"Tatort"-Treffen Ein Krimi-Klassiker wird cool

Der Krimi-Klassiker "Tatort" galt lange als biedere Mainstream-Unterhaltung. Doch immer mehr junge Erwachsene, Fernsehskeptiker und Akademiker schwören auf die 35 Jahre alte Sonntagabend-Tante der ARD. In Hamburger Kneipen treffen sie sich zum Mörderjagd-Gucken - Trendforscher sprechen von einem Generationswechsel der Reihe.

Von Timo Hoffmann


Frederike, beste Freundin von Hauptkommissar Bruno Ehrlicher (Peter Sodann), zeigt ihm ein Haus in Leipzig. Gerade hat sie für viel Geld eine Wohnung darin gekauft. Nun muss sie feststellen, dass es eine Ruine ist. Ein Immobilienbetrüger, den er zurzeit überführen will, hat sie abgezockt. Ehrlicher sieht das Horror-Haus und höhnt: "Vielleicht ist ja eine neue Einbauküche drin." In der Hamburger Kneipe "Grüner Jäger" sorgt solch trockener Spott für lautes Gelächter. 70 junge Erwachsene zwischen 20 und 40 Jahren sitzen in dem Club zwischen Schanzenviertel und Reeperbahn auf Sofas, Plastikstühlen und Barhockern. Sie starren auf eine kleine Leinwand - wie an jedem Sonntag, an dem ein "Tatort"-Krimi im Ersten zu sehen ist. Die Folge heißt "Feuertaufe". Die Mitarbeiterin einer dubiosen Immobilienfirma wurde ermordet. Im "Grünen Jäger" ist es nahezu ruhig. Eine umfallende Bierflasche klirrt. Ein Pärchen knutscht. Einige schlürfen Kaffee oder Tee. Andere naschen Pizza. Das Baby einer jungen Frau murrt leise. Die Diskokugeln an der Decke stehen still. Die Tanzfläche ist ein Wohnzimmer.

Die Idee zum öffentlichen Fernsehabend im WG-Stil stammt von dem ehemaligen Stadtplaner Steffen Voß. Als Neunjähriger bekam er von seinen Eltern für jeden "Tatort" eine Ausnahme-Erlaubnis zum Wachbleiben. Heute ist er 36, Inhaber der Studenten-Bar "Grüner Jäger" und noch immer "Tatort"-Fan. Bei den Spielen der Fußball-Europameisterschaft im vergangenen Jahr quetschten sich Menschenmengen vor die Leinwand in seinem Club. Also lud Voß im August zunächst einmal probeweise zum Krimi-Sehen. Prompt kamen unzählige Nachbarn. Inzwischen muss er aufgrund der Nachfrage sonntags eine zweite Leinwand aufbauen - zumindest, wenn ein "Tatort" läuft. Zum Anschauen der einstigen DDR-Serie "Polizeiruf 110" kommen nur halb so viele. "'Tatort' können die meisten mit ihrem coolen Image vereinbaren", erklärt Voß den Erfolg, vor einer Tapete mit Siebziger-Jahre-Muster stehend. "'Tatort' kann ich hier laufen lassen, ohne in die Liga von Ami-Sportbars mit Fernsehern abzurutschen."

"Wie unsere Eltern"

Besucher wie die OP-Assistentin Anna Schaaf, 21, und der Werber Peter Cramer, 37, begründen ihr Kommen mit einem anderen Wort: "Kult". Mit der familienverträglichen TV-Reihe verbinden sie Kindheitserinnerungen. Sie schätzen die Vielfalt durch die 16 verschiedenen Kommissare und ihre Teams. Viele der Gäste gucken eigentlich kaum Fernsehen und besitzen nicht einmal ein eigenes Gerät. Kino ist ihnen zu teuer. Auch die Hamburger Studenten-Kneipen "Nord" und "Pony Bar" haben das erkannt und bitten sonntags inzwischen zum "Tatort"-Treff. Für "Nord"-Inhaber Torsten Wendt, 38, den der berühmte, in James-Bond-Manier inszenierte Vorspann als Kind stets in Angst versetzte, gehört die Sendung fest zum Wochenendplan: "Samstags wird ausgegangen und sonntags 'Tatort' geguckt. Das machen wir wie unsere Eltern. Mit diesem Klischee spielen wir hier."

Eine Fernsehserie als Band zwischen Generationen - möglich ist das nur durch die Tradition der Sendung. Am 5. Juni wird bereits die 600. Folge gezeigt. Die Erfolgsgeschichte der stärksten ARD-Marke begann 1969 im Kölner Stadtwald. Bei einem Spaziergang kam dem damaligen Chef des WDR-Fernsehspiels, Gunter Witte, die Idee, den populären ZDF-Freitagskrimi mit Hilfe der föderalen Struktur der ARD herauszufordern: Jede Länderanstalt sollte einen eigenen Kommissar zu einer Reihe beisteuern. Am 29. November 1970 ging die erste "Tatort"-Folge "Taxi nach Leipzig" mit Walter Richter als Kommissar Trimmel auf Sendung. Bis zu 24 Millionen Zuschauer schalteten in den siebziger Jahren regelmäßig ein. 1974 erreichte die Folge "Nachtfrost" den bis heute höchsten Marktanteil - sagenhafte 76 Prozent.

Den ersten Skandal gab es 1977: Eine 15-jährige Schülerin (Nastassja Kinski) küsste in "Reifezeugnis" 1977 ihren Lehrer (Christian Quadflieg) und zeigte ihre Brust. Moralhüter wie die Tageszeitung "Welt" tobten. Das angesehene US-Blatt "New York Times" lobte dagegen später das "instinktive Schauspieltalent Kinskis" in dem Film. Weiterer Streitfall: 1993 wurde die Ausstrahlung der Folge "Voll auf Hass" nach 40 Minuten wegen Zuschauerprotesten abgebrochen. Skinheads verprügelten darin Türken. Der Solinger Anschlag mit fünf toten Asylbewerbern war gerade wenige Tage her.

Mehr junge Zuschauer 2004

Skandale wurden seltener, doch Gesprächsthema blieben die Filme. 7,7 Millionen Menschen guckten sich die Krimis im vergangenen Jahr im Schnitt an, der Marktanteil betrug 22,4 Prozent. Immer mehr Menschen unter 50 Jahren sehen zu. 2004 betrug ihr Marktanteil 18,3 Prozent - ein Prozent Zuwachs gegenüber 2003. "Es gibt einen Generationswechsel beim 'Tatort'", behauptet der Medienwissenschaftler Eike Wenzel vom Zukunftsinstitut in Kelkheim. "Viele junge Regisseure der Serie haben eine reflektierte, fast ironische Herangehensweise. Das gefällt der jungen Zielgruppe."

Dass diese sich deshalb nun zum wohnlichen Fernsehabend trifft, wundert den Trendforscher Wenzel nicht. Junge Erwachsene zögen heute häufig eine gemütliche, heimelige Unterhaltungsform einer exzessiven Party vor. "Homing" nennen Zukunftsforscher das Phänomen. Einstige Pistenkönige kochten heute lieber, organisierten Spieleabende und kümmerten sich um die eigene Familie. Gründe: Geld ist knapp, der Alltag immer stressiger und die Verunsicherung nach Terroranschlägen groß. "Die Menschen suchen nach neuen Formen im Freizeitverhalten", behauptet Wenzel.

Kommissar Ehrlicher sucht derweil noch immer den Mörder. Es hat eine zweite Leiche gegeben. Ein falsches Geständnis wurde abgelegt. Eine überraschende Familienbeziehung kommt zum Vorschein. Schließlich kann er die Geschäftführerin der Immobilien-Firma überführen. In 4,5 Millionen deutschen Hauhalten übernimmt Polit-Talkerin Sabine Christiansen. Thema: "Fünf Millionen ohne Arbeit - woher kommen neue Jobs?". Im "Grünen Jäger" gucken sich 20 verbliebene Gäste lieber noch einen zweiten Film auf Video an - einen "Tatort" aus den achtziger Jahren mit Hauptkommissar Horst Schimanski.



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