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"Tagesschau"-Eklat: Wenn Terroristen zu Regimegegnern werden

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120 Tote, unzählige Verletzte - der Irak wurde am Donnerstag von einer Terrorwelle erfasst. In der "Tagesschau" wurden für die Gewaltakte gegen Pilger und Polizeirekruten nicht etwa Terroristen, sondern "Regimegegner" verantwortlich gemacht. "Unglücklich" findet das die ARD inzwischen selbst.

Hamburg - Es war mehr als der tägliche Terror im Irak, der am Donnerstag auf allen Kanälen präsentiert wurde: 120 Tote, unzählige Verletzte. Erst starben friedliche Pilger in Kerbela, wenig später junge Menschen, die sich in Ramadi für den Polizeidienst bewerben wollten. Es waren die verheerendsten Anschläge seit den Parlamentswahlen vor rund drei Wochen, ein wahrer Blutrausch. Nach einer Zeit der relativen Ruhe fand der Terror also wieder einen prominenten Platz in allen Nachrichtensendungen.

ARD-Tagesschau: Fragwürdiger Sprechtext
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ARD-Tagesschau: Fragwürdiger Sprechtext

Rund 90 Sekunden widmete auch die "Tagesschau" im Ersten um 20 Uhr den Anschlägen. Blutüberströmte Opfer, schreiende Menschen, verzweifelte Retter, die verletzte Kinder weggetragen - der kurze Film zeigte, was dem Zuschauer eben noch zuzumuten war. Doch der Sprechtext geriet mehr als fragwürdig: "Kerbela war in den vergangenen Monaten weitgehend von Anschlägen verschont geblieben, seit gestern ist aber auch die heilige Stadt wieder Ziel der Regimegegner im Irak", erklärte Autor Ulli Neuhoff.

Der Zuschauer staunt. Terroristen werden bei der ARD zu Regimegegnern? Im Irak haben mit den Wahlen zum Übergangsparlament im Januar vergangenen Jahres, dem Verfassungsreferendum im Oktober und den Parlamentswahlen am 15. Dezember mittlerweile drei demokratische Abstimmungen stattgefunden. Die Uno bezeichnete den jüngsten Gang an die Urne als "transparent, glaubwürdig und gut", die Volksabstimmung über die Verfassung nannte Uno-Generalsekretär Kofi Annan einen "Meilenstein auf dem Weg zu einem demokratischen Irak".

Ein Regime ist volksfeindlich

Kurz: Eine demokratisch legitimierte Regierung ist kein Regime. Selbst wenn das Wörterbuch im ursprünglichen Sinn zunächst neutral von einer "Regierungsform" spricht. Der Begriff Regime ist heute negativ besetzt, die Bedeutung des Wortes hat sich zum Schlechten gewandelt, der Sprachwissenschaftler spricht von einer Pejoration, einer Bedeutungsverschlechterung. Ein Regime ist eine volksfeindliche, eine diktatorische Regierung, nicht eine, die durch freie Wahlen an die Macht gekommen ist.

Regimegegner oder -kritiker können nur die sein, die sich gegen eine vom Unrecht geprägte, von Tyrannei oder Willkür getragene Regierung stellen. Unter Saddam Hussein gab es irakische Regime-Gegner. Und gerade im Zusammenhang mit den Staaten des Ostblocks war der Begriff ein Synonym für freiheitsliebende Dissidenten. Mordende Terroristen in der meist gesehenen deutschen Nachrichtensendung mit dem gleichen Wort wie Andrej Sacharow, Jelena Bonner oder Vaclav Havel zu titulieren, ist, gelinde gesagt, ein wenig daneben.

In der "Tagesschau"-Chefredaktion hielt man sich heute mit einem Kommentar zurück. "Da der Begriff 'Regime' im allgemeinen Sprachgebrauch negativ konnotiert ist, halte ich ihn an dieser Stelle für unglücklich." Mehr wollte "Tagesschau"-Chef Kai Gniffke gegenüber SPIEGEL ONLINE zu dem Lapsus, der über Stunden keinem verantwortlichen Redakteur auffiel, heute nicht sagen. Der unglückliche, sprachliche Schnellschuss überdauerte einen ganzen Nachmittag: Schon in der "Tagesschau" von 14 Uhr und 16 Uhr gingen die "Regimegegner" auf Sendung, im Internet war der Beitrag auch am frühen Freitagabend noch abrufbar. Entstanden ist der Nachrichtenfilm beim Südwestrundfunk (SWR) in Stuttgart, endgültig abgenommen werden diese jedoch in Hamburg. Beim SWR war wegen des Feiertags keine offizielle Stellungnahme zu bekommen.

Wahre Regimegegner sind ensetzt

Entsetzt über die "Tagesschau"-Titulierung äußern sich nun solche Menschen, die den Titel Regimegegner einst zu Recht getragen haben. Der DDR-Dissident und frühere Mitarbeiter der Birthler-Behörde, Erhart Neubert, warnte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE vor einem leichtfertigen Sprachgebrauch: "Bezeichnungen wie Freiheitskämpfer, Widerständler oder Regimegegner passen nicht zu terroristischen Aktionen. Die Attentäter im Irak sollte man als Terroristen bezeichnen." Ein Wort, das im gesamten ARD-Beitrag übrigens nicht einmal auftaucht. "Mit der Verwendung des Begriffs 'Regimegegner' im Zusammenhang mit den Attentaten im Irak wird jeder demokratische Widerstand desavouiert", sagte Neubert weiter.

Peter Uhl, Mitbegründer der Charta 77, jener Bürgerrechtsbewegung, die in den siebziger und achtziger Jahren zum Zentrum der Opposition in der Tschechoslowakei wurde, verwies gegenüber SPIEGEL ONLINE auf den offenen Widerstand von Regimegegnern: "Wir wollten keineswegs anonym sein. Durch einen Vergleich mit den Attentätern im Irak fühle ich mich beleidigt und wünsche es nicht, im Zusammenhang mit ihren Taten genannt zu werden." Uhl saß als Dissident neun Jahre im Gefängnis. Jaroslaw Walesa, Sohn von Polens Ex-Präsident Lech Walesa, betonte die absolute Gewaltfreiheit: "Die Regel meines Vaters war, das Regime mit friedlichen Mitteln zu bekämpfen."

DDR-Dissident Neubert warnt: Sprachliche Unkorrektheiten führten zur Abwertung oder neutralistischen Betrachtung von Freiheitswerten und Demokratie an sich. "Regimegegner haben eine Legitimation. Terroristen haben keine. Wir müssen aufpassen, dass wir den modernen Terror nicht verharmlosen."

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