Tageskarte Theater Wikinger leben ihre Träume aus

In Roger Vontobels neuer Inszenierung treten die Schauspieler im Second Life als Avatare auf. Nicht um reale und virtuelle Welt gegeneinander auszuspielen, sondern um voneinander zu lernen.

Von Simone Kaempf


Einige große Unternehmen sollen ja ihre Repräsentanzen im Second Life schon wieder geschlossen haben. Aus Enttäuschung, weil die digitale Welt nicht das brachte, was man erwartet hat. Vielleicht beginnt damit die Phase, in der man sich von den Hoffnungen der realen Welt löst und untersucht, was Second Life wirklich ist: Spiel? Chatroom mit 3D-Bildern? Performance und Theaterspiel für alle?

Szene aus "Die Helden auf Helgeland": Was ist Second Life wirklich?

Szene aus "Die Helden auf Helgeland": Was ist Second Life wirklich?

Mit dem inszenatorischen Potential, das immer wieder beschworen wird, macht Roger Vontobel jedenfalls Ernst. In "Die Helden auf Helgeland" treten seine Schauspieler zeitweise als Avatare im Second Life auf. Nicht, um mit der irrealen Welt die reale Welt auszuspielen, sondern um beides verstehbar zu machen. "Was kann Second Life, was kann es nicht? Was kann ich davon auf mein Leben übertragen, wo verschwimmt beides?" Das sind Fragen, die Vontobel in den vergangenen Monaten beschäftigt haben.

Geprobt hat er im Schauspielhaus Hamburg und auf der virtuellen Insel Helgeland, die mit Hilfe von Programmierern entstand. Dort gibt es grüne Wiesen, weite Meeresbuchten, ein Wikingerboot mit funkelnden Augen und eine imposante Wikingerhalle. Henrik Ibsens "Die Helden auf Helgeland", das dort gespielt wird, ist eine nordische Saga im Stil des Nibelungenlieds. Jördis heiratet Gunnar, der tapfer einen Eisbären erlegt hat. Doch Gunnar ist ein schwacher Mann, der verkleidete Sigurd hatte die Mutprobe übernommen. Als der Schwindel auffliegt, fühlt sich die Frau betrogen und schwört Rache. "Die Wikingerwelt mit ihrem Heldentum ist uns eigentlich fremd", sagt der 30-Jährige Vontobel, "die Sehnsucht, ein Held zu sein und auf einfache Weise um etwas zu kämpfen, kann man heute nur noch in Computerspielen ausleben." So kam er auf die Idee, das Stück in die virtuelle Welt zu versetzen.

Was bei dem Experiment herauskommt, wird sich bei der Premiere zeigen. Sicher ist jedoch, dass die Schauspieler anfangs als Computerspieler ihre Avatare bewegen. "Wie in einem Marionettentheater, in dem es die Fäden nicht mehr gibt", erklärt Vontobel und beschreibt damit eine uralte Theateridee. Bereits vor knapp zweihundert Jahren formulierte Heinrich von Kleist in seinem berühmten Aufsatz "Über das Marionettentheater", dass das Ideal natürlicher Schönheit auf dem Theater nicht in einem Menschen, sondern in einer Puppe stecke. Heute ist die Frage hochinteressant wie nie: Was sagt der Avatar über den Menschen? Und was kann der Mensch nur durch den Avatar sehen?


Die Helden auf Helgeland. Premiere am 6.1. im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Auch am 7.1., 24.-26.1., http://www.schauspielhaus.de und http://www.nordische-heerfahrt.blogspot.com



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