Regiestudierenden aufnehmen.

Ein Rechtsanwalt mit Performer-Talent

Das Problem der Produktion liegt darin, dass eine Theatervorstellung zeitlich limitiert ist - und sich schwer vertagen lässt, wenn am Ende noch nicht alles gesagt ist. In der Realität würde mit einem des Totschlags Angeklagten wohl nicht so kurzer Prozess gemacht wie in Braunschweig, nicht in einem so komplexen Fall. Hier aber hetzen die Beteiligten durch die Befragungen, so dass schon nach gut zwei Stunden die Plädoyers gehalten werden können. Der Richter wählt sich Schöffen aus dem Zuschauersaal und zieht sich mit ihnen zur Beratung zurück.

Die Pause erlaubt, im Gespräch mit anderen Zuschauern schon einmal ein Theaterkritiker-Urteil zu fällen: Hamlets Verteidiger, den Rechtsanwalt Erkan Altun, würde man jederzeit engagieren. Er war der beste Performer auf der Bühne, heißt es witzelnd, vielleicht sogar besser als die professionellen Schauspieler. Aber das spielt für den Ausgang des Prozesses natürlich keine Rolle. Oder doch? Nach 20 Minuten kommen Richter und Schöffen wieder rein - und fällen das Juristen-Urteil: Hamlet ist schuldig und muss sechs Jahre in Haft. Was immerhin zwei Jahre weniger sind als nach der Braunschweiger Vorstellung am Vorabend, als der Verteidiger nicht Altun hieß.

Denn das ist die Logik der Produktion: Der Fall wird jeden Abend neu verhandelt, mit neuem juristischen Personal. Seit November 2011 ist die Produktion durch sieben Länder getourt. Die Bilanz: Nach 40 Vorstellungen wurde Hamlet freigesprochen, nach 45 Vorstellungen verurteilt, ein Mal sogar für zwölf Jahre. Die drei Gastspiele am Wochenende in Braunschweig, beim Festival Theaterformen, waren die ersten in Deutschland. Die nächsten Verhandlungen gehen kommende Woche in Berlin über die Bühne, beim Festival Foreign Affairs. Ausgang offen.

Und was lernen wir daraus? Dass Rechtsprechung keine präzise Wissenschaft ist, sondern abhängig von Zufällen, Stimmungen und auch von schauspielerischen Fähigkeiten. Dass Gerichtsverhandlungen und Theateraufführungen also manches gemeinsam haben.

Wer weiß, vielleicht sollte man Rechtsreferendare zum Lernen nicht nur ins Gericht schicken, sondern auch auf die Schauspielschule.

Please, Continue (Hamlet): Das Theatergericht von Yan Duyvendak und Roger Bernat gastiert als Nächstes in Berlin: am 30.6. und 1.7. beim Festival "Foreign Affairs" im Haus der Berliner Festspiele. Karten unter Telefon 030/25489100.

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