Der Schweiß im Newsroom


Gerade in diesen irren Zeiten des Wandels können Journalisten nur eines tun, sagt Chefredakteurin Ines Pohl, nämlich sich auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren: aufdecken, aufklären und die Mächtigen kontrollieren.

Es gibt viele Rituale in der "taz", die Spaß machen. Eines davon ist das tägliche Spiel mit der Schlagzeile, einem Markenkern der "taz", für den viele LeserInnen uns lieben: "Es ist ein Mädchen!" titelte die "taz" bei der ersten Wahl von Merkel und "Gott sei Dank!" beim Rücktritt von Papst Benedikt. Momente, in denen Geschichte geschrieben wurde, und mit dabei - "taz"-Journalismus at its best: Respektlos im klugen Sinne, eine gesellschaftliche Relevanz vermittelnd, die weit über den Moment hinaus weist, eine Haltung transportiert und sie elegant einordnet.

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Heft 32/2013
Die Geburt der modernen Diktatur

Der Tag, an dem die "Washington Post" verkauft wurde, war so ein historischer Moment, ein Tag, der unsere Branche erschütterte. Was bedeutet es für den Journalismus weltweit, dass ausgerechnet jene Zeitung, die wie kaum eine andere für die Kontrolle der Macht und die Vierte Gewalt steht, an Jeff Bezos, den Amazon-Gründer verkauft wurde?

Zwei gute Schlagzeilen hatten wir entwickelt. Im Nachklapp zum großen Springer-Ausverkauf diskutierten wir lange die Grundidee: "Verleger verlieren ihren Glauben". Etwas abgewandelt: "Verleger verleugnen ihre Herkunft". Auch mit dem Begriff "Autoimmunerkrankung" haben wir herumgedoktert.

Die Machtverhältnisse haben sich verkehrt

Mein persönlicher Favorit war die zweite Variante: "Die Revolution frisst ihre Väter". Weil sie das Feld öffnet. Und nicht nur die Verleger ins Visier nimmt und damit zumindest eine indirekte Anklage mitschwingen lässt. Sondern weil sie auf das große Ganze verweist. Es sind ja die Kinder der digitalen Revolution, die ihre bisherigen Wirte fressen.

Schluss mit friedlicher Koexistenz und Symbiose - die Machtverhältnisse haben sich verkehrt, der Wirt wird vertilgt.

Haben die gedruckten Medien viele Jahre ganz selbstverständlich die Kosten der Online-Produkte mitgetragen, greifen diese nun krakenähnlich nach dem heiß umkämpftesten Gut überhaupt: der Aufmerksamkeit, der Zeit, die Menschen investieren, um sich zu informieren. Und würgen so ihre bisherige Lebensader ab.

Wie reagieren wir nun als Journalistinnen und Journalisten - wohlgemerkt nicht als Verleger oder Herausgeber - auf diesen Abgrund, der sich da vor uns auftut, diesen Wandel, bei dem es weder Notausgang noch eine Delete-Taste gibt? Der Milliardär und supererfolgreiche neue "Post"-Besitzer verkündet, man werde künftig noch genauer die Bedürfnisse der LeserInnen ermitteln, um so in naher Zukunft ihre Wünsche maßgeschneidert erfüllen zu können.

Maßgeschneiderter Journalismus? Gruselig.

Bleibt cool!

Der Rotweintrinker bekommt nur noch entsprechende Werbebanner zu Gesicht, der Segler wird mit neuen Navigationsgeräten und der Radler mit neuen Schaltungen umworben. Konsumterror. Aber was heißt denn ein solcher "maßgeschneiderter" Journalismus für die Themensetzung und Diskursgestaltung? Bekommen jene, die mit ihren digitalen Fingerabdrücken hinterlegt haben, dass sie eher konservativ sind, eine Wahlempfehlung für Merkel, um sich gut und bestätigt zu fühlen? Und die Veggi-day-Befürworter stattdessen einen Kommentar, der die Grünen empfiehlt?

Sollte das Wirklichkeit werden, dann sind die Journalisten an ihrem Untergang tatsächlich selber schuld. Denn dann verkaufen sie letztlich ihre eigene Daseinsberechtigung.

Deshalb ist mein Zuruf in diesen irren Zeiten, cool zu bleiben, nein, mehr noch: sich ganz konservativ auf den eigenen Urgrund zu besinnen. Journalisten sind da, um aufzudecken, aufzuklären und so zu kontrollieren und über die Herrschenden zu wachen. Das ist der Sinn. Lassen sie mich an dieser Stelle Joseph Pulitzer zitieren, den Gründer des gleichnamigen Preises für Journalisten, der schon vor mehr als 100 Jahren sagte: Journalismus ist eine Profession, kein Geschäft. Oder anders ausgedrückt: Journalisten müssen sich um Journalismus kümmern, nicht ums Geldverdienen.

Journalismus im Jahr 2013

Entsprechend wütend bis frustriert machen mich all die Konferenzen, Panels und Mediengipfel, die sich dem einen großen Thema verschreiben: Wie können wir (mehr) Geld verdienen?

Nein, Leute, überlasst das dem BdZV und den Geschäftsführer-Meetings!

Wir Journalisten müssen uns engagiert und selbstbewusst mit unserem eigentlichen Auftrag beschäftigen: Was ist Journalismus im Jahr 2013?

Wie nutzen wir Recherchetools wie Twitter? Wie entwickeln wir gerade im digitalen Bereich Formen, in denen wir aktuelle Entwicklungen anschaulich darstellen und gleichzeitig ihrer Komplexität gerecht werden? Welche journalistischen Antworten finden wir auf all die Fragen, die eine globalisierte Welt aufwirft, die immer komplizierter und widersprüchlicher wird? Wie nutzen wir die neuen Möglichkeiten, unsere Community einzubeziehen, oder technische Möglichkeiten für investigativen Data-Journalism?

Oder, wie Steve Coll, Dean der Colombia Journalism School sagt:

"The art, the profession, the sweat, blood and tears of journalism lies in (...) the newsroom." Und nirgends sonst.



insgesamt 156 Beiträge
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Seite 1
W. Robert 02.08.2013
1. Oh Pardon...
Nun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
espressoli 02.08.2013
2. 2020?....
2020 wird es nur noch eine einzige Zeitung geben... angepasst an die immer dümmer werdene Bevölkerung, eine Art "Leselektüre für den deutschen Bildungsstand"... Ein Witzchen zur Einleitung... ein echter Mord - für Krimifans... ein Verkehrsunglück in der Sahara - für alle "Ach-Gott-Sager-und-Gaffer"... fünzig Seiten Fussball - und natürlich ein Bildchen von der - inzwischen auf Lebenszeit in Berlin festgetackerten Kanzlerin - gut retuschiert versteht sich - dazu der Text ihrer Neujahrsansprache von 2011... auf der letzten Seite dann noch das Wort zum Sonntag von der Kanzlerin: "Alles wird gut, ich bin und bleibe bei Euch"... Könnte es je eine grössere - ausgesprochene - Drohung für die Bürger geben?.. Wie die Zeitung heissen wird?... Da gibt es kein Entrinnen... so wie Kanzlerin, wird auch sie ewig unser sein.... "BILD" wird sie heissen... das "Generationenblatt", das in Kindergärten und als Lehrmittel in den Hörsälen der Universitäten benutzt werden wird und deren Herstellungs-Kosten vom Bildungsministerium voll übernommen werden... Und wer nach "alten Büchern" sucht, wird im Jahre 2020 dann sicherlich noch alte Bild-Exemplare bei eBay finden, die doch tatsächlich noch "die Nackerte" auf der Titelseite hatten... und zwischenzeitlich auch von weiblichen u. männlichen Emanzen gelesen wird - mangels "Alternativen"... Irgendwie keine schönen Aussichten für das Jahr 2020... Könnte man das "Vierbuchstabenblatt" nicht einmotten ehe wir das Jahr Zweitausendundzwanzig schreiben? - und bitte die Propaganda-Kanzlerin dabei nicht vergessen - beim einmotten meine ich...
Amadeus Mannheim 04.08.2013
3. @ W. Robert: Nein im Gegenteil
Zitat von W. RobertNun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
Stimmt nicht! Was wir brauchen, ist Strukturierung der Information und Erklärung, Analyse. Die Meinungsgetriebenheit der Foren und Kolumnen ist natürlich interessant, macht es aber unmöglich, eine strukturierte Debatte über komplexe Themen zu führen oder zu verfolgen. Das ist der journalistische Job der Zukunft. Eben nicht mehr freie Themenwahl und eben nicht mehr das rigorose Beharren auf der Redaktionsfreiheit, sei darunter jetzt einmal die Freiheit zur politischen Meinung bzw. der Meinung in einer konkreten Sachfrage verstanden, die vom Verleger oder Herausgeber nicht beeinflusst werden darf. Nein, die Journalisten müssen uns, den Lesern, helfen, durchzublicken. Das ist auch der Grund, warum die TV-Talkshows gut laufen, so schlimm sie manchmal anzusehen und -zuhören sind. Sie lassen uns Testfahrten von Meinungen und Argumenten erleben, als wären es unsere. Und in guten Momenten sichern wir unsere Meinungen ab oder geben sie auf und verstehen, auf welcher argumentativen Basis wir dies vor uns selbst verantworten können. Dies ist in einer gut besetzten und gut moderierten Talkshow wirklich ein Gewinn, den ich bei Jauch und Will regelmäßig habe. Auch bei Illner. Wenn die Zeitungen es schaffen, diesen Gewinn zu bieten, werden sie leben. Egal ob digital oder gedruckt. Hierfür ist die eigene Meinung der Reakteure aber unwichtig. Sie ist einfach nicht mehr gefragt. Denn wir ertrinken in Meinungen. Die Journalisten müssen Moderatoren werden, Projektleiter des Projektes "Verständis", "Lösen von Komplexität" oder "Diskutieren alternativer Blickwinkel". Helfen lassen können Sie sich von Philosophen, etwa von Peter Sloterdijk, der in faszinierend einfachen Bildern komplexe Sacherverhalte darstelle, zB die politischen Parteien als Banken für Zorn- und Wutkapital darstellt, was einen sehr leicht verstehen lässt, was ein Grund für Politikverdrossenheit sein könnte. Hilfestellungen wie diese finden im Zeitungsjournalismus kaum noch statt. Die Branche muss komplett umdenken. Aktualität kann sie vergessen, dieses Rennen ist nicht mehr zu gewinnen. Meinung ist von gestern, s.o. Was zählt für die Zukunft ist Meinungskompetenz und echte Hilfe.
wol54 04.08.2013
4. Mutig voran
Zitat von sysopWie sieht die Zeitung von morgen aus? Was macht für Sie guten Journalismus auch in Zukunft aus? Diskutieren Sie hier auf SPIEGEL ONLINE. Wir sammeln die besten Vorschläge, werten sie aus – und entwickeln daraus das Konzept für eine digitale Tageszeitung.
Bei Zeitungen ist es ähnlich wie bei CDs: oft wollte ich nur einen Titel, musste aber früher die ganze CD kaufen. Heute kaufe ich mir nur noch diesen einen Titel bei Apple bzw. zahle ich monatlich 9,99 € bei Spotify und habe damit Zugriff auf fast alle CD´s. Was kann die Zeitungsbranche daraus lernen ? Einführung von Micropayment für einzelne Artikel, ich denke da an Beträge von 1-5 Cent. Mehrere Verlage (z.B. FAZ, Süddeutsche, Welt, Zürcher...) geben für 10 € im Monat ein Gemeinschaftsabo heraus. Der Abbonnent kann dann alle diese Zeitungen im Netz ohne weitere Mehrkosten lesen. Zeitungen wie die Stuttgarter Zeitung, Münchner Merkur... sollten Ihren Lokalteil deutlich ausbauen und dann z.B. für alle Nachrichten aus Ludwigburg 3 Cent pro Tag verlangen. Schlechte Nachricht: Es gibt kein Copyright auf News Gute Nachricht: seit ich mein Ipad habe sehe ich weniger fern, sondern lese auch mal den Lokalteil meiner heimatzeitung im Internet.
koem 04.08.2013
5. Tageszeitung vs. Online - 2020
Habe ich eine Tageszeitung in der Hand, umschleicht mich immer das unsichere Gefühl, nicht wirklich aktuelle Informationen geliefert zu bekommen. Das wird auch 2020 nicht anders sein! Aktuell ist eben nur online. Online wiederum habe ich keine Muße für längere Texte, für gut recherchierten Journalismus, für Hintergrundinformationen. Diese möchte ich aber nicht missen und sehe hier die Zukunft für das Printmodell. Erwähnt werden muss jedoch, dass dies wohl eher nicht auf eine Tageszeitung zutrifft, sondern auf ein Wochenmagazin. Für die Tageszeitung sehe ich schwarz. Beste Grüße aus Berlin Konstantin Thumm
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