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Talk Radio: Amerikas Linke greift an

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Rechte Radio-Agitatoren haben in den USA täglich Millionen von Zuhörern, die Sender sind fest in konservativer Hand. Holzhammer-Propagandist Rush Limbaugh zum Beispiel lockt mit ätzender Hetze gegen "Feminazis" und "Umweltschutz-Spinner". Jetzt startet die US-Linke den Gegenangriff - mit Satirikern und einem Rap-Star im Radio.

Komiker Franken: "Drogenfreie Satire"
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Komiker Franken: "Drogenfreie Satire"

Al Franken ist ein Mann, der keine Angst vor Körpereinsatz hat. Im Januar brachte der Satiriker einen unbelehrbaren Zwischenrufer bei einer Wahlkampfveranstaltung für den Demokraten Howard Dean zu Fall - buchstäblich. Als Sicherheitsleute daran scheiterten, den Mann aus dem Saal zu drängen, schnappte der Ex-Ringer Franken sich seine Knie und brachte ihn so aus dem Gleichgewicht - eine Aktion, die er kurz darauf selbst für "dumm, wirklich dumm" hielt, wie das "New York Times Magazine" berichtete.

Franken ist Polit-Komiker, ein Aktivist, ein Zorniger. Seine Comedy-Sporen verdiente er sich in der legendären Fernsehsendung "Saturday Night Live". Gelegentlich tut er Dinge, ohne vorher darüber nachzudenken, aber auch seine wohlüberlegten Aktionen fallen üblicherweise heftig aus. Im vergangenen Jahr brachte ihn das vor Gericht: Franken hatte ein Buch mit dem Titel "Lügen und die lügenden Lügner, die sie erzählen" geschrieben, in dem er mit dem medialen Gebaren der amerikanischen Rechten abrechnete.

Grund der Klage war nicht der Inhalt, sondern der Untertitel der Satire: "A Fair and Balanced Look at the Right". Anwälte von Rupert Murdochs höchst konservativem Fernsehsender Fox News meldeten Ansprüche auf den Slogan "Fair and Balanced" an, mit dem auch Fox wirbt. Sie klagten auf Copyrightverletzung - und verloren mit Pauken und Trompeten, wurden im Gerichtssaal ausgelacht. Für Franken war der Prozess ein Glücksfall: Das Buch wurde in kürzester Zeit zum Verkaufsschlager. Nach 31 Wochen auf der Bestsellerliste der "New York Times" steht es immer noch auf Platz 6.

"Auf Fakten basierende, drogenfreie Satire"

In seinem vorangegangenen Werk attackierte er den erfolgreichsten Talk-Radio-Moderator der USA. "Rush Limbaugh ist ein großer, fetter Idiot", hieß das Buch, ebenfalls ein Bestseller. Limbaugh agitiert seit Jahrzehnten am äußersten rechten Rand, beschimpft Frauenrechtlerinnen als "Feminazis" und Umweltschützer als "Environmentalist Wackos", frei übersetzt "Umweltschutz-Spinner". Im vergangenen Jahr musste Limbaugh zugeben, dass er seit Jahren von Schmerzmitteln abhängig war. Dass er eine Entziehungskur absolvieren musste, tat seiner Popularität keinen Abbruch, regelmäßig hören ihm 20 Millionen Amerikaner zu.

Jetzt, da der US-Wahlkampf in seine heiße Phase geht, wird der erklärte Demokrat Franken seine Lieblingsfeinde, Limbaugh und den Fox-Rechtsaußen Bill O'Reilly, auf deren ureigenstem Terrain angreifen. Der Satiriker bekommt eine nagelneue Sendung: "The O'Franken Factor" wird das Flaggschiff der liberalen Radiostation "Air America", die heute auf Sendung geht. Bill O'Reillys Sendung heißt "The O'Reilly Factor". Air America Radio betont, in einem bösen Seitenhieb auf den inzwischen cleanen Limbaugh, dass Franken "auf Fakten basierende, drogenfreie Satire" bieten werde.

Agitator Limbaugh: "Feminazis" und "Umweltschutz-Spinner"
AP

Agitator Limbaugh: "Feminazis" und "Umweltschutz-Spinner"

Die linke Radio-Offensive wird auch von anderen Prominenten unterstützt, etwa Chuck D von der HipHop-Legende Public Enemy, der Mann, der Rap in den achtziger Jahren politisch machte. JFK-Neffe Robert F. Kennedy junior und Komödiantin Janeane Garofalo werden ebenfalls Sendungen moderieren. Franken selbst tritt mittags von 12.00 bis 15.00 Uhr an - zur gleichen Zeit wie Limbaugh. Er will direkte Kommentare zu den Sendungen seiner rechten Kontrahenten abgeben und prominente Gäste begrüßen, etwa Michael Moore oder die Clintons.

Ein Problem: Liberale haben ein Sozialleben

Die linke Talk-Radio-Alternative ist kein ganz risikoloses Projekt. Einige Beobachter bezweifeln, dass die liberale Hörerschaft auf linke Satire ebenso loyal reagiert wie die konservative Bevölkerung der ländlichen US-Regionen auf rechte Agitation à la Limbaugh. Liberale "neigen dazu, sich für Kabelfernsehen und das Internet zu entscheiden", sagte der demokratische Journalist und Medienexperte John Nichols dem englischen "Guardian". "Und ehrlich gesagt, sie haben auch ein Sozialleben." Das Bedürfnis nach Aggressionsabfuhr, das viele Hörer von O'Reilly und Co. bei der Stange hielte, fehle in der Zielgruppe, so die Befürchtung.

Air America Radio wird zunächst nur in New York, Los Angeles, Chicago und San Francisco, online als Livestream und verschlüsselt über Satellit zu hören sein - nach Expertenmeinung wird das nicht reichen, um tatsächlich in die Gewinnzone zu kommen. Der Sender tritt jedoch mit einem langen Atem an: 20 Millionen Dollar hat ein Konsortium von Freunden der demokratischen Partei unter der Führung des New Yorker Unternehmers Evan Cohen nach Informationen des "Guardian" zusammengebracht, um "Air America Radio" zu finanzieren. Der Businessplan sieht Gewinne erst im dritten Jahr vor.

Ob Al Franken so lange dabei sein wird, steht in den Sternen. Die Investoren planen ein langfristiges Medienprojekt, der Satiriker will in erster Linie helfen, George W. Bush loszuwerden. Angeblich hat er nur einen Einjahresvertrag unterschrieben. Einem Reporter des "New York Times Magazine" sagte er: "Ich wäre zufrieden, wenn die Wahl eines Demokraten die Show beenden würde."

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