S.P.O.N. - Der Kritiker Wie Pyromanen in der Streichholzfabrik

Die Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen befördern den gesellschaftlichen Rechtsrutsch. Es ist Zeit für eine neue Diskurs-Republik.

Frauke Petry bei Anne Will
NDR/Wolfgang Borrs

Frauke Petry bei Anne Will

Eine Kolumne von


Wir müssen mal wieder über Talkshows reden. Denn was da seit Monaten passiert, fühlt sich langsam an wie eine Art stiller Putsch von Redakteuren, die offensichtlich im ganzen Quoten-Quatsch ihren Kopf verloren haben.

Wie ist es sonst zu erklären, dass zum Beispiel bei einem Thema wie Integration bei Anne Will ausgerechnet Frauke Petry sitzt? Da könnte man genauso einen Pyromanen in eine Streichholzfabrik einladen.

Denn ernsthaft: Was soll das? Es ist klar, was Frauke Petry sagen wird, es ist nicht konstruktiv, es ist polemisch, es vergiftet das Klima, es macht die Diskussion kaputt - und vor allem, es wurde schon 1000-mal gesagt, von ihr und ihren AfD-Kollegen.

Denn sie sitzen ja schon überall, in den Parlamentssesseln der deutschen Talkshowrepublik, im von ihnen so gehassten öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das ihnen wieder und wieder die Möglichkeit gibt, ihre Vorurteile auszubreiten.

Es ist schließlich eine der großen Lügen der "Lügenpresse"-Krakeeler, dass die AfD ausgegrenzt wird: Im Gegenteil, aus lauter Selbsthass oder stiller Sympathie oder weil sie ihr eigener Quoten-Populismus dazu treibt, machen ARD und ZDF seit Monaten Wahlwerbung für die AfD.

Verzerrung der öffentlichen Diskussion

Denn es ist ja nicht so - eine weitere und bis zur völligen Debilität wiederholte Unterstellung der wahrheitsmutigen politisch Inkorrekten, die doch nur ihre eigene Wahrheit hören wollen -, dass man in diesem Land "nicht alles sagen darf": Seit Monaten sitzen da AfD-Politiker, Islamkritiker, Islamophobe, Sarrazin und "sagen alles".

Wann hat es je eine solche verschworene Phalanx gegeben bei einem Thema wie der Ungerechtigkeit des gegenwärtigen Kapitalismus, den Abstiegsängsten der Mittelschicht, der katastrophalen Austeritätspolitik, der Griechenlandkrise, bei einem eher linken Thema also?

Aber nach links hin, so scheint es, hat man immer noch mehr Ängste als nach rechts - erinnert sich noch jemand an den grotesken Auftritt von Björn Höcke mit seiner Deutschlandfahne und dem Moderatorenversagen von Günther Jauch?

Lange schon haben die Rechten einen symbolischen Anteil im Fernsehen, der deutlich höher ist als ihre Stimmen bei Wahlen - oder, genauer gesagt, die Wahlergebnisse nähern sich langsam ihrer symbolischen Präsenz, und man darf da durchaus einen Zusammenhang sehen.

Was hier passiert, ist eine offensichtliche Verzerrung der öffentlichen Diskussion, und gerade bei einem Thema wie der Integration stellt sich die Frage, was bei diesen Runden genau erreicht werden soll, außer Hahnenkämpfe und Wortsalven.

Aus solchen Gesprächen wird nichts Neues entstehen

Es sind vor allem Negativbilder, die hier beschworen werden, es sind Angstdiskussionen, die geführt werden - und wie sich das auswirkt, zeigt der Entwurf für ein neues Integrationsgesetz, den die Bundesregierung gerade vorgestellt hat und der von Negativbildern und Angst geprägt ist.

Aber das kommt eben dabei raus, wenn man - zusätzlich zu der autoritären Frauke Petry und dem autoritären Innenminister de Maizière - jemanden wie den Soziologen und Migrationsforscher Ruud Koopmans einlädt, der nichts Besseres zu tun hat, als Menschen mit Statistiken zu bewerfen.

Da stellt sich dann auch mal ganz einfach die journalistische Frage: Wenn schon vorher klar ist, dass er so kritisch ist, warum genau wird er eingeladen, in eine Runde, die der Integration gegenüber eh schon überwiegend kritisch ist? Weil es das ist, was man hören will?

Es gibt mit gleicher Berechtigung die Positionen von Forschern zu dem Thema, die sehr viel positiver sind. Warum will man die nicht hören?

Oder allgemeiner: Was soll das? Die Zeit ist zu schade und zu kostbar für Rituale, die nichts bedeuten und höchstens die bestehenden Gräben noch vertiefen. Was die Talkshows fast immer vorführen, ist das Gegenteil von einem Gespräch, das etwas bedeutet, im Sinne von: dass da etwas Neues oder Überraschendes entsteht.

Beförderung des gesellschaftlichen Rechtsrutsches

Es hat sich gezeigt, es ist das falsche Modell, es ist der falsche Ansatz, und man sollte es sein lassen. Die deutsche Talkshow-Republik ist, wie die reale auch, dem Proporz und dem Konsens verpflichtet - aber dieses Modell ist in Lähmung erstarrt und vor allem an seiner eigenen Existenz und an seinem eigenen Überleben interessiert.

Wie es anders gehen könnte, hat jüngst etwa ein ehemaliger BBC-Journalist im Programm der Deutschen Welle gezeigt, in einem Gespräch, eins gegen eins - da wurde Frauke Petry auf eine Art und Weise auseinandergenommen, wie es in diesen spätabendlichen Plärrrunden von ARD und ZDF kaum möglich ist.

Es ist die klare, konfrontative, konzentrierte Alternative (hu, schon fast verbrauchtes Wort) zu einem Gerede, das fast immer steil an den Fakten vorbeirauscht oder die Fakten ungeprüft im Raum stehen lässt. Die Talk-Republik, geboren 1990 als Nach-Wende-Erfindung im Gedanken an den dauernd tagenden Großen Runden Tisch, ist an ihr Ende gekommen - es ist Zeit für eine neue Diskurs-Republik Deutschland.

Ups, DRD, uff, knapp vorbei.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen jedenfalls begleitet und moderiert mit seinen Talkshows den gesellschaftlichen Rechtsrutsch. Und befördert ihn damit.

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insgesamt 316 Beiträge
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multi_io 15.05.2016
1. Alles klar...
...Diez hat mal Angst vor dem gemeinen Pöbel und will die Redefreiheit beschränken, um das Land schöner zu machen. Film um 11.
ernst.hanssen 15.05.2016
2. Kopftreffer !
Bravo! Sehr guter Kommentar! Sie treffen das "Streichholz" auf den Kopf.
kittiwake 15.05.2016
3. ich bin kein Freund der AfD
Und würde diese Partei niemals wählen, aber jemandem "das Wort verbieten" finde ich nicht gut, auch wenn es gequirlte Kacke ist, was derjenige von sich gibt. Auch der Zentralrat der Muslime bspw. darf solche von sich geben. Zum Glück leben wir noch in einem Land, wo man freie Meinungsäußerung hat.
tsitsinotis 15.05.2016
4. Ja bitte - alle Talkshows im ÖRF streichen!
Was waren das für schöne Zeiten, als Günter Gaus alleine zuhörte, nachfragte, zuhörte, abwog, zuhörte, nachfragte.
murksdoc 15.05.2016
5. Diskurs 2.0
Ab heute darf nur noch mitdiskutiert werden, wenn man "links", "ultralinks" oder "linksradikal" ist, Feminist_In der ersten, zweiten oder dritten Phase oder aber Radikalfeminist_In ("gender critical" oder nicht, "transgender-inclusive oder exclusive"?). Zugelassen sind ferner PoCs, MoCs und WoCs, Non_Ableist_Innen und genderqueere kritische Soziolog_Innen. Das reicht doch völlig an Meinungsvielfalt und jedes mehr würde den blöden Pöbel vor der Glotze doch nur überfordern. Automatisch ausgeschlossen sind dadurch cis-heteronormative weisse alte Männer, denn die sind sowas von oppressiv und unterdrücken die Meinungsfreiheit, mit denen sollte keiner diskutieren.
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