Talkshow-Verflachung: Der Betroffene hat immer recht. Oder?

Von Reinhard Mohr

Betroffenheit, das klingt nach siebziger Jahren und Sitzblockaden. Jetzt sitzt der Betroffene plötzlich wieder auf allen Stühlen - seit "Anne Will" auch in den politischen Talkshows. Die Konfrontation mit persönlichen Schicksalen entzieht jedem Diskurs die nötige Schärfe.

Es gibt ihn eigentlich schon ziemlich lange, den TV-Betroffenen. Meist fristete er sein beklagenswertes Dasein jedoch im Schatten der großen Politik und jenseits der glitzernden Medienöffentlichkeit. Auch wenn er sich darüber zuweilen beschwerte, änderte das nicht viel. Man nahm ihn nicht so richtig ernst. Nur in den schrillen Krawallzonen des Nachmittags-Talks, irgendwo zwischen Oliver Geissen und Birte Karalus, hatte er ein wenig Auslauf.

Doch er blieb das Aschenputtel im TV-Zirkus.

Das ist nun vorbei.

Roter Schalensessel bei "Anne Will": Verlorener Posten
Getty Images

Roter Schalensessel bei "Anne Will": Verlorener Posten

Seit Anne Will ein extragroßes weißes Sofa in ihr sonntägliches Talkshow-Studio gestellt hat, sitzt er da, der Betroffene, beziehungsweise: die Betroffene. Woche für Woche. Nicht mehr nur als schmückendes Beiwerk für einen 30-Sekunden-O-Ton aus dem Off des wirklichen Lebens jenseits von Kurt Beck und Guido Westerwelle, sondern als aktiver Stichwortgeber für das Agenda-Setting der Großkopferten, die auf ihren roten Schalensesseln unruhig mit den Füßen wippen, bis sie endlich drankommen.

Es ist zu vermuten, dass man ihn da auch nicht mehr so leicht wegkriegt, den Betroffenen. Er hat sich jetzt auf dem Sofa eingerichtet wie Familie Hoppenstedt bei Loriot.

Auch bei anderen Polit-Talkshows beginnt er langsam, heimisch zu werden, bei Beckmann, Kerner und Maischberger ist er längst Hauptmieter, ganz zu schweigen von den ungezählten Blitzumfragen von RTL, Sat.1 und N24, in denen der Betroffene an der Zapfsäule gefragt wird, was er von der jüngsten Benzinpreiserhöhung hält.

"Eine Riesenschweinerei!" natürlich. Das gilt auch für Hartz IV, die Rente mit 67, die Klimakatastrophe und überhaupt fast alles, wonach in den Fußgängerzonen der Republik gefragt wird.

"Mit Wut, Trauer und Betroffenheit..."

Der erste Betroffene hat sich wahrscheinlich vor 500.000 Jahren, nachdem er das Feuer entdeckt hatte, die Füße beim ersten Bisongrillen verbrannt. Kerner gab es damals noch nicht, auch nicht "Menschen hautnah", also musste er alleine leiden. Allenfalls konnte er nach "Wilmaaaa!" rufen.

Bei den alten Griechen wurden immerhin Tragödien geschrieben, und im Mittelalter wusste wenigstens der Stadtschreiber, wie das Leid des Betroffenen für die Nachwelt festzuhalten war. Die große Zeit der Betroffenheit aber waren die siebziger und achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts, als jeden Tag mehrere Bekennerschreiben und Protestresolutionen verfasst wurden, die mit den Worten begannen: "Mit Wut, Trauer und Betroffenheit..."

Jetzt ist der Betroffene bei den politischen Talkshows gelandet. Das Problem ist nur: Durch seine permanente Anwesenheit verändert er den Diskurs, die politische Debatte. Vor allem: ihr Niveau. Auch das wäre ja nicht schlimm. Aber er hebt es nicht, sondern drückt es eher noch weiter nach unten.

Nicht etwa, weil er dumm wäre oder nichts zu sagen hätte, sondern weil er nur und ausschließlich über sich und seine Sache reden kann. Selbst das wäre noch kein Übel, wenn nicht die anderen, die "offiziellen" Gesprächsteilnehmer, dadurch automatisch dazu gedrängt würden, den Bericht des Betroffenen zur empirischen Grundlage der ganzen Debatte zu machen. Das aber führt in die Irre.

Denn für sich genommen hat der Betroffene natürlich immer recht. Wer würde schon einen Betroffenen und sein persönliches Schicksal kritisieren wollen?

Paradefall sozialer Ungerechtigkeit

Exemplarisch zeigte sich das an Anne Wills Auftaktsendung am 16. September, als eine ostdeutsche Geringverdienerin mit staatlicher Finanzaufstockung und punktueller Unterstützung der Eltern zum Paradefall sozialer Ungerechtigkeit erklärt wurde.

Obwohl die Mitarbeiterin eines Callcenters selbst gar nicht zum Jammern aufgelegt war und ihr verfügbares Nettoeinkommen wohl insgesamt an das eines deutschen Lokführers heranreichte, legte sich ihr "Fall" wie schwerer Betroffenheitsnebel über die Runde, in der natürlich, wie üblich, nur Bestverdiener saßen, unter ihnen Telekom-Chef René Obermann. So war klar, dass sie subjektiv schon gar nicht in der Lage waren, das gewiss nicht beneidenswerte Schicksal der ostdeutschen Frau mittleren Alters, die täglich zwischen Cottbus und Görlitz pendeln muss, in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

Die betroffene Frau, in jeder Hinsicht die Repräsentantin einer überschaubaren Minderheit, stand plötzlich für den Gesamtzustand Deutschlands mitten im konjunkturellen Aufschwung.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 75 Beiträge
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    Seite 1    
1. ja, so ist es
kowalim 18.10.2007
Zitat von sysopBetroffenheit, das klingt nach siebziger Jahren und Sitzblockaden. Jetzt sitzt der Betroffene plötzlich wieder auf allen Stühlen - seit "Anne Will" auch in den politischen Talkshows. Die Konfrontation mit persönlichen Schicksalen entzieht jedem Diskurs die nötige Schärfe. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,512069,00.html
richtig so. betroffene in talk-shows sind so sinnvoll wie angehörige bei einer operation: störend, ablenkend und den blick aufs wesentliche verstellend
2. Weg mit Betroffenen!
stauner 18.10.2007
Betroffene stören die Elite nur, wenn sie die "Erfolge ihrer Reformen" beschreibt. Die meisten Betroffenen haben ihrer Meinung nach eh keine Ahnung und sollten sich besser nicht zu dem äussern, was die Elite über ihre Köpfe hinweg beschliesst. Betroffene! Ein Horrorszenario! Da sehnt sich die Elite nach Christiansen zurück, als die INSM- und Versicherungsvertreter sich noch die Klinke unbetroffen in die Hand geben konnten und sicher sein konnten, dass die blonde Sabine ihnen die richtigen Stichworte zuwirft.
3. @kowalim
frietz 18.10.2007
das nächste mal bitte die ironietags nicht vergessen betroffene müssen sein. es ist lächerlich genug, wenn politiker oder wirtschaftsbosse mit chauffeur, steuerfreibeträgen und gehältern jenseits von gut und böse über h4 diskutieren
4. Betroffene...
PatNick 18.10.2007
sollen dabei sein. Dann besteht zumindest ansatzweise die Chance, dass die Obermänner dieser Welt einen kleinen Einblick in die Lebenswirklichkeit ihrer outgesourcten Mitarbeiter bekommen. Gleiches gilt für die Polikerkaste. Und auf das Argument des Autors, dass sich dann niemand mehr traut, unpopuläre Thesen zu vertreten, kann ich nur sagen, dann hat der- oder diejenige ihr Metier verfehlt. Allerdings bedarf es natürlich mehr Courage, diese Thesen Betroffenen ins Gesicht zu sagen als sie im Raumschiff Bundestag oder Chefetage zu beschließen.
5. Es gibt das Volk
Perleberger 18.10.2007
Zitat von sysopBetroffenheit, das klingt nach siebziger Jahren und Sitzblockaden. Jetzt sitzt der Betroffene plötzlich wieder auf allen Stühlen - seit "Anne Will" auch in den politischen Talkshows. Die Konfrontation mit persönlichen Schicksalen entzieht jedem Diskurs die nötige Schärfe. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,512069,00.html
Was denn nu - hat der Autor Angst, dass er seine berufsmäßige persönliche Betroffenheit mit großem Trara und heißen Luftblasen der mainstream-medien-Meinung nun nicht mehr exklusiv vermarkten kann? Ein bisschen Rerührung mit der Realität von vielen Millionen in diesem unserem Lande und dass es tatsächlich Menschen gibt, die weniger zum Lebensunterhalt im Monat haben als zwei aus diesen Talkrunden an einem Abend auf "Geschäftskosten" steuersparend beim Nobel-Italiener ausgeben - unerträglich? Wenn die nicht Geld für Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen, aber um Gottes willen nicht durch ihre Anwesenheit das unerträgliche Talkshow-blabla stören?
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