Tanzstar Sidi Larbi Cherkaoui Bruce Lee in Babylon

Sidi Larbi Cherkaoui ist Mann, Choreograf, schwul, Belgier, Sohn eines Immigranten. So lautet seine Selbstbeschreibung. Ein Dokumentarfilm zeichnet nun den Weg des 34-Jährigen nach: vom Michael-Jackson-Imitator zu einem der wichtigsten Künstler der Tanzszene.

Multitalent Sidi Larbi Cherkaoui: Ernsthafter Künstler mit einem Hang zur Kontemplation
Koen Broos

Multitalent Sidi Larbi Cherkaoui: Ernsthafter Künstler mit einem Hang zur Kontemplation


Der Mann ist ein Multitalent. Er kann zeichnen, singen, mindestens drei Sprachen, fließend natürlich, er kann tanzen und choreografieren. Das vor allem. Aber will man das wirklich sehen, 60 Minuten lang? Einen Künstler, dem alles zu gelingen scheint, der offenbar keine Blockaden kennt?

Die Antwort heißt: Ja, unbedingt. Denn der gefeierte belgische Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui, 34, ist kein eitler Selbstdarsteller, sondern ein ruhiger, nachdenklicher, ernsthafter Künstler mit einem Hang zur Kontemplation. Er spricht, den Blick oft weit in die Ferne gerichtet, als habe er direkt davor meditiert. So gibt er in der Dokumentation "Sidi Larbi Cherkaoui - rêves de Babel" von Don Kent und Christian Dumais-Lvowski Auskunft über sein Leben und seine Kunst. Und dabei wird schnell klar: Der Mann musste schon sehr genau wissen, was er will, um sich seinen Platz zu erobern unter den wichtigsten, innovativsten Choreografen der internationalen Tanzszene.

Cherkaoui wuchs am Rand von Antwerpen auf; sein Vater war ein marokkanischer Immigrant, die Mutter Belgierin. Es war nicht das Milieu, in dem man mit den Kindern ins Theater geht, geschweige denn ins klassische Ballett. Seinen ersten Kontakt zur Kunst der Choreografie hatte Cherkaoui über das Fernsehen: Er liebte die Kung-Fu-Filme mit Bruce Lee und sah sich Musikvideos an. Diese Einflüsse sind noch heute in seinen Bewegungen zu erkennen. Als Teenager wurde Cherkaoui, noch ohne jegliche Tanzausbildung, für das belgische Fernsehen als Background-Tänzer entdeckt; die Autoren von "Rêves de Babel" haben Ausschnitte von diesen Auftritten ausgegraben, in denen Cherkaoui als Michael-Jackson-Imitator zu sehen ist - Geburtsstunde eines Stars.

Heiliger Ernst und Selbstironie

Mit enormem Ehrgeiz lernte der Choreograf danach so ziemlich jede Tanzrichtung, für die es Kurse gab, von klassischem Ballett über Flamenco bis zum Breakdance. In den vielen kurzen Werk-Ausschnitten, die in dem Dokumentarfilm über Cherkaoui zu sehen sind, kann man verfolgen, wie er es auf faszinierende Weise schafft, diese Einflüsse in seine Arbeiten aufzunehmen, aber immer zu etwas ganz Eigenem zu machen: vorurteilslos gegenüber allen Kulturen, mal mit heiligem Ernst, mal mit viel Humor und Selbstironie.

Die Autoren des Films begleiten Cherkaoui auch auf der unermüdlichen Suche nach neuen Inspirationen: bei der Arbeit mit einer indischen Kollegin, bei Gesangsproben mit dem A-capella-Chor der Mönche im italienischen Calvi, bei der Entwicklung seines Stückes "Sutra" mit Shaolin-Mönchen in China. Es ist ein Leben in ständiger Bewegung, aber Cherkaoui strahlt darin eine ungeheure Ruhe aus, ein Bei-sich-Sein. Er hat seine Berufung gefunden.

Nur schade, dass der Film abgeschlossen war, bevor Cherkaoui das titelgebende Projekt "Babel" begonnen hat, eine Art Quintessenz seiner Biografie und seiner Schaffensweise. Wer nach dem Film neugierig geworden ist, muss sich "Babel", das im Sommer 2010 entstand, eben live ansehen: Im Februar in Hamburg, im März in Bonn oder Ende April in München. Wie Cherkaoui selbst ist seine Compagnie Eastman nämlich sehr gefragt und ständig unterwegs.


Sidi Larbi Cherkaouis Produktion "Babel" auf Tour in Deutschland: 9.-12.2. Kampnagel Hamburg; 10.+11.3. Theater Bonn, 30.4. Bayerische Staatsoper München.



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