"Tatort"-Eklat Regisseurin verteidigt Inzest-Krimi

Eine tote Deutschtürkin und Inzest in einer alevitischen Familie spielen die Hauptrollen in einer "Tatort"-Folge. Der Dachverband der Aleviten reagierte umgehend - und erstattete Strafanzeige wegen Volksverhetzung. Jetzt rechtfertigt sich Regisseurin Angelina Maccarone.


Köln/Hamburg - Regisseurin und Drehbuchautorin Angelina Maccarone hat ihre ARD-"Tatort"-Folge "Wem Ehre gebührt" gegen Kritik der Alevitischen Gemeinde Deutschland verteidigt. Wer ihre anderen Filme kenne, wisse, dass ihr daran gelegen sei, ein differenziertes Bild von Minderheiten zu zeichnen, sagte Maccarone am Donnerstag im Deutschlandfunk. Die Proteste hätten sie "kalt erwischt". Es sei ihr völlig fern gelegen, eine Minderheit wie die Aleviten in Aufruhr zu versetzen. Sie habe in dem Film aufzeigen wollen, dass es nicht eine homogene Gruppe von türkischen Migranten gebe, sondern diese sehr differenziert sei.

Szene aus "Wem Ehre gebührt" mit Maria Furtwängler: Scharfe Proteste
NDR

Szene aus "Wem Ehre gebührt" mit Maria Furtwängler: Scharfe Proteste

In dem NDR-Krimi mit Maria Furtwängler in der Rolle der Kommissarin Charlotte Lindholm ging es um Inzest und einen Mord innerhalb einer alevitischen Familie. Der Film hatte scharfe Proteste der Alevitischen Gemeinde Deutschland ausgelöst. Die Aleviten sind eine Religionsgemeinschaft, die vor allem in der Türkei, aber auch in Syrien, im Irak, in Albanien und im Libanon beheimatet ist und zumindest zum Teil im Islam wurzelt - selbst wenn sich viele Aleviten nicht als Muslime begreifen.

Nach Ansicht einiger Vertreter der Gemeinschaft bestätige der Inhalt des "Tatorts" eine alte Unterstellung seitens der sunnitischen Muslime, die Aleviten betrieben in ihren Gemeinden Inzest, indem sie religiöse Rituale gemeinsam mit Frauen und Kindern exerzierten. Die Vorwürfe stammten aus der osmanischen Zeit und hätten die Unterdrückung des Alevitentums zum Ziel gehabt.

Maccarone sagte, dieser historische Inzest-Vorwurf sei ihr neu gewesen. Sie habe im Vorfeld sehr ausführlich recherchiert. "Ich bin nicht auf dieses Vorurteil gestoßen und habe das dann für mich benutzt", fügte sie hinzu. Der Inzest in der "Tatort"-Folge sei zudem in keinster Weise durch die alevitische Religion motiviert und gerechtfertigt. Sie habe extra nach einem Fall gesucht, der in jeder Familie vorkommen könnte und nicht erneut einen Fall von "Ehrenmord" erzählen wollen, der Vorurteile zementiert hätte.

Die Regisseurin betonte zugleich: "Ich breche mir auch keinen Zacken aus der Krone, wenn ich sage, es tut mir wahnsinnig leid." Dennoch finde sie auch die Reaktionen sehr erstaunlich, fügte sie hinzu. Ihren Angaben zufolge wird es Anfang Januar ein Gespräch mit Vertretern der Aleviten geben.

tdo/ddp



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