S.P.O.N. - Der Kritiker Die Logik der Nazi-Räuber

Eine neue "Tatort"-Kommissarin nach einer ermordeten Jüdin zu benennen, um sie als "Heldin wiederauferstehen" zu lassen? Das ist dumm und anmaßend. Wie allerdings die österreichische Justiz mit einem Nachfahren von Nazi-Opfern umspringt, sprengt jede Vorstellungskraft.

Ein Kommentar von


Der Nachhall der Nazis ist manchmal grausam und manchmal grotesk - besonders wenn es um die Rückgabe geraubten Eigentums geht: Opfer werden wieder zu Opfern.

Der Fall Gurlitt hat gezeigt, wie deutsche Staatsanwälte jüdischen Erben ihr Recht vorenthalten, indem sie restriktiv mit Informationen umgehen. Der Fall Templ aber - den die "FAZ" als "Prozess wie bei Kafka" umschrieb - zeigt nun, wie österreichische Gerichte österreichisches Recht gegen jüdische Erben wenden - am 5. April muss Stephan Templ seine dreijährige Haftstrafe wegen schweren Betrugs antreten.

Sein Vergehen: Der Historiker und Publizist Templ wollte für seine Mutter einen berechtigten Erbanteil beim österreichischen Staat einfordern - und gab dabei nicht an, dass seine Mutter noch eine Schwester hat.

Ist das Betrug? Betrug an seiner Tante? Aber warum sollte Templ für seine Tante, die schon seit dreißig Jahren nicht mit seiner Mutter spricht, eine Anfrage stellen? Und Templs Tante hat auch gar nicht geklagt - der österreichische Staat hat geklagt. Und da wird es wirklich abenteuerlich und schockierend.

Templ soll den österreichischen Staat um das Erbe seiner Tante betrogen haben. Falls die ihr Erbe von etwa 500.000 Euro abgelehnt hätte, wäre es an den Staat gefallen. Aber die Tante hat erklärt, ihr Erbe annehmen zu wollen. Case closed?

Im Gegenteil: Der Staat, der ja nie legitimer Eigentümer der in Frage stehenden, einst den Juden geraubten Immobilie war, macht sich weiter, nur theoretisch, selbst zum Geschädigten und baut darauf eine Anklage wegen Betrugs, die zu schweren finanziellen Verlusten für Templ führt und zur dreijährigen Haftstrafe.

Das ist die Logik der Räuber und der eigentliche Skandal: Das Urteil, das Stephan Templ seine Freiheit und sein Erbe kostet, beruht auf einem Gesetz der Leute, die seine Eltern umbringen wollten. Die Nürnberger Rassegesetze von 1936 bieten auch im Jahr 2014 noch tragische Fallstricke.

Die Justiz zerstört Menschen, Erinnerung, Vermögen

Ein Gericht ist nun keine Geschichtskommission - aber wenn das Recht so offensichtlich historisches Unrecht verlängert, besonders in einem Staat, der bis heute die individuelle Gier der Enteignungen beschweigt, der den Austro-Faschismus der Dollfuß-Jahre vor Hitler immer noch beschönigt und der Restitution nur als Gnadenakt gewährt: Dann wirkt es tatsächlich, als wolle sich hier jemand, und sei es der österreichische Staat, an Stephan Templ rächen.

Templ konnte vor Gericht keine eigenen Zeugen laden oder Dokumente präsentieren, weil das Gesetz, das die Rückgabe geraubten Eigentums in Österreich regelt, kein normales Gerichtsverfahren vorsieht. Wie gesagt: Restitution als Gnadenakt. Das ist geschichtspolitisch falsch und rechtsstaatlich verwerflich.

Wie wirr die Menschen werden, wenn es um die Nazi-Zeit geht, sieht man gerade mal wieder in Deutschland auf lächerliche Art und Weise: Da hat sich die "Tatort"-Schauspielerin Margarita Broich für ihre Figur ausgerechnet den Namen einer ermordeten Jüdin ausgesucht. Die neue Frankfurter "Tatort"-Kommissarin heißt Selma Jacobi, benannt nach einer 1854 geborenen Jüdin, die am 8. August 1943 in Theresienstadt ermordet wurde. "Ich wäre glücklich in meinem Grab, wenn auf diese Art und Weise an mich erinnert werden würde", sagte die verantwortliche Leiterin des HR-Fernsehspiels, Liane Jessen, in einer selbst für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten seltenen Mischung aus Anmaßung und Dummheit.

"Wir tun hier etwas Gutes", sagte Jessen weiter, schließlich seien "Tatort"-Kommissare "die modernen Helden unserer Zeit, und wir lassen Selma Jacobi als Heldin wiederauferstehen. Das hätte ihr sicher gefallen."

Die Ignoranz der Menschen sprengt manchmal jede Vorstellungskraft. Die Maßlosigkeit der Justiz aber zerstört Menschen, Erinnerung, Vermögen.

Was Stephan Templ erlebt, ist existentiell. Er wird mit der vollen Härte des Gesetzes verfolgt für etwas, das sich nicht mal Franz Kafka hätte ausdenken können.

"Indem der Nichtigkeitsbewerber ausführt, seine Kenntnis von der Existenz seiner Tante bedeute 'nicht zwingend', dass sie ihm als Anspruchsberechtigte auch aktuell zum Zeitpunkt seiner Antragsstellung präsent war", heißt es in der vorerst letzten Urteilsbegründung, "verkennt er, dass eine Urteilsbegründung nicht auf logisch zwingenden Ableitungen beruhen muss, das Gericht vielmehr berechtigt ist, aufgrund freier Beweisführung gezogener Wahrscheinlichkeitsschlüsse zu Tatsachenfeststellungen zu gelangen."

In den Händen so einer Justiz ist man tatsächlich verloren.

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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
Miguelito 21.03.2014
1. Kafka läßt grüßen
Zitat von sysopEine neue "Tatort"-Kommissarin nach einer ermordeten Jüdin zu benennen, um sie als "Heldin wiederauferstehen" zu lassen? Das ist dumm und anmaßend. Wie allerdings die österreichische Justiz mit einem Nachfahren von Nazi-Opfern umspringt, sprengt jede Vorstellungskraft. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/tatort-kommissarin-selma-jacobi-prozess-gegen-stephan-templ-a-960037.html
Es ist wahrhaft kafkaesk.
micromiller 21.03.2014
2. nazigedankengut ist nicht auszurotten wir erleben
gerade die EU geofoerderte wiederauferstehung in der ukraine.
oliver.twist 21.03.2014
3. Wirrnisse
Da ist erstens irgendein Restitutionsverfahren, zweitens ein Strafverfahren und drittens eine Tatortkommissarin. Alles miteinander vermischt und auch beim zweiten Lesen bleibt alles wirr.
wastl300 21.03.2014
4. Empörend
dieser einseitige Artikel ist nichts anderes als ein loderndes Feuer am brennen zu halten. Es ist Unrecht geschehen, aber die Welt dreht sich nicht nur um das eine Thema. Ich sehe schon die Logik, dass sich Stephan Templ zu Lasten seiner Tante bereichern wollte. Nur weil er ein gestörtes Verhältnis zu ihr hat, darf dies nach A-Recht nicht sein. Seltsame Gesetze und nicht für jeden nachvollziehbare Urteile gibt es auch in D zu Hauf. Aber dieser Artikel ist mehr als nur einseitig Konfus.
clausbremen 21.03.2014
5. Österreich war halt immer ...
... schon etwas 'speziell'. Kann der Mann nicht bis zum EUGH gehen, um Recht zu bekommen ??
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