Talkshow-Krach CDU-Politiker will "Anne Will" absetzen

"Un- und Halbwahrheiten" und verzerrte "Sachverhalte": Der Berliner CDU-Politiker Friedbert Pflüger schießt scharf gegen das Team von "Anne Will" - und fordert sogar, die Show abzusetzen.


Berlin/Hamburg - Friedbert Pflüger hat die ARD aufgefordert, die Talkshow "Anne Will" abzusetzen. Der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin kritisiert die sonntägliche Politrunde in der "Bild"-Zeitung vom Dienstag massiv: "Die Sendung Anne Will zeichnet sich immer mehr durch Un- und Halbwahrheiten und bewusste Verzerrung von Sachverhalten aus."

Moderatorin Will: Un- und Halbwahrheiten?
RBB

Moderatorin Will: Un- und Halbwahrheiten?

"Anne Will hat nicht gehalten, was sich viele - auch ich - von ihr versprochen haben." Als Mitglied des Rundfunkrates des RBB Berlin werde er sich nun für ihre Ablösung einsetzen.

Ganz auf den sonntäglichen Polit-Talk verzichten will Pflüger hingegen nicht. Er schlug einen Nachfolger vor: Frank Plasberg habe "das Zeug zum harten, aber fairen Fragestellen, da kommt der Journalismus nicht missionarisch-ideologisch daher", meinte Pflüger.

Der CDU-Politiker empörte sich vor allem über die Anmoderation von Anne Will in der Sendung vom vergangenen Sonntag. Will sagte zu Beginn der Sendung: "Dass man mit der Linkspartei erfolgreich Politik machen kann, das weiß der Chef der einzigen rot-roten Koalition in Deutschland, der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit."

Dass die Berliner Landespolitik unter der rot-roten Koalition erfolgreich ist, kann man diskussionswürdig finden. Und naturgemäß bringt so eine Einschätzung die derzeit in der Opposition sitzenden Christdemokraten in Rage - man könnte das also parteipolitisches Geplänkel abtun.

Allerdings gründet Pflügers Ärger nicht allein auf parteipolitischer Empfindlichkeit, sondern er wirft der Redaktion vor, das journalistische Handwerk nicht zu beherrschen und mit Fakten fahrlässig umzugehen. Denn der der Anmoderation folgende Einspiel-Film behauptete, die rot-rote Koalition in Berlin habe 2001 von der Großen Koalition in Berlin 60 Milliarden Euro Schulden "geerbt" und Berlin "auf die Erfolgsspur" geführt. Pflüger dagegen führt an, die Verschuldung Berlins sei von 38,5 Milliarden Euro im Jahr 2001 auf heute rund 61 Milliarden Euro gestiegen.

Ganz unrecht hat Pflüger da nicht: Der derzeitige Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) fand bei seinem Amtsantritt im Januar 2002 einen Schuldenberg von rund 38 Milliarden Euro vor - und nicht die von "Anne Will" kolportierten 60 Milliarden.

Allerdings erbte die rot-rote Koalition erhebliche Schulden im Nachgang des Berliner Bankenskandals - und der fiel in die Zeit, als Eberhard Diepgen eine große Koalition in Berlin führte und für die Union im Sessel des Regierungschefs saß.

Will Media, die Firma, die im Auftrag der ARD "Anne Will" produziert, wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zu den Vorwürfen äußern. In Bezug auf die geforderte Absetzung der Talkshow verwies das Unternehmen allerdings auf die ARD, die zu entscheiden habe, welche Sendung wann wo laufe - oder eben nicht.

tdo/AP/ddp



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