Berliner Festival "Tanz im August": Blick zurück nach vorn

Von Anke Dürr

Berliner Festival "Tanz im August": Ruinen weisen in die Zukunft Fotos
John Mallison

Niemand konnte die Erfolgsgeschichte des Berliner Festivals "Tanz im August" vorhersehen. Jetzt feiert es seine 25. Ausgabe - mit einem Rückblick auf die eigenen Anfänge und einer Reihe von vielversprechenden jungen Choreografen.

Wir befinden uns im Jahr 1988. Ganz Berlin ist erstarrt. Ganz Berlin? Nein, in einem dunklen Winkel West-Berlins, nahe der Mauer, bewegt sich etwas: Im kleinen Theater Hebbel am Ufer treffen sich im Sommer 1988 Tanz-Compagnien aus aller Welt zur ersten Ausgabe des Festivals "Tanz im August". Damals ist keinesfalls klar, dass dieses internationale Tanz-Gipfeltreffen, das die Pionierin Nele Hertling so bravourös auf den Weg gebracht hat, zu einer festen Größe im Berliner Kulturkalender werden würde.

Aber dann fällt die Mauer, Europa wächst zusammen, die Neugier auf das Leben und die Kultur der anderen ist groß, die Tanzszenen in Ost und West werden nach und nach zu einer gesamteuropäischen (mit Anbindung an Nordamerika, wo der Postmodern Dance seinen Ursprung hat). Berlin hat bald auch selbst eine Tanzszene zu bieten, endlich, und das Festival "Tanz im August" bringt jedes Jahr aufs Neue alle zusammen.

Ein Vierteljahrhundert ist seit den Anfängen des Festivals vergangen. Das Jubiläum warf bereits im vergangenen Jahr seine Schatten voraus: Rechtzeitig vor dem großen Fest bemängelten einige Kritiker, das Programm werde immer beliebiger, und da in Berlin inzwischen sowieso das ganze Jahr über Tanztheater-Compagnien aus aller Welt gastierten, sei das Festival möglicherweise sogar überflüssig.

Der Körper selbst wird zum Kunstwerk

Unsinn, widerspricht Bettina Masuch, die Kuratorin der Jubiläumsausgabe. "Es gibt beim Tanz ja keinen Status quo, auf dem man sich ausruhen kann, die Szene und die Künstler entwickeln sich immer weiter." Masuch, 48, war bereits von 2003 bis 2009 Tanzkuratorin am HAU; als alleinige Kuratorin soll sie der 25. Ausgabe von "Tanz im August" wieder zu einem schärferen Profil verhelfen. Ein persönlicher Blick soll erkennbar werden. Masuchs Blick geht in zwei Richtungen: zurück und nach vorn. Zurück zu den Anfängen des Festivals - die Kuratorin hat Künstler von damals eingeladen, die heute Legenden sind, wie Trisha Brown mit ihrer Company oder Steve Paxton, der seine Choreografie "Bound" von 1982 mit dem jungen Tänzer Jurij Konjar neu einstudiert hat. Masuch sieht darin eine Art Trend: "Der zeitgenössische Tanz hat sich lange vom Ballett abgegrenzt unter dem Motto, die sind das Museum, wir sind die Feier des Moments und des Flüchtigen." Mit dem Älterwerden der Choreografen und einem größeren Selbstbewusstsein der Szene habe sich das geändert: "Die Meister denken darüber nach, wie sie ihr Erbe weitergeben können, auch ans Publikum."

Die Neueinstudierung alter Arbeiten mit jungen Tänzern ist eine sehr traditionelle Form, sein künstlerisches Erbe weiterzugeben - es bleibt aber die lebendigere und bessere Lösung, solange das Medium Film nicht kreativ eingesetzt wird, sondern Tanzabende zu Dokumentationszwecken schlicht und einfallslos abgefilmt werden. Kreativer macht es David Michalek in "Slow Dancing", einer Videoinstallation, die im Rahmen von "Tanz im August" auf dem Gendarmenmarkt zu sehen sein wird: Er hat Drei-Minuten-Solos verschiedener Tänzer mit Super-Slow-Motion aufgenommen und zeigt sie zerdehnt auf acht Minuten. Der Körper selbst wird so zum Kunstwerk. "Das ist faszinierend", sagt Bettina Masuch, "man kann jede Muskelzuckung im Detail nachverfolgen."

Gegen die Arroganz der Avantgarde

Damit die 25. Ausgabe von "Tanz im August" kein lebendes Museum wird, hat Masuch auch nach vorn geblickt - viele der jungen Choreografen, die beim Festival dabei sind, kommen aus Afrika, Asien und Südamerika. Das sei aber kein Verzweiflungsakt, sagt die Kuratorin. "Es gibt auch in Europa immer noch genug Neues zu entdecken", sagt sie, "aber ein Festival kann sich heute die Arroganz, den zeitgenössischen Tanz allein aus westlich-europäischer Sicht zu definieren, gar nicht mehr leisten."

Viele der jungen Choreografen "aus dem globalen Süden" seien zwar in Europa ausgebildet, gingen dann aber in ihre Heimatländer zurück. "Dort verbinden sie das, was wir unter zeitgenössischem Tanz verstehen, mit ethnografischen oder folkloristischen Elementen. Sie nehmen Bezug auf ihre lokalen Traditionen und ihre Geschichte, die ja häufig eine traumatische ist", sagt die Kuratorin. Faustin Linyekula aus dem Kongo ist einer der jungen Stars in ihrem Programm. "Er führt uns, dem europäischen Publikum, mit sehr zeitgenössischen Mitteln das Bild eines anderen Afrika vor Augen."

Linyekula mag die Zukunft des Tanzes sein, aber der Weg dorthin führt über die Vergangenheit: In seiner Choreografie "Drums and Digging" begibt sich der Choreograf in das Dorf seiner Kindheit und zum Palast des früheren kongolesischen Diktators Mobutu Sese Seko. Er ist heute eine Ruine.


Tanz im August, 16.-31.8., Berlin im HAU und anderswo, Tel. 030/25 90 04 27.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. So ein qualitätsloser willkürlicher quatsch
brainwayne 14.08.2013
Einerseits diese superschlechten Choreographen, die glauben, durch ihre verenkungen irgendetwas aussagen zu können, andererseits diese Volldeppen, die sich das angucken und so tun, als hätten sie gerafft, was die verenkungen sollen. JEDER von euch affen braucht zumindest ein programmführer und texte zu der choreographie um überhaupt zu kapieren, was die deppen auf der bühne darstellen wollen - Ist doch ein wenig suspekt, von irgenwelchen geschichten, die erzählt werden zu schreiben und gleichzeitig auf der bühne willkürlich hampelnde Leute zu sehen, von denen die meisten auch noch tiefe psychosen haben... Lol - Wim Wenders Pina ist eben aus diesem Grund auch einer der beschissensten filme überhaupt. So ein aufgebauschter dummer mist, das Ganze!
2. so ist es
Cube1974 14.08.2013
Zitat von brainwayneSo ein aufgebauschter dummer mist, das Ganze!
Mann hätte ein wenig am Vokabular arbeiten können. Aber ich muss diesem Kommentator zustimmen. Punkt.
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