Tattoo-Ausstellung Gezeichnet von Leid und Lust

Die neue Tattoo-Ausstellung im Berliner Museum für Kommunikation soll unter die Haut gehen. Auf 20 Fotos entblößen sich tätowierte und gepiercte Menschen und zeigen damit, wie alltäglich der Körperkult geworden ist.

Von Khuê Pham


Olli L. ist ein provokanter Typ, nackt jedenfalls. Auf seinem Rücken prangt ein riesiges Totemgesicht mit aufgerissenem Maul und scharfen Zähnen. Aber auch von vorne hat der Maschinenbautechniker und Piercer dem Betrachter einiges zu bieten: Sein Bauch schmückt ein "White Trash"-Schriftzug, in seinem Geschlecht steckt ein Genitalpiercing.



Die meisten Leute bekommen Körperschmuck dieser Art nur selten zu sehen, die neue Ausstellung im Berliner Museum für Kommunikation will das ändern. 20 großflächige Fotos von Menschen mit Tätowierungen und Piercings werden hier bis zum 28. Oktober gezeigt, das Projekt heißt "Unter die Haut" und entstand im Zuge einer Studie über Körpermodifizierungen der Frankfurter Psychologin Aglaja Stirn.

Harmlose Normalit ä t

Im Gegensatz zu Insider-Events wie Tattoo Conventions geht es hier um die Alltäglichkeit des Körperkultes. Laut Stirn haben 41 Prozent der Frauen und 29 Prozent der Männer zwischen 15 und 25 Jahren Tätowierungen oder Piercings - von subkultureller Randerscheinung kann keine Rede sein. Überhaupt gibt es Tattoos, solange es Menschen gibt, schiebt Ko-Kurator Dirk-Boris Rödel hinterher, schon Steinzeitmensch Ötzi war tätowiert, Kaiserin Sissi übrigens auch.

Dass es den Ausstellungsmachern weniger ums subversive als ums massenkonforme Potential geht, wird beim Anblick der Porträts schnell klar. Es ist eine schön anzusehende, harmlose Normalität, die sie da mit einem leicht distanzierten Blick zeigen. Die Modelle - größtenteils jung, hip und attraktiv - posieren vor weißer Leinwand; lächelnd präsentieren sie sich dem Zuschauer erst an-, dann ausgezogen. Die Fotos strahlen die sterile Ästhetik einer Hochglanz-Werbekampagne aus, der Gegensatz zur Hardcore-Szene mit Fetisch-Kult und S&M-Praktiken könnte kaum größer sein.

Die verharmlosende Inszenierung reflektiert den Mainstream-Charakter von Tätowierungen und Piercings. Welches modebewusste Girlie hat kein Bauchnabelpiercing, welcher Nachwuchs-HipHopper kein chinesisches Schriftzeichen eingraviert? Auch die Mode-, Werbe- und Filmindustrie bedient sich gern tätowierter Models. Spätestens seit den Tattoo-lastigen Werbekampagnen von biederen Firmen wie Immobilienscout24 oder Wüstenrot sind die früher so anrüchigen Körperverzierungen restlos gesellschaftsfähig.

Rebellion per Bauchnabelpiercing

Dementsprechend sind die in der Ausstellung vorgestellten Modelle Menschen wie du und ich, von der Grundschullehrerin bis zum Einzelhandelskaufmann ist alles dabei. Ihre Biografien und Gedanken zum Thema Körpermodifizierung erfährt der Besucher durch Interviewfragmente, die Stirns Studie entnommen sind.

Auffällig ist, dass alle Porträtierten als Motiv für ihre Piercings und Tattoos ihre Individualität angeben. Groß ist die Sehnsucht nach einer eigenen Identität in Zeiten der schnelllebigen Massenkultur; der Entschluss, den eigenen Körper für die Ewigkeit zu markieren, ist also ein Akt der Selbstbestätigung.

So bezeichnet sich beispielsweise die 25-jährige Studentin Stefani M. aufgrund ihrer Bauchnabel- und Zungenpiercings als "individuell" und "ein bisschen rebellisch". Der anfangs vorgestellte Olli L. beharrt hingegen auf Abgrenzung, denn er will kein Spiegelbild einer Gesellschaft sein, die er "ungesund" findet. Sie als Anhängerin der gepiercten Pseudo-Rebellen, er als Vertreter des exzentrischen Einzelgängers - die Typologie der Tätowierten ist auf den ersten Blick übersichtlich.

Für echte Aha-Erlebnisse sorgen da andere. Der 45-jährige Einzelhandelskaufmann Robert B. verwandelt sich in seinen Porträts auf beeindruckende Weise vom schicken Anzugträger zum Szenetyp samt dreifachem Bauchnabelpiercing und Ganz-Arm-Tattoos. Auch die komplette Transformation eines jungen Paares vom biederen Pärchen zu schrägen Skatertypen verdeutlicht, wie Körpermodifizierungen nicht nur die Haut, sondern den ganzen Menschen verändern können.

Trend nach Innen

Überhaupt, die Haut: Als Grenze zwischen Fleisch und Umwelt markiert sie den Übergang zwischen Subjektivität und Gesellschaft. Dass sozio-kulturelle Einflüsse das Innere des Menschen verändern ist klar. Inwiefern dieser Prozess durch Körpermodifizierungen beeinflusst wird aber weniger. Besonders Frauen versuchen, durch Piercings und Tätowierungen körperbezogene Komplexe zu überwinden, auch entscheiden sie sich öfter als Männer für die schmuckähnlichen Piercings oder dekorative Tattoos wie Blumen oder andere Verzierungen.

Kuratorin Stirn erzählt von einem extremem Beispiel für diese Art von Verhalten: Ihre neueste Studie handelt von Opfern sexuellen Missbrauchs, die sich Genitalpiercings stechen lassen, um die Kontrolle über ihren eigenen Körper zurückzugewinnen. Es ist ein ganz neues Feld in der Forschung, ähnlich unerforscht wie die extremeren Formen von Körpermodifizierung wie künstliche Vernarbungen, Implantate oder sogar Amputationen, die langsam an die Stelle der harmlos gewordenen Tattoos rücken.

Letztlich, dies macht die Berliner Schau deutlich, spiegelt die Popularität von Körperverzierungen einen Trend zum Rückzug in den eigenen Leib wider. Wo früher die Individualität durch materielle Güter oder Kleidung ausgedrückt wurde, spielt heute das eigene Fleisch eine immer größere Rolle. Die Hülle reiche einfach nicht mehr aus, um sein Inneres auszudrücken, sagt Stirn. "Der Körper ist die letzte Instanz des Menschen."


"Unter der Haut", Museum für Kommunikation, Berlin, bis 28. Oktober



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