"Tagesspiegel" Gericht erklärt Redakteurs-Kündigung für wirksam

Der Berliner "Tagesspiegel" hatte exklusiv über Susanne Osthoffs Nominierung für den Grimme-Preis berichtet -doch ein eigener Redakteur hatte die Archäologin vorgeschlagen. Jetzt erklärte ein Gericht die Kündigung des Redakteurs für rechtens.


Berlin - Rechtsanwalt Johannes Eisenberg mühte sich redlich, am Ende war es vergebens. "Ich ärgere mich über Sie, Herr Vorsitzender", fuhr er Richter Dittert an. Zu diesem Zeitpunkt war bereits abzusehen, dass das Berliner Arbeitsgericht die Kündigungsschutzklage des ehemaligen Redakteurs Jost Müller-Neuhof vermutlich abweisen würde. Eisenberg echauffierte sich derart, dass ein Vertreter der Gegenseite pikiert darum bat, "etwas mehr Höflichkeit im Gerichtssaal" walten zu lassen.

Berliner "Tagesspiegel": Streit um Entlassung eines Redakteurs
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Berliner "Tagesspiegel": Streit um Entlassung eines Redakteurs

Hintergrund des Rechtsstreits ist ein Artikel, der im Medienressort des "Tagesspiegels" erschienen war. Das Blatt berichtete exklusiv über die Nominierung der ehemaligen Irak-Geisel Susanne Osthoff für den Grimme-Preis, verschwieg jedoch, dass der Vorschlag an die Juroren aus den eigenen Reihen gekommen war.

Der Politik-Redakteur Jost Müller-Neuhof hatte seine damaligen Kollegen aus dem Medien-Ressort über Osthoffs Nominierung informiert. "Als Privatmann", wie er in der Verhandlung betonte. Dass er selbst es war, der die Archäologin bei dem Preis-Komitee ins Gespräch gebracht hatte, verschwieg er jedoch zunächst. Dass der Vorschlag von einem Mitglied der eigenen Redaktion gekommen war, erfuhr Ressortleiter Joachim Huber erst von den Juroren.

Müller-Neuhof erklärte in der Verhandlung, dass er "im Binnenverhältnis der Redaktion" kein Problem damit gehabt habe, seine Urheberschaft zu bekennen. Er habe nur vermeiden wollen, dass Kollegen anderer Medien sich an seiner Urheberschaft stören und die Sache aufgreifen. Daher habe er die Chefredaktion zunächst nicht von seinem Vorschlag an das Preiskomitee informiert.

"Erhebliche Pflichtverletzung"

"Mein Mandant wusste natürlich, dass die Redaktion die Sache nicht ohne Recherche veröffentlichen würde", argumentierte Müller-Neuhofs Verteidiger Eisenberg, "es war doch völlig klar, dass die Urheberschaft bekannt werden würde." Der Rechtsvertreter des "Tagesspiegels" entgegnete, dass es vielmehr reiner Zufall gewesen sei, dass Ressortleiter Huber die Urheberschaft der Nominierung erfahren habe und sprach von "versuchter Manipulation".

Nachdem Müller-Neuhofs Rolle in der Berichterstattung bekannt geworden war und bundesweite Kritik anderer Medien am "Tagesspiegel" ausgelöst hatte, kündigte die Zeitung dem Redakteur, der daraufhin auf Wiedereinstellung geklagt hat. Der Verband Berliner Journalisten hat gegen Müller-Neuhofs Entlassung protestiert.

Ein Gütetermin beim Arbeitsgericht brachte keine Einigung. Ressortleiter Huber hatte sich zwischenzeitlich vorübergehend beurlauben lassen und taucht seit Beginn des Streits nicht mehr im Impressum auf. Weil er sein Fehlverhalten im Gegensatz zu Müller-Neuhof jedoch eingesehen habe, schreibt Huber weiterhin für die Zeitung.

Das Gericht sah in Müller-Neuhofs Verhalten eine "erhebliche Pflichtverletzung". Er sei verpflichtet gewesen, die Hintergründe der Nominierung offenzulegen. Trotz seiner Vertrauensstellung habe er die Chefredaktion über seine Urheberschaft im Unklaren gelassen. Aufgrund dieser "Illoyalität und des absichtsvollen Verhaltens des Redakteurs" sei eine Abmahnung nicht ausreichend gewesen und die Kündigung somit gerechtfertigt.

jto


Anmerkung der Redaktion: Das Berliner Landesarbeitsgericht hat Ende 2006 das Urteil des Berliner Arbeitsgerichts aufgehoben und festgestellt, dass es rechtswidrig war, Jost Müller-Neuhof zu kündigen.



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