Tattoo-Kunst Meister des Körperstichs

Seeleute und Hafenarbeiter kamen zu ihm, Politiker und Hausfrauen: Herbert Hoffmann ist Deutschlands ältester Tätowierer und ein Chronist der besonderen Art. Rund 400 seiner Kunden hat der heute 83-Jährige fotografiert und ihre Lebensgeschichten aufgeschrieben. SPIEGEL ONLINE zeigt Bilder seiner Ausstellung.


Hoffmanns ältester Kunde: Franz Kockartz war aus dem Altenheim zu einem Tattoo-Convent gereist
Herbert Hoffmann

Hoffmanns ältester Kunde: Franz Kockartz war aus dem Altenheim zu einem Tattoo-Convent gereist

Nackt steht der alte Mann im Flur, die Hände in die Hüften gestützt. Seine helle Haut ist faltig - eigentlich kein besonders reizvoller Anblick. Der Grund für den Striptease in den eigenen vier Wänden war denn auch kein erotischer: Der 90-jährige Franz Kockartz hatte sich für Herbert Hoffmann ausgezogen, damit dieser ein möglichst starkes Bild seiner unzähligen Tätowierungen machen konnte. Das war 1975 und die ungewöhnliche Foto-Session war nicht die erste dieser Art.

Herbert Hoffmann gilt nicht nur in Tattoo-Kreisen als lebende Legende. Bis vor einigen Jahren führte der heute 83-Jährige Deutschlands ältesten Tätowierladen im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Zu seinen Kunden zählten Seeleute und Hafenarbeiter genauso wie Hausfrauen, Professoren und Politiker. Und Herbert Hoffmann hat sie alle nicht nur tätowiert, sondern auch fotografiert.



Die Faszination für die unauslöschliche Körperkunst einte dabei stets das Modell und den Fotografen. In den so gewachsenen Vertrauensverhältnissen entstanden ganz besondere Bilder. Fremde Menschen luden Hoffmann in ihre Wohnungen ein, stellen sich für ihn in Unterhosen oder auch nackt vor die Kamera - um ihren Körperschmuck zu zeigen. Hoffmann gelang es, seine Modelle - wie Franz Kockartz, der sein ältester Kunde war - stets würdevoll darzustellen. Seine eigene Bewunderung für die Tätowierten findet sich in den Bildern wieder. Sogar Verlierer werden so zu Siegertypen. "Ich zeige den ganzen Menschen", sagt Hoffmann. Für die heutige Fotografie, die nur die einzelnen tätowierten Körperteile zeigt, hat er nichts übrig. "Warum sehe ich nur noch einzelne Arme, Beine und Pobacken?"

Seine große Faszination für die Tattoos begann schon in seiner Jugend. "Ich liebe die Tätowierungen", sagt Hoffmann. Im ländlichen Pommern aufgewachsen, bewunderte er die einfachen Feldarbeiter und Tagelöhner für ihre blaufarbigen Körperstiche. "Ich empfand eine Hochachtung für diese anspruchslosen, arbeitsamen und zufriedenen Menschen", erinnert er sich. Gerne hätte auch er ein Tattoo gehabt, doch die Zeit wollte es anders. In der Nazizeit galt ein Tattoo plötzlich als "entartet" und wurde verboten. Tätowierer kamen ins Konzentrationslager, ihre Studios wurden geschlossen. Vorbei war es mit der bis dahin so lebendigen Tätowier-Kultur.

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs beschloss Hoffmann, zurückgekehrt aus russischer Kriegsgefangenschaft, seine Vorbilder von früher zu suchen. Jeden Tätowierten, den der Handlungsreise von fort an traf, sprach er an. "Ich sagte ihnen einfach, dass ich Tätowierungen liebe und so kam ich mit allen ins Gespräch", sagt Hoffmann. Schon damals begann er, Fotos von den Gleichgesinnten zu machen. Zunächst mit einer gebrauchten Rolleiflex aus dem Pfandhaus, später mit einer Minox, porträtierte er innerhalb von drei Jahrzehnten fast 400 Tätowierte, geboren zwischen 1878 und 1952.

Natürlich bekam auch Hoffmann selbst zu jener Zeit sein erstes Tattoo - heute hat er so viele, dass er sie selbst nicht mehr zählen kann. Zu Erinnerung an einen Freund ließ er sich damals, gerade 30 Jahre alt geworden, Kreuz, Herz und Anker - Glaube, Liebe, Hoffnung - auf seinen Unterarm tätowieren. Parallel dazu entdeckte er sein eigenes Talent für den Hautstich, übte sich an hunderten Interessierten, bis er den Beruf des Handelsvertreters endgültig gegen den des Tätowierers eintauschte. 1961 kaufte er in St. Pauli einen Tätowiersalon. Der damalige "König" der Szene, Christian Warlich, bildete ihn weiter aus. Nach dessen Tod 1965 konnte Hoffmann sein Geschäft unumstritten "Älteste Tätowierstube Deutschlands" nennen.

Auch in dieser Zeit fotografierte Hoffmann weiter, sofern seine tätowierten Kunden einverstanden waren, vor allem aber, wenn er selbst es wollte. Denn Herbert Hoffmann ist ein Mann der Grundsätze. Angetreten, der Tätowierung ihr schmuddeliges Image zu nehmen, führt er bis heute ein tadelloses Leben: Kein Alkohol, kein Zigaretten - Betrunkene wurden von ihm niemals tätowiert.

Das Fotostudio in seinem Tattoo-Salon bestand aus einem schwarzen Vorhang, Stühle und Tische wurden schnell beiseite geschoben. Die Fotoentwicklung und das Anfertigen der Abzüge übernahm Hoffmann selbst. So wuchs seine Sammlung stetig an, und schließlich ergänzte er die Bilder mit biografischen Notizen zu den abgebildeten Personen. Dass eines seiner Bücher "Bilderbuchmenschen" heißt, kommt daher nicht von ungefähr. Hoffmann: "Wir Tätowierten tragen doch alle unzählige Bilder am Körper. Spätestens wenn wir nackt zur Badewanne wandern, sind wir doch alle wandelnde Bilderbücher."




Ausstellung "Bilderbuchmenschen", bis 15. Oktober, Galerie Grauwert, Telemannstraße 27, Hamburg


Fotobuch "Bilderbuchmenschen - tätowierte Passionen 1878 - 1952" von Herbert Hoffmann, Memoria Pulp Verlag, 280 Seiten, 60 Euro



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