Tatort ARD Schleichwerbung beim Krimi-Klassiker

Erst "Marienhof" und "In aller Freundschaft", jetzt auch noch der "Tatort", der Deutschen liebste Krimisendung. Für die Kieler Ausgabe des Unterhaltungsformats soll ein Studio-Hamburg-Geschäftsführer Schleichwerbung geplant haben. Beim SWR wurde in gleich drei "Tatort"-Krimis heimlich geworben.


Hamburg - Entlassungen, Abmahnungen, interne Untersuchungen: Die Produktionsfirma Bavaria und die ARD, deren Sender MDR, SWR, WDR und BR an dem Traditionsunternehmen beteligt sind, kommen aus den Skandalmeldungen gar nicht mehr heraus.

Zuletzt war Bavaria-Chefmanager Thilo Kleine ins Visier geraten. Der umtriebige Medienentrepreneur hatte große Pläne - vom Aufkauf europäischer Studios bis zur Gründung des Privatsenders Loft-TV. Jetzt droht ihm der Rausschmiss, nachdem in der Aufsichtsrats- und Gesellschaftersitzung vom 1. Juli WDR-Intendant Fritz Plietgen und sein SWR-Kollege Peter Voß bereits seine sofortige Ablösung in Erwägung zogen.

Anders als Kleine, der bislang nur vorläufig suspendiert wurde und dessen Fall morgen in der Bavaria-Gesellschafterversammlung weiter verhandelt wird, hat sich die Produktionsfirma Studio Hamburg von einem ihrer Geschäftsführer getrennt, weil dieser versucht habe, Schleichwerbung in einem Kieler "Tatort" zu platzieren. Dies gab die Firma heute bekannt. Laut Studio Hamburg handelt es sich um Frank Döhmann, seit Anfang des Jahres als Geschäftsführer in dem Unternehmen tätig. Er soll bei einer Lottogesellschaft angefragt haben, ob sie eine "finanzielle Zuwendung" bei dem bereits fertig gestellten "Schattenhochzeit" (Sendetermin März) leisten wolle.

Döhmann habe dabei gegen den Rat der zuständigen Produzentin und seines Mitgeschäftsführers gehandelt. "Allein der Versuch reicht aus, um hier mit allen Mitteln durchzugreifen", sagte Martin Willich, Vorsitzender der Geschäftsführung von Studio Hamburg. "Hier hat jemand versucht, außerhalb der Firma einem Dritten gegenüber ein Angebot zu machen, das er nicht machen durfte."

Nach Angaben der Bavaria Film sind außerdem bislang in drei "Tatort"-Krimis des Südwestrundfunks (SWR) verbotene Themenplatzierungen betrieben worden. Aus dem Film "Bienzle und der Sizilianer" (am 24. Juli in der ARD) habe man deshalb die kritischen Stellen entfernt, erklärte heute ein Sprecher der Produktionsfirma. Der SWR teilte mit, dass die beiden anderen "Tatort"-Filme "Taximord" und "Bienzle und der Tod im Teig" bereits gesendet worden seien und für weitere Ausstrahlungen nun nachbearbeitet werden müssten.

Die Bavaria ist zu 49 Prozent an der für den SWR-"Tatort" verantwortlichen Produktionsfirma Maran beteiligt. Die in Baden-Baden ansässige Firma habe für die Werbung in "Bienzle und der Sizilianer" 21.750 Euro kassiert.

Wie die "Stuttgarter Nachrichten" heute meldeten, habe der Schauspieler Walter Schultheiß in "Bienzle und der Sizilianer" als Hausmeister gemäß Drehbuch von verschiedenen Heizmethoden gesprochen. In diesem Zusammenhang habe er den Satz "Mineralöl ist billiger" geäußert. Diese Passage und weitere kurze Textzeilen wurden nun neu vertont, so SWR-Sprecher Wolfgang Utz. Der Bavaria zufolge ist der verantwortliche Maran-Produzent, Michael von Mossner, nicht mehr für die Produktionsfirma tätig.

Auch in der von Maran produzierten Jugendserie "Fabrixx" wurde unerlaubt geworben. Nach SWR-Angaben wurde dort ein Firmenlogo platziert. In dem Film "Ich will laufen - Der Fall Dieter Baumann" soll ein Sportartikelhersteller Geld für die Präsentation seiner Schuhe bezahlt haben.

Wie die dpa meldete, soll Maran rund 98.000 Euro mit Schleichwerbung verdient haben. Staatsminister Willi Stächele (CDU) forderte die Verantwortlichen zu schnellem Handeln auf. Man müsse die Fälle konsequent aufklären und "mit aller Härte" durchgreifen.

Der Präsident der Landesanstalt für Kommunikation (LfK), Thomas Langheinrich, erklärte die Schleichwerbung in der ARD sei besonders schwerwiegend. Man habe Texte in Sendungen gezielt manipuliert. Langheinrich sprach sich dafür aus, dass die Landesmedienbehörden künftig auch die öffentlich-rechtlichen Sender und nicht nur die privaten hinsichtlich Schleichwerbung und Jugendschutz kontrollieren.



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