Nach Skandalpremiere "Tannhäuser"-Inszenierung wird abgesetzt

Die drastische Inszenierung von Wagners "Tannhäuser" mit SS-Schergen, Gaskammern und Erschießungsszenen wird abgesetzt. Die Oper werde von diesem Donnerstag an nur noch als Konzert aufgeführt. Traumatisierte Gäste waren der Opernleitung dann doch zu viel.

"Tannhäuser"-Szene: Krasse Darstellung von Nazi-Morden
DEUTSCHE OPER AM RHEIN

"Tannhäuser"-Szene: Krasse Darstellung von Nazi-Morden


Düsseldorf - Buhrufe, empörte Besucher, die türenknallend die Aufführung verlassen und schließlich Operngäste, die sich traumatisiert in ärztliche Behandlung begeben - die Rheinoper in Düsseldorf zieht doch noch Konsequenzen aus der Skandalinszenierung von Richard Wagners "Tannhäuser": Das Stück werde von diesem Donnerstag an nur noch als Konzert aufgeführt, kündigte die Oper am Mittwoch an. Die Abänderung einzelner Szenen habe der Regisseur Burkhard C. Kosminski "aus künstlerischen Gründen" abgelehnt.

Die Premiere des "Tannhäuser" in der Inszenierung Kosminskis, Intendant am Mannheimer Schauspiel, hatte am Samstagabend wegen der krassen Darstellung von Nazi-Morden und Tod in Gaskammern Empörung bei vielen Zuschauern ausgelöst. Die jüdische Gemeinde in Düsseldorf hatte die Inszenierung als "geschmacklos" kritisiert. Rheinoper-Intendant Christoph Meyer hatte sich bestürzt über die heftigen Reaktionen gezeigt, aber zunächst weiter zu der Inszenierung gestanden.

Die Opernleitung sei sich schon vorab darüber im Klaren gewesen, dass das Konzept und die szenische Umsetzung des "Tannhäuser" kontrovers aufgenommen würden, hieß es in einer Mitteilung. "Mit allergrößter Betroffenheit reagieren wir jedoch darauf, dass einige Szenen, insbesondere die sehr realistisch dargestellte Erschießungsszene, für zahlreiche Besucher sowohl psychisch als auch physisch zu einer offenbar so starken Belastung geführt haben, dass diese Besucher sich im Anschluss in ärztliche Behandlung begeben mussten." Eine so extreme Wirkung könne die Oper nicht verantworten.

In der Inszenierung Kosminskis floss das Theaterblut in Strömen, es wurde vergewaltigt, Selbstmord durch Selbtsverbrennung begangen und brutal gemordet. Der Regisseur hatte in seiner ersten Operninszenierung Wagners romantischem Stück, das sich um den Konflikt zwischen exzesshafter und keuscher Liebe dreht, das NS-Motiv übergestülpt, um daran das Thema von Schuld und Sühne abzuarbeiten. Die Oper spielt in seiner Inszenierung in der Zeit des Nazi-Regimes und der frühen Bundesrepublik - auch, um damit den Antisemitismus des Komponisten und dessen Einfluss auf die Nazi-Ideologie zu thematisieren.

sun/dpa



insgesamt 53 Beiträge
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Roland Müller 08.05.2013
1. Zensur
... schreit das Volk ... wir fordern Zensur! Lässt uns auf künstlerische Freiheit verzichten! Schützt uns vor unserer Scham ... wir fordern Zensur!
taglöhner 08.05.2013
2.
Zitat von Roland Müller... schreit das Volk ... wir fordern Zensur! Lässt uns auf künstlerische Freiheit verzichten! Schützt uns vor unserer Scham ... wir fordern Zensur!
Äh, es war nicht der Intendant?
pereju 08.05.2013
3.
Das Opernhaus in Düsseldorf fasst gut 1000 Zuschauer, wenn man bedenkt wer sich jetzt alles zu Wort meldet - vom Botschafter Israels über die jüdische Gemeinde bis zu dutzenden Journalisten - um sein Entsetzen zu bekunden, dann hätten in der Premiere sogar Stehplätze verkauft sein müssen. Die Inszenierung ist sicher keine gute (noch nicht mal interessante), aber der jetztige Aufschrei des Entsetzens sollte eher dem Opernahuas wegen der Absetzung gelten, steht doch explizit im neuen Spielzeit Heft, dass Programmänderungen NICHT zur Rückgabe bereits erworbener Karten berechtigen (siehe Seite 152). Also voller Preis für eine konzertante Aufführung !!!! Das ist ein Skandal.
koleriker 08.05.2013
4. Konzertant!?
was soll denn dieser halbe Rückzieher. Ganz oder gar nicht.
JSorel 08.05.2013
5.
Was soll daran Zensur sein? Die Oper Düsseldorf hat ein Produkt angeboten, das Publikum hat es nicht angenommen, also wird es zurück genommen. Ein ganz alltäglicher Vorgang.
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