"taz"-Lokalausgaben Widerstand gegen die Schließung

Alle Jahre wieder kämpft die "taz" ums Überleben. Morgen geht es ausnahmsweise mal nicht um den Bestand der gesamten Zeitung - sondern "nur" um den Bestand von 28 Stellen in den Lokalausgaben Hamburg und Bremen. Doch die Hanseaten leisten Widerstand.

Von Lars Langenau


"taz"-Redaktion (in Berlin): Lokalausgaben ade?
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"taz"-Redaktion (in Berlin): Lokalausgaben ade?

Die 'taz Hamburg' macht große Schiffe im Hamburger Hafen ganz klein. ... Die 'taz Hamburg' ist mitten drin und nicht dabei. Deshalb hat sie eine besondere Sichtweise, und die ist wichtig. Das soll so bleiben."

Michael Neumann, SPD-Fraktionschef in der Hamburger Bürgerschaft

"Die 'taz' ist in Bremen unverzichtbar, weil sie die etwas andere Sichtweise auf die Probleme des kleinesten Bundeslandes hat. Weil sie lästig ist, aufstört und Widerspruch erzeugt. Weil sie für Vielfalt sorgt und auch andere Meinungen zu Wort kommen lässt. Bremen ohne 'taz' wäre wie ein Fisch ohne Fahrrad: er schwimmt nur im eigenen Wasser." Paul Note, Professor für Zeitgeschichte an der FU Berlin

Was ist los an der Waterkant? Anfang des Monats hatten Chefredaktion und Geschäftsleitung gemeinsam unter dem euphemistischen Titel "Regionalteile reformieren und sichern" die Schließung der Lokalredaktionen in Bremen und Hamburg und ihre Eingliederung in eine vergrößerte "taz Nord" angekündigt. Die soll dann mit mehr als den derzeitigen zwei Seiten die Berichterstattung aus den fünf Bundesländern Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Bremen und Hamburg abdecken. Doch Politiker, Wissenschaftler, Kulturschaffende und viele weitere Leser sind empört: Schließlich bliebe dann Bremens Lokalberichterstattung völlig dem "Weser-Kurier" überlassen und in Hamburg gäbe es - neben der boulevardesken "Morgenpost" - nur noch die Springer-Blätter.

Doch aus der Berliner Chefetage der "taz" kommt eine eindeutige Ansage: Obwohl die Ausgabe in Hamburg kommendes Jahr 25-jähriges Jubiläum feiern und die Bremen-Ausgabe 20 Jahre alt werden würde, sei die Einstellung der Regionalausgaben zum 1. Januar 2006 "im Prinzip" beschlossen, sagt Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch. Dabei wurde schon vor zwei Jahren der Umfang der Lokalteile von jeweils vier Seiten auf zwei gekürzt und stattdessen die zwei neuen gemeinsamen Seiten für den gesamten Norden produziert. Die Finanzlage konnte das jedoch nicht entspannen.

Die Geschäftsführung will jetzt das Spannungsverhältnis zwischen dem Ziel, regional zu arbeiten, und dem Anspruch, es auch finanzieren zu können, beenden. Es könne nicht sein, dass etwa die Gesamtkosten der Anzeigenabteilung in Bremen die Einnahmen übersteigen, sagt Ruch. Sein Fazit in der "taz" vom Anfang des Monats: "Das geht nicht."

"Ich habe nichts zurückzunehmen"

"taz"-Titelseite (Archiv): "Zähne zeigen"

"taz"-Titelseite (Archiv): "Zähne zeigen"

Doch seit dieser neuen Eindeutigkeit aus Berlin trommeln die Reaktionen in Bremen und Hamburg gegen die drohende Schließung - und den Verlust von 28 von 40 Stellen. Doch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagte Ruch jetzt noch einmal: "Ich habe nichts zurückzunehmen." Da hilft es offenbar wenig, dass sich nach Angaben des Hamburger Redaktionsleiters Sven-Michael Veit der ursprünglich prognostizierte Verlust von 250.000 Euro mittlerweile auf 108.000 Euro verringerte.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Klaus Wolschner aus Bremen hat Veit jetzt mehrere Dutzend Genossenschafter mobilisiert, die am Samstag bei einer "taz"-Gesellschafterversammlung das Blatt noch wenden wollen. Doch die Hoffnung könnte trügerisch sein: Schließlich wäre so ein Schritt ein Novum in der Gesichte der kleinen linken "taz". Außerdem habe die Generalversammlung der Genossenschafter gar nicht die Macht dazu, den Beschluss der Geschäftsführung zu kippen, sagt Ruch.

"Nur dumme Menschen sägen den Ast ab ...

"taz" (Archiv): Sinkende Auflage in den Großstädten

"taz" (Archiv): Sinkende Auflage in den Großstädten

"Das gab es noch nie, dass die 'taz' eine ganze Betriebsstätte schließen wollte", empört sich Wolschner dennoch. Gemeinsam mit den Hamburgern nahm er den Kampf gegen das drohende Aus auf: Sie starteten eine Leserbriefkampagne ("Nur dumme Menschen sägen den Ast ab, auf dem sie sitzen") und warben - in alter Tradition - um neue Abos. 2500 Abonnenten hat die "taz" derzeit in Bremen und seinem "Speckgürtel", sagt Wolschner. Jetzt seien 100 neue Abonnenten, oder solche die ihren Beitrag freiwillig aufgestockten, dazu gekommen. "Die Kampagne ist erstaunlich gut gelaufen", sagt er. Damit sei "deutlich geworden, dass es viele in Bremen gibt, die die Lokalausgabe für unverzichtbar halten". Ruch berührt das wenig: "Es müssten 4000 Abos in Bremen sein."

Der Hamburger Veit will der Versammlung nun einen Kompromiss unterbreiten: Demnach soll die Entscheidung um sechs Monate vertagt werden - damit zumindest der Jahresabschluss noch abgewartet werden kann. Erst dann könne sich auch der Erfolg der neuen Anzeigenleitung zeigen, die erst im Juni nach zwei Jahren Vakanz wieder besetzt worden sei.

Zudem wollen die aus bewegten Zeiten kampferprobten Hanseaten sogar akzeptieren, dass ab 1. Oktober die Berliner die redaktionelle Hoheit der bislang weitgehend autonomen Redaktionen übernehmen. "Damit sind wir einverstanden", sagt Veit, "aber nur auf der jetzigen Grundlage - und nicht auf dem Fundament eines Kahlschlags."



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