Tageskarte Theater Rutschende Recken

Fünf Stunden dauert Andreas Kriegenburgs faszinierende "Nibelungen"-Inszenierung - und ist doch keine Sekunde langweilig. Ab morgen ist sie wieder an den Münchner Kammerspielen zu sehen.


Die Nibelungen sind kein leichter Stoff, und die deutsche Geschichte hat den ganzen Mythos noch mehr belastet. Dabei hat schon Friedrich Hebbel, der daraus zwischen 1850 und 1860 "ein deutsches Trauerspiel in drei Abteilungen" machte, es den Zuschauern nicht leicht gemacht - man könnte "lange darüber nachdenken, ob es je einen deutschen Autor von Rang gab, der noch humorloser war als Hebbel", schreibt Joachim Kaiser, der große alte Meister der Kritik.

Szene aus "Die Nibelungen": Einfallsreichtum und Humor, wo Pathos droht
Andreas Pohlmann

Szene aus "Die Nibelungen": Einfallsreichtum und Humor, wo Pathos droht

All das hat den Regisseur Andreas Kriegenburg nicht gestört, als er sich 2004 an den Münchner Kammerspielen daran machte, Hebbels Dramen-Dreiteiler (Der gehörnte Siegfried – Siegfrieds Tod –Kriemhilds Rache) auf die Bühne zu bringen. Furchtlos und unbekümmert wie Siegfried schlug sich Kriegenburg durch das Stück, und es kümmerte ihn auch nicht, dass die drei Teile optisch und stilistisch ganz verschieden gerieten. Für Kriegenburg zählte nur: Spielfreude. Einfallsreichtum. Humor, wo Pathos droht. Und dabei doch ernsthaft die Geschichte erzählen - bei Kriegenburg ist es vor allem eine Geschichte von (nicht sehr starken) Männern und (ziemlich beeindruckenden) Frauen.

Fünfeinhalb Stunden sieht man ihnen fasziniert zu: Wiebke Puls in einer ihrer besten Rollen als Kriemhild, Julia Jentsch ("Die fetten Jahre sind vorbei", "Sophie Scholl") als wilde Brunhild, Oliver Mallison als Siegfried, Bernd Grawert als König Gunther mit all seinen Mannen – es ist fast ein Wunder, dass es den Kammerspielen gelungen ist, jetzt noch einmal alle zusammenzutrommeln. Morgen, am Sonntag, ist der nächste Termin, im November und Dezember, wenn man draußen eh nicht viel versäumt, gibt es noch weitere – immer von 17 bis 22.30 Uhr. Durchhalten bis zum Schluss lohnt sich – erstens fühlt es sich eh kürzer an, und zweitens gehört die Schlussszene zu den stärksten, wenn auf der waagrecht zweigeteilten Bühne plötzlich das erste Stockwerk zu kippen beginnt und langsam erst die Festtafel darauf und dann die Recken, die um den Tisch saßen, ins Rutschen kommen.

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