Tarif-Talk bei Anne Will: Streikmonster und Super-Nanny

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Die Macht der gestrengen Lehrerin: Statt Bahn-Chef Mehdorn verhandelte Margret Suckale, Arbeitsdirektorin des Konzerns, bei "Anne Will" mit GDL-Chef Manfred Schell über den Lokführer-Lohn. Eine TV-Sternstunde war's nicht, aber dafür kam Bewegung in die festgefahrene Debatte.

Sie sitzt auf dem Mount Everest, er im Marianengraben. Selbstgefällig grinsend lümmelt er im Sitz, das rechte Bein von ihr weggedreht, den Scheitel von ihr weggekämmt; wenn sie spricht, flieht sein Blick gen Himmel, die Augen rollen unruhig hin und her, als ob sie beim Allmächtigen um Hilfe bitten. Sie dagegen sitzt kerzengerade in einem der roten Designerstühle, die Hände auf die Schenkel gestemmt, das Gesicht regungslos, der Mund verkniffen; selbst wenn sie mit ihm redet, verweigert er ihr meist den Blickkontakt.

Diskutanten Suckale, Schell: "Das ist ungerecht, ungerecht, ungerecht!"
DDP

Diskutanten Suckale, Schell: "Das ist ungerecht, ungerecht, ungerecht!"

Er, das ist Manfred Schell, 64, Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Deutschlands Streikmonster. Schell fordert von der Deutschen Bahn erheblich mehr Lohn für seine Lokführer - und einen eigenen Tarifvertrag. Sein Lieblingswort an diesem Abend ist "ungerecht". Laut Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegießer, der ebenfalls in der Talkrunde sitzt, setzt Schell "Artillerie ein, wo ein Florett reichen würde".

Sie, das ist Margret Suckale, 51, Vorstandsmitglied und Arbeitsdirektorin der Bahn. Sie bietet den streikenden Lokführern 4,5 Prozent Lohnerhöhung, einmalig 600 Euro und zusätzliche Verdienstmöglichkeiten durch Mehrarbeit. Ihr Lieblingswort an diesem Abend ist "konfliktfrei". Verhandlungsexperte Matthias Schranner, einer von Anne Wills Sofa-Gästen, vergleicht sie mit einer "bösen Lehrerin". Schell nennt Suckale manchmal die "Super-Nanny".

"Zweistellig muss es allemal sein"

Anne Will versucht sich angesichts solcher Verhärtungen in Streitschlichtung per Schnellschuss: "Herr Schell, Sie fordern 31 Prozent mehr Lohn für die Lokführer – wären 15 Prozent auch okay?", fragt sie und lächelt versöhnlich. Schell: "Zweistellig muss es allemal sein, das Verhandlungsergebnis." Will: "Aha, und zehn Prozent?" Schell: "Da wird's schon schwieriger." Tatsächlich wären 10 bis 15 Prozent ein Angebot, mit der die GDL nach Meinung vieler zufrieden wäre.

"Frau Suckale, zehn Prozent, damit könnten sie die ganze Bundesrepublik entlasten…", ermuntert Will in Richtung Bahn-Vorstand. Doch Suckale geht darauf nicht ein. Die Bahn biete doch unterm Strich zehn Prozent, sagt sie. Nur dass die sich eben aus verschiedenen Faktoren zusammensetzen – die sie prompt noch einmal aufzählt. Die Kamera schwenkt hinüber zu Schell: Er gähnt, rollt mit den Augen, massiert sich die Stirn, schmatzt erbost, atmet hörbar aus.

Dann poltert er zurück: Das Angebot der Bahn sei eine Nullsummenrechnung – die Lokführer müssten für die zehn Prozent der Bahn zwei Stunden mehr arbeiten. Suckale wiederholt, dass man eine Berufsgruppe nicht einfach so aus dem Tarifvertrag herauslösen kann. Schell grollt, "das ist ungerecht, ungerecht, ungerecht! Höchst ungerecht!" Bei der Bahn herrsche "Staatssozialismus", die Lokführer würden seit 1994 nicht nach Leistung bezahlt. Die Kamera schwenkt über die Zuschauerreihen, sichtbare Anstrengung auf den Gesichtern im Publikum.

Geiselnehmer Schell

Schell stänkert – Suckale blockt, so geht das hin und her. Immer wieder werden mittlerweile altbekannte Argumente heruntergenudelt. Peinlich wird es immer dann, wenn Suckale mehr schlecht als recht versucht, Verständnis für die Lokführer zu zeigen. Als sie mit versteinerter Miene beteuert, die seien "wirklich eine tolle Berufsgruppe", sie fahre "gern bei ihnen mit", fegt es Schell vor gespielter Erschütterung fast vom Stuhl.

Wills übrige Talk-Gäste versuchen derweil, mit ebenso abgestandenen Phrasen zu vermitteln: Tarif-Mediator Kurt Biedenkopf (CDU) ermuntert die Streithammel väterlich, sich auf die Einigungen des Vermittlungsausschusses zu besinnen. Kannegießer erläutert Möglichkeiten, Tarifverträge nach Berufsgruppen zu differenzieren, ohne den tariflichen Rahmen gleich zu sprengen.

Etwas Frische versprühen lediglich die Prognosen des Verhandlungsexperten Matthias Schranner. Der bezeichnet Manfred Schell indirekt als Geiselnehmer, indem er Suckale den Rat gibt, in der emotional aufgeladenen Debatte nicht allzu rational zu argumentieren. Wenn man mit einem Geiselnehmer verhandelt, würde es einem schließlich auch nicht helfen, ihm zu sagen: "Sehen Sie, ich habe Recht, Sie dürfen die Geisel nicht erschießen." Den Geiselnehmer selbst sieht er kurz vor der Kapitulation: "Wenn Herr Schell diese Woche nicht zum Abschluss kommt, dann verliert er sein Gesicht", unkt Schranner.

Tatsächlich kann Schell seine Politik der totalen Blockade kaum aufrechterhalten. Ihm bleiben nur zwei Möglichkeiten: totale Eskalation durch einen unbefristeten Streik oder die Rückkehr an den Verhandlungstisch. Deshalb wird es zumindest gegen Ende der Sendung für einen ganz kurzen Moment spannend. Ohne neues Angebot lädt Suckale Schell zu neuen Verhandlungen ein. "Wir kriegen das gelöst", verspricht sie. Schell sagt, er sei verwirrt über "diese unheimliche öffentliche Spontanität", schließt das Angebot aber nicht aus. Im an die Sendung angeschlossenen Internet-Chat hat er dann zugesagt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
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1. Streikmonster
sukowsky 19.11.2007
In der Bibel steht schon, beim Dreschen ( Arbeiten) soll man den Ochsen (Lokführer) nicht das Maul verbinden (höheren Lohn vorenthalten)!
2. geiselneahme
twilight 19.11.2007
wenn herr schell der geiselnehmer ist - wer ist denn dann die geisel? die bahn? die bundesrepublik? herr mehdorn?
3. Wie du mir, so ich nicht dir
wm2006 19.11.2007
Also das sind schon sehr seltsame Ansichten von Frau Suckale: Als ob es in einem Unternehmen nicht verschiedene Berufsgruppen gibt, die höchst unterschiedlich verdienen, die zwar alle 40 Stunden und mehr arbeiten, aber die Putzfrau kriegt nicht dasselbe wie der Vorstand (auch wenn der Zeiteinsatz derselbe ist), dazwischen gibt es zig Berufe (Sachbearbeiter, Facharbeiter, Ingenieure, Teamleiter usw.), die alle unterschiedlich verdienen. Nur die Lokführer dürfen das nicht. Nun fordert ausgerechnet ein Unternehmer einheitliche Bezahlung für alle. Man soll ja nicht ausscheren, weil das störe den Betriebsfrieden. Das ist so billige Taktik, die beschämt ja geradezu die Intelligenz der Unternehmer. Mir scheint, dass Unternehmer von den anderen fordern, was sie selbst nicht halten wollen. Flexibilität von den Angestellten in allen möglichen Belangen, aber Flexibilität in der Tarifautonimie bitte schön nicht. So geht das nicht.
4. Streikmonster
mrmuffin 19.11.2007
Hier war zu spüren, dass beide Seiten sehr nahe am realen Unwohlsein waren. Es waren keine dem Rang entsprechenden Managerqualitäten zu verspüren. Und wenn dann Uneinigkeit über schriftliche ( der Mediatoren Vorschlag) Fakten herrscht, sollte man beide Parteien in ein Konzil schicken und so lange warten , bis weißer Rauch aufsteigt.
5. Herr Mehdorn schadet potentiellen Investoren
wm2006 19.11.2007
Zitat von mrmuffinEs waren keine dem Rang entsprechenden Managerqualitäten zu verspüren ...
Das sehe ich genauso. Wofür bekommt Frau Suckale eigentlich 140.000 Euro pro Monat, Herr Mehdorn mehrere Millionen pro Jahr? Für die Unfähigkeit, Konflikte zu lösen? Exorbitante Managergehälter werden doch immer damit begründet, dass besondere Fähigkeiten für das Führen einen Unternehmens vonnöten sind, die (vermeintlich, man will seine eigene Kaste ja abschotten) nicht an jeder Ecke zu kriegen sind. Sind nicht auch Konfliktlösungskompetenz, Kompromissfähigkeit, Flexibilität unabdingbare Managertugenden? Herr Mehdorn schadet mit seiner sturen, verbohrten, halsstarrigen Kompromisslosigkeit im Übrigen auch potentiellen Inverstoren. Denn wenn ich als Investor sehe, wie kompromislos er ist, dann wird er, wenn ich als Investor unternehmerische Wünsche an ihn herantrage, mich wahrscheinlich ebenso kompromisslos abbügeln. Das will ich als Investor nicht. Oder er ist (wenn ich die Mehrheit habe) sein Job los.
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