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Talk bei Anne Will: Runde ohne Energie

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Endzeitstimmung im Sonntagabend-Talk: Die Debatte bei Anne Will zeigte, wie konzept- und perspektivlos die Politik der Energiekrise gegenübersteht. Triumphieren konnte nur einer.

Die Energiekrise ängstigt derzeit fast jeden: Benzin- und Gaspreis überschreiten für Verbraucher allmählich die Schmerzgrenze, Autofahren wird für immer mehr Leute zum Luxusgut, Heizen auch. Die ersten Apologeten warnen schon, dass das Zeitalter billiger Energie ein für allemal vorbei sei.

Talkrunde bei Anne Will: Märchenstunde zur Kernenergie
NDR

Talkrunde bei Anne Will: Märchenstunde zur Kernenergie

Anne Wills Talkrunde zum Thema Energiekrise am Sonntagabend ängstigte ebenso. Ein bisschen fühlte man sich als Zuschauer wie Stevie Wonder, dem zu Hause jemand die Möbel verrückt hat: Man fand sich in der teils kleinteiligen, teils heftig geführten Diskussion nur schlecht zurecht. Ein wenig fühlte man sich auch wie Sabine und Ralf Schütte, die auf dem Betroffenen-Sofa verloren Händchen hielten.

Wegen der hohen Strom- und Heizrechnung haben die Schüttes im vergangenen Jahr ihren Urlaub storniert. Steigen die Energiepreise weiter, ist sogar ihre Existenz bedroht. Dabei haben beide jeweils einen Voll- und einen Teilzeitjob, um die vierköpfige Familie zu ernähren. Viel bekommen sie an diesem Abend zu hören - doch nichts davon hilft ihnen konkret weiter.

"Es gibt keine kurzfristigen Lösungen"

Der Verbraucher in der Energie-Endzeit, wie kann er überleben? Der Einzige, der Anne Will darauf eine klare Antwort gab, war Rolf Martin Schmitz, Präsident des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft. Er antwortete zurückgelehnt und sehr leise, mit süffisant auf und ab wogenden Augenbrauen: "Das Einzige, das hilft, ist wirklich Energie zu sparen", sagte er. "Das heißt, weniger Energie zu verbrauchen, sie effizienter zu nutzen."

Für einen Moment blitzten seine braunen Augen. Schmitz ist Verbandschef der vier großen Stromkonzerne. Wenn in Energiekrisen die Preise steigen, wächst seine Macht.

Gegen diese schlichte Wahrheit konnte und wollte in der Runde niemand anreden. Nicht Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU), der Schmitz meist landesväterlich zunickte. Nicht SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, der immer wieder beteuerte, dass es für die Energiekrise "kurzfristig keine Lösungen gibt".

Scharfe Schüsse gegen Schmitz kamen lediglich von Jutta Ditfurth, der Vorsitzenden der Wählervereinigung ÖkoLinx. Von 1984 bis 1988 war sie Parteichefin der Grünen, 1991 trat sie aus der Partei aus, weil die Grünen ihr nicht mehr links genug waren. "Das einzige Problem, das Sie haben, ist, dass Sie einen schlechten Ruf in der Öffentlichkeit haben", zischte Ditfurth ihrem Gegenüber Schmitz zu. "Und dafür bin ich herzlich dankbar, weil sie den zu Recht haben."

Schmitz hob einmal die Augenbrauen - und fächelte Ditfurths Beleidigung wie eine lästige Fliege weg. Noch immer halten E.on, RWE, EnBW und Vattenfall ein Quasimonopol, mit dem sie die Preise nahezu frei bestimmen. Noch immer wächst der Energiehunger der Deutschen, die Strompreise steigen ohne Unterlass. Seit kurzem redet alle Welt außerdem über die Renaissance der Atomkraft. Bislang ist nicht geklärt, wie die 133.238 Gigawattstunden Strom (Nettostromerzeugung 2007), die durch die Stilllegung der Atomkraftwerke (AKW) wegfallen, kompensiert werden sollen.

Der Ausstieg vom Ausstieg ist daher ein starkes Wahlkampfthema, er ist aber vor allem für die SPD auch ein Minenfeld. Sozialdemokraten-General Heil ist in einer entsprechend schwierigeren Position: Im Jahre 2000 hat die rot-grüne Koalition den Atomausstieg beschlossen, damals mit großem Rückhalt in Partei und Bevölkerung. Nun kippt die Stimmung: 44 Prozent der Deutschen waren im Juli 2008 laut einer Infratest-Umfrage gegen den Atomausstieg, im Dezember 2007 waren es noch 36 Prozent. Auch in der Partei gibt es längst Stimmen, die eine Verlängerung der Laufzeiten fordern.

Märchenstunde zur Kernenergie

Entsprechend lavierte Heil in Wills Runde beim Thema Atomkraft. Die Renaissance der Kernenergie, die Verbilligung des Stroms durch AKW – alles wurde in seiner Argumentation zum "Märchen". Heils Widersacher Christian Wulff machte sich dagegen für längere Laufzeiten stark. Er ist in einer bequemen Position. Die CDU hat sich in der Debatte nicht so stark festgelegt. Sie muss lediglich irgendwann sagen, ob sie nur die Laufzeiten der bestehenden Kraftwerke verlängern oder neue AKW in die Landschaft setzen will.

Vielleicht war es seine sichere Position, vielleicht waren es die zustimmenden Applaussalven aus dem Publikum, zumindest wagte Wulff an diesem Punkt einmal kurz einen Angriff gegen Energiemensch Schmitz: Er drohte diesem, man könne bei einer AKW-Laufzeitverlängerung gleichzeitig den Energiekonzernen eine Senkung der Strompreise vorschreiben. Atomkraft sei ziemlich günstig und werfe für die Stromerzeuger große Margen ab, entsprechend groß sei der Spielraum.

Doch Schmitz blieb unbeeindruckt. "Das wird man sich gar nicht vorschreiben lassen müssen, denn wenn man günstiger produziert, hat man den Wettbewerb, und in diesem Wettbewerb stellen sich dann Preise ein", wiegelte er ab. Immerhin hakte Anne Will bei diesem Punkt nach – ein Zugeständnis, den Preis zu senken, konnte sie Schmitz freilich nicht entlocken.

Der Teufel macht das Licht aus

Im weiteren Verlauf der Sendung mäanderte die Debatte erratisch vor sich hin, zwischen Kernkraft, Zwei-Euro-Benzin, Wohngelderhöhung, Pendlerpauschale, dem leckgeschlagenen Atomzwischenlager Asse und der gefährdeten Existenz der Spediteure.

Für zusätzliches Schwindelgefühl sorgte die Kamera. Jedes Mal, wenn die Bildregie endlich einen Fixpunkt fand, hatte sich die Diskussion längst an einem anderen Punkt verhakelt. In solchen Momenten filmte die Kamera gern die süffisant wogenden Augenbrauen von Rolf-Martin Schmitz, manchmal zoomte sie auch auf das Ohr von MDR-Moderator und Verbraucheranwalt Peter Escher.

Dessen Performance beschränkt sich über die gesamte Sendezeit auf platte Pauschalforderungen. "Jetzt geben Sie den Leuten doch mal was Konkretes an die Hand!", quengelte er Heil an – da wurde es selbst dem SPD-General zu bunt. "Das einzig Konkrete, das sie heute Abend beigesteuert haben, war ihre Forderung der Pendlerpauschale", blaffte er zurück. Aber das hörte Escher vielleicht gar nicht, denn er haspelte einfach weiter.

Am Ende schwirrte dem Zuschauer der Kopf. Das Gehirn versuchte den Faktenbrei zu verdauen, aber satt war man irgendwie nicht. Im Gegenteil, man fühlt man sich ein wenig flau.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Ich schäme mich
Foul Breitner 14.07.2008
ich habe auch wieder A W geschaut. Escher hat auch nicht viel sagen dürfen, weil diese dicke Frau alle Sendezeit für sich in Beschlag genommen hat. Heißt das eigentlich wirklich Betroffenensofa ?
2. kostenlose Verschmutzungsrechte
sonnenfluesterer 14.07.2008
Wenn man über Strompreisreduzierung ernsthaft diskutieren möchte, dann müsste man den Stromkonzernen verbieten die kostenlos erhaltenen Verschmutzungsrechte in den Verkaufspreis einzurechnen. Bis 2012 werden den Verbrauchern dafür 35 Milliarden Euro ungerechtfertigt aus der Tasche gezogen. Oder aber die Verschmutzungsrechte komplett versteigern, dann wäre das Geld zumindest in der Staatskasse und nicht im Aktionärsbeutel.
3. Mediale Nullnummern
BerndAB, 14.07.2008
Die Debatte zeigt, wie entsetzlich dünne der Beitrag der Medien zur "Information" der Menschen ist. Im Fernsehen nur Nullnummern, billigst produziert, gleiches hier auf SPON. Die Menschen werden von den Medien nicht informiert, sondern instrumentiert. Dass das so ist, geschieht aus Interesse. Nicht die Interessen der Zahlenden (Bürger) werden gewahrt, sondern die der Bezahlten (Politiker, Industrie etc.). Dass man die Politik "hilflos" sieht, heißt aber nicht, dass die Politiker bereit wären, das zuzugeben, und heißt auch nicht, dass sie bereit wären, aus ihren privilegierten Stellungen auszuziehen. Sie zeigen einem nur Geblubber. Das ist nutzlos - aber man will sich weiter auf hohem Niveau entlohnen und versorgen lassen. Und übermorgen baggern sie wieder um unsere Stimmen. Mit NICHTS in der Hand, außer dem Willen, die Hand aufzuhalten. Derweilen die Geschäftchen der Spekulanten und Energieversorger, die schmutzigen Deals der Wirtschaft, der Lobbys mit der Politik immer weitergehen - gut verflochten mit der Politik. Siehe Schröder und sehr viele Kommunal- und Landespolitiker. Über 80% der Energieströme hat mit den vielbeschworenen Spotmärkten NULL, NICHTS zu tun - aber diese dienen als wohlfeile Vorwände, immer und immer an der Preisschraube zu drehen - die Politik hingegen tut nichts, weil sie an den Steuern allzugut mitverdient. Es wird nur so getan, als arbeite man an den Problemen - in Wahrheit wird den Menschen ein Popanz serviert: man tut so, als arbeite man an der Lösung - aber es wird lediglich geredet und NICHTS getan. Weil es, so wie es läuft, für die "interessierten Kreise" genau richtig läuft. Macht eure Wahlzettel ungültig. Schräg drüberschreiben: "In diesem Angebot der Selbstbediener ist leider für mich nichts Wählbares dabei."
4. Was
Act_of_Peace, 14.07.2008
soll man zu solchen Politikern sagen? Heil mit seinem gebetsmühlenartigen Satz: "Es gibt keine kurzfristigen Lösungen" war die Peinlichkeit und das Paradebeispiel eines vom Normalbürger und seinen Problemen meilenweit entfernten Politikers. Er verstand es nicht was die Schüttes aus Stade bewegt und beängstigte. Statt dessen trompetete er die Errungenschaften des erhöhten Wohngeldes, in dessen Genuss nunmal nicht Ottonormal kommt, herum. Diese SPD hat es nicht mehr verdient gewählt zu werden! Der MP von Niedersachsen gab seine Lobbyarbeit zum Besten und ging mit einer Stromtrassenwerbung schwanger. Diese Stromtrasse (eine 380KV-Leitung mit bis zu 100 Meter hohen Masten) die die Energie in den Süden des Landes tragen soll aus den Windkraftanlagen des Nordens - die erwiesenermaßen unnötig ist wie Studien belegen! Es geht hier nicht mehr um Arbeit zum Wohle des Bürgers - es geht nur noch um Lobby. Verdammt Deutschland - wann wehrt sich der Bürger, das Volk?
5. Atomkraft - nein, danke
ullameyko, 14.07.2008
solange der absolut sichere Betrieb und die sichere Entsorgung des Atom-Mülls nicht gewährleistet ist, ist jede Debatte über die weitere Nutzung der Kernenergie unverantwortlich. Da sticht weder das Argument, dass dann der Strom aus dem Ausland käme, noch, dass alternative Energie Erzeugung noch nicht flächendeckend ausgereift ist. Hier ist die Politik gefragt, dass sie Forschung und Ausbau von Alternativen so fördert und damit (als angenehmen Neben-Effekt) die Stromerzeugung de-zentralisiert.
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