Neueröffnung der Tate Modern Turmbau zu Tate

Das meistbesuchte Museum für moderne Kunst, Tate Modern in London, eröffnet seinen spektakulären Anbau. So kann Kunst funktionieren.

Iwan Baan

Von , London


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Was ist das Geheimnis dieses Museums?

Es ist Mittagszeit, und vor den Eingangstüren der Tate Gallery of Modern Art sitzen laut schwatzende Schulkinder auf dem Boden und essen Pausenbrote. Liebespaare treffen sich hier zum Date. Passanten suchen in der Eingangshalle vielleicht nur Schutz vor dem Londoner Platzregen - und betrachten dann doch die neue Baumskulptur von Ai Weiwei. Hier wird gelebt, die Menschen treten in Kontakt mit zeitgenössischer Kunst.

Wie schafft die Tate das nur?

Als die Tate Modern vor 16 Jahren öffnete, veränderte sie die Kunstrezeption in Europa. Nicht nur dass Großbritannien nun etwas hatte, das mit dem Centre Pompidou in Paris und dem Museum of Modern Art (MoMA) in New York mithalten konnte. Die Tate Modern brach alle Besucherrekorde und wurde zum weltweit meistbesuchten Museum für moderne Kunst.

Sie war ursprünglich konzipiert für zwei Millionen Besucher, doch schnell wurde klar, dass das umgebaute Kraftwerk an der Themse eine Erweiterung brauchen würde - im letzten Jahr zählte die Tate mehr als fünf Millionen Besucher. Die Tate hatte Bankside mit seinem verwahrlosten Kraftwerk zudem zu einem boomenden, lebendigen Stadtteil gemacht. Neun Jahre und 328 Millionen Euro später ist der Erweiterungsbau der Tate fertig, am Freitag wird er offiziell eröffnet.

Es ist ein eigenwilliges Gebäude, das sich an die alte Tate schmiegt. In sich verdreht windet sich ein pyramidenartiger Turm zwischen gläsernen Wohn- und Geschäftsgebäuden am nördlichen Rand des Bezirks Southwark empor, die Fassade aus versetzt gestapelten Backsteinen, mit nur schmalen Fensterschlitzen. Kein Glas, kein Glamour.

Entworfen haben diese Festung für die Kunst die Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron, die auch schon die alte Tate gestaltet hatten. Zwei umgebaute Öltanks des ehemaligen Umspannwerks bilden das Fundament des "Switch House", darüber zogen die Architekten zehn Stockwerke mit Ecken und Kanten empor.

Eine Brücke durch die Turbinenhalle der Tate Modern verbindet alt und neu
DPA

Eine Brücke durch die Turbinenhalle der Tate Modern verbindet alt und neu

Innen ist der alte Teil des Gebäudes, der nun "Boiler House" genannt wird, über eine Brücke mit dem neuen Teil, dem "Switch House", verbunden. Das neue Interieur ist schlicht, luftig, zurückhaltend - ein wenig moderner als das "Boiler House".

Das Material wirkt authentisch und reduziert, die Wände sind aus grobem Sichtbeton, die Böden aus unversiegeltem Eichenholz. Auf vier der zehn Etagen, verbunden durch elegant geschwungene Treppen aus Beton, hat die Tate nun 60 Prozent mehr Platz für Kunst seit den Sechzigerjahren. Darüber befinden sich Studios für Events, Büros, ein Restaurant und eine Lounge für Tate-Mitglieder. Auf einer Terrasse im zehnten Stockwerk blickt der Besucher dann über die Themse auf St. Paul's Cathedral und die Londoner Skyline.

Rezeption ohne Hürden

"Wir eröffnen nicht nur eine Erweiterung, sondern eine neue Tate Modern", sagt Direktor Nicholas Serota, "wir werfen einen neuen Blick auf die Welt." Der Anbau solle Platz schaffen für Kunstformen, die bislang kaum abgebildet wurden: mehr Performances, mehr Film, mehr interaktive Kunst. Während sich das "Boiler House" der alten Tate bislang überwiegend auf Gemälde und Skulpturen aus Großbritannien, Nordamerika und Westeuropa beschränkte, werden nun in den umgestalteten Öltanks Performances gezeigt.

Eine Neuerung hat auch in der Leitung stattgefunden: Die 57-jährige Kunstexpertin Frances Morris, die seit 16 Jahren als Kuratorin an der Tate Modern arbeitet, ist in die Riege der mächtigsten Museumsdirektoren aufgestiegen und nun Chefin von 500 Mitarbeitern.

"Die Welt hat sich verändert. Auch unsere Sammlung musste sich verändern, einen neuen Blick auf die Welt werfen", sagt Morris. Sie war es, die in den letzten zehn Jahren den Fokus des Museums auf internationale Neuerwerbungen lenkte. Die Tate beherberge nun Werke von 300 Künstlern aus 50 Ländern. "Wir wollten außerdem facettenreicher werden, mehr Fotografie, Film und Performance zeigen."

Zur Person
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    Kunstexpertin Frances Morris, 57, ist gebürtige Londonerin. Vor 30 Jahren kam sie zur Tate, mit der Eröffnung der Tate Modern wurde sie dort Kuratorin und betreute in den letzten zehn Jahren die Ankäufe an neuer internationaler Kunst. Als neue Direktorin der Tate Modern will sie die Geschichte moderner Kunst ungewöhnlicher erzählen als andere. Neue Schwerpunkte will sie mit Werken aus Fotografie, Film und Performances setzen, für deren Aufführung der Neubau umgestaltete Öltanks vorsieht. 

Und mehr Frauen: Im Jahr 2000 stammten etwa 17 Prozent der Werke von Künstlerinnen, das "Switch House" verschreibt sich der Parität. Dass die Qualität leiden könnte, wenn man versucht, die Ungleichbehandlung statistisch zu lösen, sieht Morris nicht: "Überall auf der Welt gibt es starke Arbeiten von Frauen. Es sind keine schlechteren, nur sind sie vielleicht weniger bekannt."

Ein ganzer Raum ist etwa der Rumänin Ana Lupas gewidmet, die in ihrem Langzeitprojekt "Feierlicher Prozess" die Strohskulpturen transsilvanischer Dorfbewohner in 21 große Blechbehälter eingeschweißt hat. Ein weiterer Raum zeigt die skulpturalen Körper-Extensionen von Rebecca Horn. Zu sehen sind unter anderem auch Werke von Louise Bourgeois, Marina Abramovic, Phyllida Barlow, Jane Alexander, Daria Martin oder Sirkka-Liisa Konttinen.

Studio für Events im sechsten Stockwerk: Alles bleibt minimalistisch
SPIEGEL ONLINE

Studio für Events im sechsten Stockwerk: Alles bleibt minimalistisch

Die von Kunsthistorikern oft gescholtene thematische Hängung der Werke behält die Tate weiterhin bei, sowohl in den umgestalteten alten als auch den neuen Ausstellungsräumen. Die neuen Galerien beschäftigen sich mit Themen wie "Zwischen Objekt und Architektur" oder "Lebendige Städte". Chronologie spielt hier nicht die größte Rolle, ein Umstand, der die Aufmerksamkeit des Publikums auf Inhalte lenkt.

Sämtliche Beschriftungen wurden neu formuliert, in einem Ton, der sicherstellt, dass sich der Leser nicht klein fühlt vor dem großen Werk. "You don't have to like all art", steht etwa auf einem Schild in der "Starter"-Galerie. Neben einem digital geschaffenen Werk von Gerhard Richter steht die Frage "What has happened to the role of the artist?", eine andere Beschriftung fragt zu Wassily Kandinsky "Can you hear music when you look at the painting?".

Es gibt keine intellektuelle Hürde, die Tate zu besuchen, und dazu keine finanzielle. Ein Besuch der Tate Modern bleibt umsonst, sie ist deshalb stets voll mit jungen Leuten.

Die Menschen begegnen sich hier, gehen in der Mittagspause schlendern, oder kommen für nur ein Kunstwerk. In der Zukunft soll hier noch mehr gelernt und geforscht werden, und die ersten Besucher, die schon am Tag vor der Eröffnung das neue "Switch House" sehen dürfen, sind einige Schulklassen. Sie werden in der riesigen Turbinenhalle um Ai Weiweis neue monumentale Baumskulptur herum fangen spielen.


Zusammengefasst: Die Londoner Tate Gallery of Modern Art ist das weltweit meistbesuchte Museum für zeitgenössische Kunst. Am Freitag wird nach neun Jahren Bauzeit der neue Anbau eröffnet, den die Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron entworfen haben. Die neue Direktorin Frances Morris möchte diesen Platz für mehr Fotografie, Film und Performance nutzen.



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