Von Stefan Schultz
Sie sitzt auf dem Mount Everest, er im Marianengraben. Selbstgefällig grinsend lümmelt er im Sitz, das rechte Bein von ihr weggedreht, den Scheitel von ihr weggekämmt; wenn sie spricht, flieht sein Blick gen Himmel, die Augen rollen unruhig hin und her, als ob sie beim Allmächtigen um Hilfe bitten. Sie dagegen sitzt kerzengerade in einem der roten Designerstühle, die Hände auf die Schenkel gestemmt, das Gesicht regungslos, der Mund verkniffen; selbst wenn sie mit ihm redet, verweigert er ihr meist den Blickkontakt.
Er, das ist Manfred Schell, 64, Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Deutschlands Streikmonster. Schell fordert von der Deutschen Bahn erheblich mehr Lohn für seine Lokführer - und einen eigenen Tarifvertrag. Sein Lieblingswort an diesem Abend ist "ungerecht". Laut Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegießer, der ebenfalls in der Talkrunde sitzt, setzt Schell "Artillerie ein, wo ein Florett reichen würde".
Sie, das ist Margret Suckale, 51, Vorstandsmitglied und Arbeitsdirektorin der Bahn. Sie bietet den streikenden Lokführern 4,5 Prozent Lohnerhöhung, einmalig 600 Euro und zusätzliche Verdienstmöglichkeiten durch Mehrarbeit. Ihr Lieblingswort an diesem Abend ist "konfliktfrei". Verhandlungsexperte Matthias Schranner, einer von Anne Wills Sofa-Gästen, vergleicht sie mit einer "bösen Lehrerin". Schell nennt Suckale manchmal die "Super-Nanny".
"Zweistellig muss es allemal sein"
Anne Will versucht sich angesichts solcher Verhärtungen in Streitschlichtung per Schnellschuss: "Herr Schell, Sie fordern 31 Prozent mehr Lohn für die Lokführer – wären 15 Prozent auch okay?", fragt sie und lächelt versöhnlich. Schell: "Zweistellig muss es allemal sein, das Verhandlungsergebnis." Will: "Aha, und zehn Prozent?" Schell: "Da wird's schon schwieriger." Tatsächlich wären 10 bis 15 Prozent ein Angebot, mit der die GDL nach Meinung vieler zufrieden wäre.
"Frau Suckale, zehn Prozent, damit könnten sie die ganze Bundesrepublik entlasten…", ermuntert Will in Richtung Bahn-Vorstand. Doch Suckale geht darauf nicht ein. Die Bahn biete doch unterm Strich zehn Prozent, sagt sie. Nur dass die sich eben aus verschiedenen Faktoren zusammensetzen – die sie prompt noch einmal aufzählt. Die Kamera schwenkt hinüber zu Schell: Er gähnt, rollt mit den Augen, massiert sich die Stirn, schmatzt erbost, atmet hörbar aus.
Dann poltert er zurück: Das Angebot der Bahn sei eine Nullsummenrechnung – die Lokführer müssten für die zehn Prozent der Bahn zwei Stunden mehr arbeiten. Suckale wiederholt, dass man eine Berufsgruppe nicht einfach so aus dem Tarifvertrag herauslösen kann. Schell grollt, "das ist ungerecht, ungerecht, ungerecht! Höchst ungerecht!" Bei der Bahn herrsche "Staatssozialismus", die Lokführer würden seit 1994 nicht nach Leistung bezahlt. Die Kamera schwenkt über die Zuschauerreihen, sichtbare Anstrengung auf den Gesichtern im Publikum.
Geiselnehmer Schell
Schell stänkert – Suckale blockt, so geht das hin und her. Immer wieder werden mittlerweile altbekannte Argumente heruntergenudelt. Peinlich wird es immer dann, wenn Suckale mehr schlecht als recht versucht, Verständnis für die Lokführer zu zeigen. Als sie mit versteinerter Miene beteuert, die seien "wirklich eine tolle Berufsgruppe", sie fahre "gern bei ihnen mit", fegt es Schell vor gespielter Erschütterung fast vom Stuhl.
Wills übrige Talk-Gäste versuchen derweil, mit ebenso abgestandenen Phrasen zu vermitteln: Tarif-Mediator Kurt Biedenkopf (CDU) ermuntert die Streithammel väterlich, sich auf die Einigungen des Vermittlungsausschusses zu besinnen. Kannegießer erläutert Möglichkeiten, Tarifverträge nach Berufsgruppen zu differenzieren, ohne den tariflichen Rahmen gleich zu sprengen.
Etwas Frische versprühen lediglich die Prognosen des Verhandlungsexperten Matthias Schranner. Der bezeichnet Manfred Schell indirekt als Geiselnehmer, indem er Suckale den Rat gibt, in der emotional aufgeladenen Debatte nicht allzu rational zu argumentieren. Wenn man mit einem Geiselnehmer verhandelt, würde es einem schließlich auch nicht helfen, ihm zu sagen: "Sehen Sie, ich habe Recht, Sie dürfen die Geisel nicht erschießen." Den Geiselnehmer selbst sieht er kurz vor der Kapitulation: "Wenn Herr Schell diese Woche nicht zum Abschluss kommt, dann verliert er sein Gesicht", unkt Schranner.
Tatsächlich kann Schell seine Politik der totalen Blockade kaum aufrechterhalten. Ihm bleiben nur zwei Möglichkeiten: totale Eskalation durch einen unbefristeten Streik oder die Rückkehr an den Verhandlungstisch. Deshalb wird es zumindest gegen Ende der Sendung für einen ganz kurzen Moment spannend. Ohne neues Angebot lädt Suckale Schell zu neuen Verhandlungen ein. "Wir kriegen das gelöst", verspricht sie. Schell sagt, er sei verwirrt über "diese unheimliche öffentliche Spontanität", schließt das Angebot aber nicht aus. Im an die Sendung angeschlossenen Internet-Chat hat er dann zugesagt.
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