"taz"-Geburtstag Wir sind Helden

Am 17. April 1979 erschien die erste Ausgabe der "Tageszeitung". Die größte (Journalisten-)Schule der Nation wird 25 Jahre alt und wundert sich über sich selbst. SPIEGEL ONLINE gratuliert der eitelsten und konservativsten Zeitung der Republik.


25 Jahre "taz": Helden unter sich

25 Jahre "taz": Helden unter sich

Berlin - Sie sind Helden. Zumindest werden "Wir sind Helden" aufspielen, wenn die "taz" am Samstag ihren 25. Geburtstag feiert - a capella. Die neueste deutsche Welle als Hintergrundrauschen für den "taz"-Tusch. Das Blatt kennt längst alle Tonlagen, hat alles schon gehört und gesungen: Befreiungs- und Protestsongs, Kriegsgeschrei, Abgesänge, Todesklagen, Galeerenrhythmen, Hochzeitsgesänge von ungebetenen Freiern und, natürlich, seufz, so viele bittersüße Liebeslieder.

Nun also Gesänge der Helden: "Du musst steinig sein und du musst gepeinigt sein. Du musst verrückt sein, solltest du dir zu schnell einig sein." Es steckt viel Weisheit in den Texten der Helden, viele doppelte Böden, die, genauer untersucht, sehr viel erzählen über die "taz".

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Zum 25. Geburtstag gibt es wieder viel Schulterklopfen für das tapfere Schreiberlein. Diese erprobte Mischung aus Mitleid, Belächeln und Respekt. Das hat den gleichen Ton wie vor fünf Jahren oder zehn Jahren, und man erfährt einmal mehr, ja wie lustig sie doch ist, wie kreativ, wie frech, wie unverzichtbar und einzigartig. Und auch jetzt liest man wieder viel über die Kunst der Schlagzeile, die Kunst der Krise, die Kunst der Gegenöffentlichkeit (die sich längst ins Internet verabschiedet hat), die Kunst zu überleben, die Kunst, seine Leser zu erpressen. Der "taz" werden regelmäßig Kränze geflochten, einfach weil es sie noch gibt. Der Nonkonformismus als bewundertes Model. Das tut ihr nicht nur gut: "Sie haben uns ein Denkmal gebaut und jeder Vollidiot weiß, dass das die Liebe versaut."

So droht die "taz" in einer Mitleidsfalle steckenzubleiben: Viele würden es bedauern, wenn es sie nicht mehr gäbe - aber muss ich sie deshalb kaufen? Gar solidarisch abonnieren? Und auch noch: lesen?

Die Welt ist schlecht und die "taz" gut

Popband Wir sind Helden: Die neueste deutsche Welle als Hintergrundrauschen

Popband Wir sind Helden: Die neueste deutsche Welle als Hintergrundrauschen

Weil das vor allem junge Leser ganz anders sehen, ist die Welt schlecht und die "taz" gut. Und die "taz" ist am Besten, wenn es der Welt schlecht geht. So sehen sie das in ihrem Generationengartenprojekt. "Und du gehst Rüssel an Schwanz hinterher. Trampelpfade, Hintermann, was brauchst du mehr?" Doch die "taz" ist in ihrer eingeübten Selbstgefälligkeit nicht mehr offenes Forum für diese Selbstbespiegelung, sondern ein Reflex des Kampfes mit der eigenen Geschichte, mit der Generation, die sie geboren hat.

Die Resonanz im Milieu ist immer groß. Bei linken Diskussionen über Kriegsfragen kann man den Eindruck gewinnen, die Positionierungen innerhalb der "taz"-Redaktion würden dort für wichtiger genommen als die Politik: "Ihr habt den Krieg herbeigeschrieben", lautete beim Kosovo-Konflikt der bezeichnende, sich selbst überschätzende Vorwurf. Die immer wieder aufflammende Erregung demonstriert, dass im "taz"-Millieu nichts Geringeres als das eigene Leben zur Debatte steht. Und das fasst einen anders an, denn im Hintergrund lauert immer das Gespenst eines Scheiterns. Solange die "taz" noch lebt und erregt, kann nicht alles falsch (gewesen) sein im eigenen Leben. Glauben sie. Leser und Macher. "Willst du für immer weiterzappeln zwischen nichts und oben, fühlst du dich aufgehoben, sag, fühlst du dich aufgeschoben?"

Der selbstironische Werbespruch "Alles eine Frage des Lebensstils" traf mehr Wahrheit, als der "taz" lieb sein konnte. Und halb amüsiert gucken sie nun zu, wie die deutsche Zeitungswirtschaft nach Luft ringt: Willkommen in der Krise, die bei der "taz" zum Konzept gehört. Das Blatt lebte schon immer viel stärker von Vertriebserlösen, die Einbrüche im Anzeigengeschäft, die die deutschen Zeitungen quälen, treffen die "taz" deutlich weniger. Die Deutschen jammern über die Agenda 2010? Nehmt die "taz" als Vorbild: Sie hat ihr Kapital verfrühstückt, lebt auf Pump, beutet sich selbst aus, übt den aufrechten Gang am Stock und hat Spaß dabei. Qualität kommt von Qual, so wird man zur größten (Journalisten-)Schule der Nation.

"Deutscher Schäferhund leckt Inge Meysel"

Erstausgabe der "taz" von 1979: Am Besten, wenn es der Welt schlecht geht

Erstausgabe der "taz" von 1979: Am Besten, wenn es der Welt schlecht geht

Mit der Proliferation der Mediengesellschaft wurde es für die "taz" - und auch andere - immer schwerer, noch einzigartig zu sein. Der Ironie- und Coolnessdruck der neunziger Jahre ließ viele Medien "taziger" werden: Alles ist möglich, selbst der geborene Gegner "Bild"-Zeitung erlangte so bedenklichen Kult-Status. Wer würde sie zuerst drucken und nicht ernst nehmen, die Schlagzeile "Deutscher Schäferhund leckt Inge Meysel den Brustkrebs weg?" Die "taz"-Wahrheit oder die letzte Seite der "Bild"?

Natürlich verwahrte man sich bei der "taz" gegen solcherart Humor, auch wenn sie der Geburtshelfer waren für die Pest der Neunziger, der Stuckrad-Barrisierung des Schreibens. Mit den "betörenden Gasen" der Spaßgesellschaft, mit deren "nihilistischem Zynismus" ("FAZ") wollte die "taz" in ihrer weltschweren Ironie bitte nicht verwechselt werden. "Jetzt ist eher Nonkonformismus gegen postmoderne Beliebigkeit angesagt", schrieb sie sich selbst mahnend zum 20. Geburtstag ins Stammblatt und Chefredakteurin Bascha Mika erkannte pressegeschichtlich Relevantes: "Wir müssen unsere Stärken stärken."

Das sieht fünf Jahre später so aus, dass man mit "taz zwei" vorsichtiges Facelifting betreibt und verkrampft neue Leser anlächelt, damit aber für einen Aufstand in der eigenen Stirnfalten-Fraktion sorgt. Nur noch Narben, da wo Wunder waren. Der taz-Stil: wie ein König Midas der Medienwelt seine journalistische Umgebung sich selber anverwandelt, "und es ihm immer schwerer wird, sich dann zu unterscheiden" ("FAZ"). Und das zum wiederholten Male: "Ich mal' uns beide als Umriss aus Kreide auf den Asphalt. Du erkennst mich nicht wieder." Die selbsternannten Moralwächter der Nation waren sich auch nicht zu schade, ihren Lesern ausgerechnet das dubiose Verschwörungsbuch "11.9" von Mathias Bröckers, ehemals "taz"-Mitarbeiter, als Abo-Prämie anzudienen.

Ausgehanzug über dem Blaumann

Ist die "taz" eine gute Zeitung? Ja. Aber wer nur "taz" liest verdummt. Sie ist die ideale Zweitzeitung, dafür aber eigentlich zu teuer. Wer will sich das heute noch leisten, eine zweite Gesinnung, eine zweite Haut, einen Ausgehanzug über dem Blaumann oder Kampfanzug?

Warum also muss die "taz" sein? Weil sie das eitelste und konservativste Blatt der Republik ist. Sie glaubt, so viele Antworten zu kennen, dass ihre wahre Stärke als Kollateralschaden echten Lesernutzen bringt. Die "taz" stellt in einem altmodischen Sinn die Wahrheitsfrage, sie stellt Fragen. Und da versteht sie keinen Spaß. In der Humorlosigkeit, die sich die "taz" da leistet, geht es schlicht um einen Wert, der als Begriff abgewirtschaftet hat, aber immer wichtiger wird: Moral. Das ist ein Grundantrieb der Zeitung. Und eine Marketingstrategie, auf die sie sich viel einbildet. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat."Wir können alles schaffen, genau wie die tollen dressierten Affen. Wir müssen nur wollen".

Die kursiv gesetzten Zitate stammen aus dem Album "Die Reklamation" von "Wir sind Helden"



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